"Extrem viele Frauen sehen diese Filme"

20.06.2007

Zur Konjunktur der Folter in Hollywood

Ein elektrischer Bohrer bohrt sich ins Fleisch eines Mannes, eine Säge trennt Glieder vom Leib, alles natürlich ohne Betäubung, eine Schere dringt in ein menschliches Auge ein - nur ein paar wenige Szenen aus US-amerikanischen Horrorfilmen der letzten Zeit. Letzte Woche kam nun der von keinem Geringeren als Quentin Tarantino produzierte, von Eli Roth inszenierte "Hostel 2" in unsere Kinos - nur der neueste und brutalste in einer ganzen Kette von Horrorfilmen, die in den letzten zwei Jahren alles weit überschreiten, was Zuschauern zuvor in punkto Brutalität, Ekel und Perversion auf der Leinwand geboten wurde - von "Texas Chain Saw Massacre" über "Land of the Dead" bis zu "The Hills have Eyes", "Wolf Creek", "Saw 1, 2 und 3" bis "Hostel" dem Vorläufer des neuen Films. Die Zeiten sind hart, aber der Horror ist härter.

"Hostel 2". Bild: Sony

Mit dem Horror ist das so eine Sache. Man ist ja in unserer Kultur häufig geneigt, das Vergnügen daran für ein prinzipiell niederes zu halten. Wenn zwei chinesische Bauern zwei Stunden lang einem Fluss beim Fließen zugucken, ist das Kunst. Wenn aber ein paar amerikanische Bauern ein junges Backpackerpaar aus der Stadt zerstückeln, kann und darf das keine Kunst sein - so zumindest das Einverständnis.

In "Hostel" landen drei harmlose Rucksacktouristen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava in einer Herberge des Grauens. Zwei von ihnen werden brutal und in vielen Einzelheiten sichtbar zu Tode gefoltert. Mit der Zeit begreift man: Das Hostel ist eine Falle, in der zahlungskräftige Kunden gegen Bezahlung an jungen Touristen ihre schlimmsten sadistischen Neigungen ausleben, sie quälen und töten können. In "Hostel 2" wird das Muster wiederholt, nur dass es diesmal drei junge Frauen, Kunstgeschichtsstudentinnen sind, die den slovenischen Folterern zum Opfern fallen, und dass die Filmemacher noch mehr Geld zur Verfügung hatten, der Film deshalb ausgefeilter, subtiler, technisch wie darstellerisch interessanter ausgefallen ist, während "Hostel" als Film aber tatsächlich nicht weiter der Rede wert war.

Filmästhetisch überaus dumm und unreif, dilettantisch inszeniert, miserabel ausgeleuchtet und auch hinsichtlich der Qualitäten der Darsteller allenfalls auf dem Niveau einer Daily Soap verrät er zunächst einmal vor allem viel über mangelnde ästhetische Erziehung und Niveauverlust des Publikums. Trotzdem kann man angesichts des Zuschauererfolgs - "Saw" (vgl. Worüber man nicht reden darf ... und Der Serienmörder als Superheld) sahen mehr als 500.000 beziehungsweise mehr als 800.000 Besucher, ganz zu Schweigen von den DVD-Auswertungen - das Genre nicht ignorieren.

Übungen in herzloser Grausamkeit und Brutalität

Was all diesen neuen Filmen gemeinsam und als unverkennbarer Trend von höherem Interesse ist: Sie nehmen ihr Thema, den Horror ernst - und sie zeigen ihn auch: Mit allen Mitteln der Kunst; drastisch; überaus körperlich konkret; und phantasievoll in der Wahl der Mittel und Körperteile, dabei mit einer auffälligen Vorliebe für das Thema Folter, für Szenen der extremen Qual von Menschen durch Menschen. Diese Filme schließen ihre Figuren und mit ihnen die Zuschauer in klaustrophobische, kerkerähnliche Räume ein, die die visuellen Zeichen von Abu Ghraib mit denen der Labore der "mad scientists" Hollywoods mischen.

Es sind Experimentierräume menschlicher Grausamkeit, die voller Hingebung und mit der schwarzen Logik und strengen Rationalität eines Marquis de Sade am menschlichen Körper exekutiert wird. Die SZ schrieb in ihrer Kritik von "ein wenig Hieronymus Bosch und sehr viel Francis Bacon". Oft genug animieren die Filme ihre Zuschauer zur Identifikation mit den Folterern, ihrem Sadismus und ihrer perfid-perversen Gedankenwelt - am deutlichsten in der "Saw"-Trilogie.

"Hostel 2". Bild: Sony

Die neuen Folterfilme sind Übungen in herzloser Grausamkeit und Brutalität. Sie ignorieren moralische Grundprinzipien, verletzen und demontieren detailliert noch die elementarsten Prinzipien der Menschenwürde - und legen den Zuschauern im Kino nahe, sich exakt an solcher Verletzung zu vergnügen.

