Asia Etruscos sibi vindicat?

18.06.2007

Stammen die Vorfahren der Bewohner der Toskana aus dem Gebiet der heutigen Türkei?

Der Humangenetiker Alberto Piazza von der Universität Turin stellte auf dem Jahrestreffen der European Society of Human Genetics in Nizza Ergebnisse einer Studie vor, die der These, dass das antike Volk der Etrusker aus Kleinasien eingewandert ist, neue Nahrung geben sollen.

Terrakottafigur einer Etruskerin, 150-120 vor Christus. Foto: Thomas Ihle, Wikimedia Commons

Herodot vs. Dionysios von Halikarnassos

Die etruskische Kultur, die sich stark von den Umliegenden unterschied, aber auch großen Einfluss auf die römische Zivilisation hatte, bestand von etwa 800 vor Christus bis zum Ende der römischen Republik. Das Rätselraten über den Ursprung der Etrusker geht bis in die Antike zurück: Herodot war der Auffassung, dass sie aus dem kleinasiatischen Lydien eingewandert seien, nachdem der dortige König die Hälfte der Bevölkerung während einer lang andauernden Hungersnot fortschickte. Die Römer übernahmen Herodots Ansicht, führten jedoch auch das Element der rituellen Prostitution ins Feld, mit der sich sowohl Lydierinnen als auch Etruskerinnen ihre Mitgift verdienen sollten - wobei in beiden Fällen möglicherweise eine römische Zuschreibung von als abstoßend empfundenem Verhalten vorliegt. Dionysios von Halikarnassos vertrat dagegen die Ansicht, dass die Etrusker ein indigenes Volk gewesen seien. Tatsächlich finden sich in der Toskana bereits vor dem Auftauchen der etruskischen Kultur Fundstücke einer anderen, der sogenannten Villanovakultur, die erst im 5. vorchristlichen Jahrhundert ganz verschwand.

Piazza sammelte Genproben aus Murlo, Volterra und Casentino. Bereits vorher war bekannt, dass sich die Bewohner dieser Ortschaften genetisch von den Menschen in der Umgebung unterscheiden. Murlo und Volterra sind wichtige etruskische Ausgrabungsstätten. In ihnen wird zudem viel über die etruskische Herkunft von Ortsnamen und Dialektausdrücken spekuliert. Casentino liegt dagegen nur in der Grenzregion des Gebiets, in dem sich möglicherweise etruskische Einflüsse erhalten haben. Bei den Proben achtete man darauf, dass die Männer denen sie entnommen wurden, Nachnamen trugen, die (außer bei den Nachfahren von Auswanderern) nur in der Region vorkamen und dass ihre Familien seit mindestens drei Generationen in den Ortschaften ansässig waren.

Die Wissenschaftler verglichen die entnommene DNS mit Proben aus dem südlichen Balkan, von der griechischen Insel Lemnos, aus Sizilien und aus Sardinien. Zusätzlich wurden Daten von DNS-Proben aus der Türkei, aus anderen Gegenden Süditaliens und Europas, sowie aus dem Nahen Osten zu Vergleichszwecken herangezogen. In Lemnos wurde deshalb getestet, weil man hier bereits aufgrund eines archäologischen Fundes einen Zusammenhang mit den Etruskern vermutete. Eine 1885 auf der Insel gefundene Stele mit einer nicht-griechischen Inschrift weist große Ähnlichkeiten mit etruskischen Schriftzeugnissen auf.

Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass die Genproben aus Murlo und Volterra eine größere Ähnlichkeit zu denen aus dem Nahen Osten aufwiesen, als die anderen italienischen Proben. Eine genetische Variante kam nur in Murlo und in der Türkei vor. Von den genommenen Proben waren sich die aus der Toskana und aus Lemnos am ähnlichsten.

