Der Film zum Marktplatz

26.06.2007

Der Dokumentarfilm "Traders' Dreams" wirft einen Blick hinter die Community von eBay - und eBay schweigt sich dazu aus

Der virtuelle Marktplatz eBay gilt als eine der letzten großen Erfolgsgeschichten des dot.com-Sektors - und die Firma als eine der wenigen, die immer weiter wuchs, als die Blase drum herum platzte. Vor wenigen Jahren hatte eBay einen höheren Börsenwert als jeder Autohersteller bis auf Toyota. Nun gibt es denn den ersten Dokumentarfilm über eBay: Trader's Dreams startet am 28.6. in den Kinos (Trailer). Während eBay Deutschland den Film anfänglich unterstützte und eBay USA ihn zumindest duldete, indem beispielsweise Drehgenehmigungen für eBay-Universitäten und Gesellschafterversammlungen erteilt wurden, wissen die PR-Leute von eBay heute plötzlich nicht einmal mehr, dass ein solcher Film gedreht wurde. Dabei geht der Film recht wohlwollend mit eBay um.

Bild: "Traders' Dream"

In letzter Zeit häufen sich die Dokumentarfilme, die die Massen in die Kinos locken. Michael Moore hat dem Genre sicherlich zum Durchbruch geholfen, und mittlerweile gibt es sogar den Film zum Film (Gegenpropaganda für den linken Stammtisch) über ihn. Doch Moores Filme sind amerikanisch, und das bedeutet vor allem: Man weiß, wer gut und wer schlecht ist. Die Tendenz zur Schwarz-Weiß-Malerei wird auch klar, wenn man die beiden thematisch vergleichbaren Filme "Fast Food Nation" des Texaners Richard Linklater und Unser täglich Brot des Österreichers Nikolaus Geyrhalter. Linklater machte aus dem Buch von Eric Schlosser eine Art Doku-Spielfilm und teilte dabei alle überspitzt in good guys und bad guys ein - so kann der Kinobesucher danach eigentlich nur die bösen, bösen Fast-Food-Ketten hassen. Bei Geyrhalter geht man dahingegen eher aus dem Saal mit dem Gefühl, dass man auch selbst schuld ist, weil man solche Billigprodukte isst und dabei die Massenhaltungsindustrie unterstützt. Weil Geyrhalter auf die belehrende Stimme aus dem Off verzichtet, wird der Zuschauer nämlich zum Nachdenken angeregt statt belehrt.

Bild: "Traders' Dream"

Einen solchen differenzierteren Blick zeigen der Schwabe Marcus Vetter und der Badner Stefan Tolz in ihrem Dokumentarfilm über Ebay. Es wird nicht etwa sensationell auf die Firma losgedroschen, sondern die Filmemacher hat vielmehr interessiert, wie diese interessante Geschäftsidee, an der jeder Internetnutzer teilnehmen kann, in verschiedenen Ländern aussieht. In den USA ist eBay schon zu einer Art Community geworden, die dem deutschen Zuschauer fast wie eine Sekte erscheinen mag. Verlangt diese marktwirtschaftliche Idee zu viel Eigeninitiative für einen arbeitslos gewordenen ostdeutschen Physiker, der in der DDR die Schulbank drückte? Können Künstler auf entlegenen schottischen Inseln ihre Waren plötzlich direkt an Sammler bringen? Und was macht ein mexikanisches Künstlerdorf ohne Internetzugang?

"Traders' Dreams" beantwortet diese Fragen ganz ohne Stimme aus dem Off. Der Zuschauer muss zunächst die verschiedenen Stränge selbst zusammenfügen, um sie zu deuten. Der Film möchte dabei nicht, etwaige Machenschaften hinter eBay zu entlarven, sondern menschliche Schicksale erzählen, die sich nach der ersten Berührung mit eBay geändert haben… oder auch nicht, denn nicht jeder wird seine Ware los, geschweige denn zu einem vernünftigen Preis.

Bild: "Traders' Dream"

Das dürfte die Firma eBay wurmen: Während eBay in letzter Zeit versucht hat, sich als ultimative Plattform für jedermann auf dem Weg zur Erfüllung des American Dream zu verkaufen, gibt es in Wirklichkeit auf jedem Markt Gewinner und Verlierer (was so mancher Liberale gerne verschweigt). So wurde in einer Werbekampagne für Aktienhalter von eBay behauptet, einfache Menschen in Entwicklungsländern würden den virtuellen Marktplatz nutzen, um ihre Werke direkt in die USA zu verkaufen. Es wurden Bilder von glücklichen, der Armut entkommenen Mexikanern an Laptops gezeigt.