Das Ende der Ironie und die Rückkehr zum Ernst

"Es gibt einen Trend, Folterszenarien gekoppelt mit Triebtätermotiven; im aktuellen Kinofilm sehen wir zum Beispiel natürlich "Hostel" oder "Wolf Creek". Das sind drastische und morbide Phantasien, die das Kino ausagiert", sagt auch Marcus Stiglegger, Filmwissenschaftler aus Mainz, jetzt auf einer Veranstaltung der Berliner Akademie der Künste über "Gewalt und Triebtäter im Kino".

"Hostel 2" ist dabei nur das augenfälligste Beispiel für eine neue Lust am Schmerz und an Folterdarstellungen, die sich gerade auf US-Leinwänden ausbreitet. Längst hat dieses Neo-Exploitation-Kino auch den Mainstream infiziert: Im dritten "Mission Impossible"-Film (vgl. Uncooler Klassenprimus) wie auch der letzten, fünften Staffel der Serie "24" (vgl. Der Rambo für Intellektuelle) gab es extreme Folterszenen, die nur in ihrer Darstellung etwas abgeschwächt und erträglicher gestaltet wurden.

Lange war das anders. Über zehn Jahre lang nahm Hollywood seine eigenen Horrorfilme und die in ihm implizit enthaltene Mythologie nicht mehr ernst. Stattdessen wimmelte es von allzu cleveren Genre-Reflexionen und zitat-reichen Ironisierungen a la "Scream" und "Scary Movie". Schlichte Verdrängung oder eine glückliche Epoche kurzzeitiger Unschuld - nun ist jedenfalls eindeutig Schluss mit lustig.

Woher kommt diese plötzliche Kursänderung? Wohl kaum liegt es am viel beschworenen und gern zitierten "11.September 2001", denn in der Zeit unmittelbar nach den New Yorker Terroranschlägen war exzessive Gewalt auf der Kinoleinwand zunächst einmal mehr denn je tabu. Genau genommen begann die Rückkehr zum Ernst im Horror auch schon etwas früher. Bereits im März 2001 kam der "Directors Cut" von William Friedkins "The Exorcist" ins Kino.

Die Folterknechte werden gesellschaftsfähig

Sehr wohl aber liegt es an den Folgen der New Yorker Terror-Anschläge. Zu den Bildern der Wirklichkeit, die auf allen Ebenen medial vermittelt werden, gehören malträtierte Menschen, von Attentaten zerfetzte Körper, Enthauptungen vor laufender Kamera, ebenso wie US-Soldaten, die ihre menschlichen Gefangenen mal in orangene Säcke stecken, und ihnen mal Elektroden anlegen - in jedem Fall transformieren sie sie zu rechtlosen, entmenschlichten Wesen. Die Paranoia, ein Grundreflex des Kinos, speist sich also im Hier und Jetzt.

"Hostel 2". Bild: Sony

Und vielleicht darf es einen in Zeiten von Guantanamo-Lagern, Abu Ghraib-Demütigungen, US-Geheimgefängnissen, Brutalisierung der Truppe, Willkürherrschaft des Okkupationsregimes, dutzendfacher Missachtung der Genfer Konventionen, Kriegsverbrechen, alltäglichem Irak-Terror, Kämpfen zwischen Nationalgarde und Schwarzen in New Orleans und einer im Westen wieder hoffähig gewordenen Debatte über die Legitimität der Folter überhaupt nicht überraschen, dass nun auch im Kino die Alpträume auf die Leinwände zurückkehren.

Denn schon einmal, Anfang der 70er Jahre, kam plötzlich eine blutige Welle anderer, brutalerer Horrorfilme als "Splatter" und "Gore" ins Kino, veränderte die Seh-Konventionen und entfaltete tiefere Bedeutung. Regisseure wie George Romero, Wes Craven und John Carpenter kreierten damals einen amerikanischen Kinoalptraum, der sich eindeutig als Ausdruck des Kollektiven Unbewussten Amerikas verstehen ließ, als gesellschaftskritischer Kommentar zu Vietnam, Watergate, der Ermordung der Kennedys und Martin Luther Kings. Allerdings waren auch die Filme jener Epoche ihrerseits mitunter sadistisch und manipulativ.

Auch die neuen Filme sind vor allem deshalb interessant, weil alltägliche Medien-Bilder hier filmisch reflektiert werden. In diesen Filmen herrscht eine identische Willkür im Umgang mit den Menschen, wie man sie aus den Berichten über US-Gefängnisse kennt. Das Individuum verliert seine Individualität, wird auf seine Leiblichkeit als nackter Fleischklumpen reduziert. Doch zugleich werden sie in einen fernen Kontext verschoben, können kulturell wieder abspalten werden vom eigenen Erfahren. "Hostel" und Co kündigen die Ambivalenz des 70er-Jahre Horrors auf, und flüchtigen sich in Eindeutigkeiten. Zudem werden die Folterknechte gesellschaftsfähig, bekommen ein Gesicht, müssen sich die blutgierigen Schlachter kaum noch verstecken, ihre Taten werden als barbarische Normalität inszeniert.