Etruskisches Paar. Foto: GerardM, Wikimedia Commons

Piazza war nicht der erste Wissenschaftler, dessen aus Gentests gewonnene Indizien auf einen relativ engen Zusammenhang zwischen Kleinasien und der Toskana hindeuten. In einer im American Journal of Human Genetics veröffentlichten Studie hatten Wissenschaftler ähnliche Tests mit mitochondrialer DNS durchgeführt und waren zu ähnlichen Ergebnissen für die weiblichen Abstammungslinien gekommen.[1] Und eine im Mai in der Zeitschrift Proceedings of the Royal Society veröffentlichte Studie zu sehr alten Rinderrassen hatte ergeben, dass die Tiere in der Toskana genetisch viel mit ihren kleinasiatischen Artgenossen zu tun hatten. Das Ergebnis ist allerdings nur bedingt aussagekräftig, weil praktisch das gesamte europäische Nutzvieh aus Kleinasien stammt. Dass bei Rinderrasen, die den in der Antike verbreiteten ähneln sollen, eine größere Ähnlichkeit miteinander vorliegt, ist deshalb nicht weiter verwunderlich.

Indizien, aber keine Beweise

Der Schluss, dass Herodots These mit den Tests bewiesen sei, könnte trotz der Ergebnisse dieser Tests voreilig sein: Die auf das sechste vorchristliche Jahrhundert datierte Stele aus Lemnos könnte ebenso gut von Kolonisten aus dem Gebiet der heutigen Toskana stammen, wie von solchen aus der westlichen Hälfte Kleinasiens. Und auch die Ähnlichkeiten zwischen der DNS aus der Toskana und der aus Kleinasien lassen sich durchaus auf andere Weise erklären, als mit einer Einwanderung der Etrusker aus Lydien: In der römischen Antike gehörten die kleinasiatischen Provinzen zu einer der reichsten und wichtigsten Regionen des Reiches, aus der viele Personen den Weg nach Rom fanden: Vom zum Senatoren aufgestiegenen Lokalaristokraten bis hinunter zum versklavten Kriegsgefangenen lassen sich viele solche Bewegungen anhand der Schriftquellen nachvollziehen. Auch nach der gotischen Eroberung Italiens kamen mit der byzantinischen Rückeroberung zahlreiche Menschen aus Kleinasien in die Toskana, die sehr wahrscheinlich ebenfalls ihre genetischen Spuren hinterlassen haben.

Widerspruch zum linguistischen Forschungsstand

Zudem bleibt ein ungeklärter Widerspruch, wenn man den derzeitigen linguistischen Forschungsstand mit heranzieht: Lydisch ist eine anatolische und damit indoeuropäische Sprache - wenn auch mit Eigenheiten. Vom Etruskischen sind nur etwa 200 Wörter bekannt - die meisten davon Lehnwörter aus bekannten Sprachen. Die wenigen gefundenen Inschriften reichen nicht aus, um die Sprache vollständig zu verstehen, deuten jedoch stark darauf hin, dass es sich um eine nicht-indoeuropäische Sprache handelt, die vielleicht mit dem Rätischen verwandt ist, dass im altbairischen Sprachraum und in der Ostschweiz gesprochen wurde. Aus diesen Gründen will Piazza auch weiterhin versuchen, verwertbare DNS aus Knochen von etruskischen Fundstellen zu extrahieren - was bisher nicht gelang.

In den letzten Jahren wird die Geschichtswissenschaft durch die Ergebnisse der neueren Genforschung befruchtet, wie wenige andere Wissenschaften: Während etwa die Soziologie vor sich hin dümpelte und kaum neue und interessante Erkenntnisse brachte, kam in den historischen Disziplinen einiges in Bewegung. So wurden etwa über solche Tests genetische Indizien dafür gefunden, dass eine relativ kleine Gruppe angelsächsischer Eroberer in England die keltische Bevölkerung mittels eines Apartheid-Systems ins Abseits drängte.

Auch in Deutschland gab und gibt es interessante Projekte: An der Universität Göttingen findet derzeit die Auswertung eines Vergleichs des Erbguts von 300 Menschen aus dem Kreis Osterode in Sachsen-Anhalt mit demjenigen von 40 in einer nahen bronzezeitlichen Begräbnisstätte gefundenen Skeletten statt. Die Ergebnisse sollen Anfang Juli der Öffentlichkeit vorgestellt werden und versprechen interessante Aufschlüsse, inwieweit in dem Gebiet Siedlungskontinuität herrschte.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (34 Beiträge) mehr...
Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.