Vetter und Tolz witterten eine tolle Geschichte für ihren Film, und doch mussten sie vor Ort feststellen, dass das Dorf zur Zeit der Werbung nicht einmal einen Telefonanschluss hatte. Die Laptops in den Fernsehspots hatten Bilder von der eBay-Webseite aus dem CD-Laufwerk auf dem Display. Und einen Laptop besaß natürlich keiner. Die Blamage zwang die Firma dazu, den Spot aus dem Verkehr zu ziehen.

Bild: "Traders' Dream"

Statt Firmenskandale, menschliche Schicksale

Doch wer diesen Skandal nicht bei einem der Pre-screenings von den Filmemachern selbst erzählt bekommt, wird womöglich davon nichts wissen, denn darauf geht Traders' Dreams nicht einmal ein. Gerade hier zeigt sich der differenzierte Blick des Films: Der Amerikaner, der quasi als Zwischenhändler für die mexikanischen Töpfer fungiert, wird nicht etwa als Ausbeuter dargestellt, sondern es wird auf die Schwierigkeit eingegangen, die die Töpfer mit dem Internet haben: "Wir haben erst vor kurzem gelernt zu telefonieren", gibt einer von ihnen zu. Einer zeigt sich wenig begeistert, dass seine Töpfe an Konsumenten in den USA verkauft werden, denn viel wichtiger sei ihm, dass die Käufer verstehen, was für eine Kunst dahinterstecke: "Man müsste Videos davon drehen mit einer Kamera - so wie diese da", sagt der Töpfer in die Kamera. "Vielleicht kann man das irgendwann im Internet zeigen." Die Zuschauer schmunzeln über die Naivität des Mexikaners. Doch so richtig lachen tut niemand, denn alle haben das Video soeben mit Respekt gesehen, und wer von uns kann denn so unglaublich flink mit einem Pinsel umgehen?

Bild: "Traders' Dream"

Es werden also Geschichten von Träumen erzählt - und zwar nicht skurrile Geschichten wie die von den Papstautos oder den Hodensäcken der Kängurus, sondern Geschichten von Menschen, die durch eBay ihr Leben dauerhaft verbessern wollen. Recht sympathisch wirkt auch die Familie aus Borna in Sachsen, die als Beispiel dienen könnte, wie stark sich manche Arbeitslosen um eine Existenz bemühen. Die sächsische Familie geht der eBay-Welt mit Begeisterung und Leidenschaft nach, und man ist ergriffen, wenn die Verzweiflung ihnen ins Gesicht geschrieben steht, weil ein weiterer Artikel von ihnen trotz sorgfältig gemachter Fotos und Detailbeschreibung nicht gekauft wird.

Bild: "Traders' Dream"

Dass eBay nicht die Rettung für alle Hartz-IV-Empfänger ist, wird niemanden hierzulande wundern, und doch widerspricht es dem Image, das eBay von sich haben will. Schade nur, dass eBay selbst so tut, als wäre der Film nicht unterstützenswert. So hat "Griff", der PR-Chef von eBay und Autor des eBay-Handbuchs "The eBay Bible" (ein Titel, der den Verdacht einer Sekte eher schürt), sich als einziger Hauptteilnehmer am Film geweigert, die 20 Filmplakate zu unterschreiben, die die Filmemacher in eBay versteigern wollen.

Es wird der Firma auch nicht gefallen haben, dass es den Filmemachern gelungen ist, beim Chef von Alibaba.com dabei gewesen zu sein, als dieser einer erstaunten Presse verkündete, er würde eBay vom chinesischen Markt jagen. Keiner hat es dem schmächtigen Chinesen damals zugetraut, aber sein Geschäftmodell - kostenlose Teilnahme mit kostenpflichtigen Premiumservices - hat eBay tatsächlich in kürzester Zeit weitestgehend aus China verdrängt.

Am Ende bleibt die Feststellung, dass die Welt mit einem virtuellen Marktplatz ein besserer Ort für die meisten Teilnehmer ist, auch wenn dieser nicht eBay heißt. Aber egal wie schlecht das Geschäft für die gezeigten Verkäufer bisher lief, werden vermutlich alle ihr blaues Wunder erleben, wenn der Film eine Weile gelaufen ist, denn Vetter und Tolz ist es gelungen, die Sympathie der Zuschauer für alle Akteure zu gewinnen. Die Schiffszeichnungen aus Schottland kann ich mir nicht leisten, aber vielleicht einen Topf aus Mexiko direkt von der neuen Webseite der Mexikaner? Jedenfalls ist eine Bestellung aus Borna sicher - ich hoffe nur, dass die Familie in Sachsen das kleine Verpackungsproblem bis dahin gelöst hat.

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