Hoher Anteil von weiblichen Zuschauern

Welche weiteren Bedürfnisse werden von diesen Filmen noch erfüllt? Es gibt wenige brauchbare Studien zur Wirkungsforschung solcher Filme. Eine der wenigen Umfragen, im vergangenen Herbst in der Branchenzeitschrift Variety veröffentlicht, besagte, so Marcus Stiglegger:

Dass extrem viele Frauen diese Filme sehen, dass es einen ganz hohen Anteil von weiblichen Zuschauern gibt, die sich Filme ansehen, in denen ganz explizit Folter zu sehen ist. Und zwar deutlich. Wer die Filme kennt, wird ja wissen: Da werden Finger abgeschnitten, alles in Nahaufnahme. Das ist ein interessantes Phänomen.

"Scream"

Eine zweite Ursache liegt laut Stiglegger auch im gewaltsamen Zurückholen von Körpererfahrungen, die in der zunehmend virtualisierten Medienwelt verloren gehen:

Das sind ja Filme, die sinnlich erfahrbar sind, die mit Musik und mit diesen drastischen Bildern versuchen, uns auf unsere existentielle Körperlichkeit zurückzuwerfen. Und das funktioniert möglicherweise auch gerade, weil viele, aber bei weitem nicht alle dieser Opfer Frauen sind, auch bei weiblichen Zuschauern. Also in einem positiven Sinn. Das Bedürfnis diese Filme zu sehen, dass es ja offensichtlich gibt, spricht auch dafür, dass es notwendig ist, dass es diese Filme gibt. Es gibt wirklich eine Nachfrage nach diesen drastischen Szenarien.

Die neue Filmwelle spiegelt also aktuelle Erfahrungen wie eine tiefer liegende grassierende Unsicherheit. Weil die Leichen im Keller des Westens lebendiger sind, als es einem lieb wäre, schlurfen analog dazu plötzlich auch wieder Zombies und Monster, Serienmörder und Folterknechte über die Leinwände. Denn das Grauen lauert direkt nebenan, die Apokalypse findet täglich in den Nachrichten statt.

Was Statistiken, Schlagzeilen und Nachrichtenbilder nur erahnen ließen, vermöge der Horrorfilm zu artikulieren, schreibt die Filmwissenschaftlerin Sarah-Mai Dang in einem Aufsatz im "Filmdienst":

Er konkretisiert das Grauen dieser Welt, er macht die unmittelbare Verletzbarkeit auf persönlicher Ebene erfahrbar, indem er den Betrachter zutiefst erschüttert, die Realität im wahrsten Sinne des Wortes zerfetzt.

Dang verweist auf "dieses Gefühl von gesellschaftlichem Verfall und eigener Angreifbarkeit" das in der Gegenwart omnipräsent sei, aber "niemand direkt auszusprechen wagt."

Härte, Ekel und Tabubruch als Selbstzweck

Trotzdem: Der Horrorfilm hat nicht zu Unrecht den Ruf eines reaktionären Filmgenres. Zwar lässt Eli Roth auch an der moralischen Korruption Amerikas keinen Zweifel, denn die Kunden seines "Hostel" sind US-Geschäftsleute, doch zeigt der Film politisch zu wenig und viel zu unklar Flagge, um zu wirken. Härte, Ekel und Tabubruch wirken wie Selbstzweck, so wie der Besuch auch der Fortsetzung nun vor allem eine Mutprobe ist. Das schon Gezeigte muss übertroffen werden.

"Passion of Christ"

Doch damit befindet sich der Film auf einer Ebene mit Machwerken wie Mel Gibsons "Passion of the Christ" (vgl. O'zapft is!), der auch nur ein besserer, in guten Absichten gefärbter Splatter war, immer nahe am Voyeurismus. Will man dagegen die Brutalisierung der Weltpolitik zeigen, den Vertrauensverlust in staatliche Autoritäten illustrieren, muss man Täter wie Opfer benennen und den Hardcore zeigen. Wildheit und Chaos wären nötig, nicht kalte Formeln.

Nun arbeitet die Kunst seit jeher mit exzessiver Gewalt. Trotzdem: Wie sich die brutale Folterdarstellung auf die Zuschauer auswirkt, bleibt einstweilen offen. Vielleicht darf man an die Warnung des französischen Surrealisten Roger Callois erinnern. Der stellte einmal fest: "Wer Gespenst spielt, wird selber eins."

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