Aufmerksamkeit

Kein Schutz in den Ballungsräumen

Florian Rötzer 03.07.2007

Politikwissenschaftler Herfried Münkler wird zum Bild-Experten für Terrorismus, für den Terrorismus eine "Ermattungsstrategie" ist

Die Mediengesellschaft zehrt von der Prominenz. Dazu gehören auch die "Experten", die zu diesem oder jenem Thema gefragt sind und belegen sollen, was man nicht direkt sagen will. Die Verführung ist groß, dass die von Medien erwählten und durch sie bestätigten Experten ihre Meinung öffentlich abgeben, schließlich steigen sie dadurch im Aufmerksamkeitsranking nach oben.

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Ob das auch mit Experten der Fall ist, die von der Bild-Zeitung präsentiert werden, ist eine andere Frage. Professor Herfried Münkler von der Humboldt-Universität, der nach Bild auch Bundeskanzlerin und den Außenminister berät, war sich jedenfalls nicht zu schade, um für die Publizität im deutschen Wahrheitsorgan als "angesehener Terrorexperte" aufzutreten. Nach den versuchten, allerdings wohl eher als laienhaft einzustufenden Terroranschlägen in Großbritannien muss schließlich auch in Deutschland die Diskussion über die Bedrohungslage geführt werden, wozu Bundeskanzlerin Merkel und Bundesinnenminister Schäuble bereits ihren Beitrag geleistet haben.

Was aber sagt der studierte Terrorexperte und Regierungsberater dem gemeinen Volk, das es ebenso kurz und knapp wie die Regierungsmitglieder haben will? Wir seien, so Münkler, im Gegensatz zu den Briten nicht auf "Terrorismus als Massenbedrohung" vorbereitet. Das hatten die Briten mit der IRA und ihren Autobomben. Wir hatten nur den Deutschen Herbst und die RAF, die ihre Anschläge auf einzelne Personen ausrichtete. Aber so genau geht es gar nicht.

Auf die Frage, ob ein Terroranschlag im unvorbereiteten Deutschland – wobei man sich schon fragen muss, was Schäuble und Co. dauernd machen? – zu Massenpanik führen werde, sagt der Akademiker Münkler als Experte: "Der gesellschaftliche Erregungszustand ist schwer vorhersehbar. Sicherlich würde ein Terroranschlag unsere Gesellschaft ins Mark treffen."

Münklers Erkenntnis ist, dass die Terroristen – ähnlich wie manche Medien und Politiker, wovon der Terrorexperte aber nicht spricht – auf die "Psyche der Menschen" abzielen, um sie zu verängstigen:

Strategisches Ziel ist die Psyche der Menschen: Die Terroristen wollen unsere Gesellschaft mürbe machen! Insofern ist Terrorismus eine Ermattungsstrategie. Das Ziel hätten sie schon erreicht, wenn Berufspendler nicht mehr mit dem Bus oder der S-Bahn zur Arbeit fahren, sondern aus Angst das eigene Auto nehmen würden und es zum Verkehrskollaps käme. Wenn besorgte Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken würden.

An die Sicherheitspolitiker, die die bürgerliche Freiheit in einer "Ermattungsstrategie" immer weiter einschränken, um die Terrorgefahr abzuwehren, erinnert der Experte allerdings nicht. Schließlich gibt es neben der Bedrohung auch die Warnung vor Anschlägen. Münkler meint, gerfragt, ob man sich schützen könne:

Als Großstadtmensch überhaupt nicht. Wenn eine Bombe hochgeht, dann im Zentrum unserer Ballungsräume. In dem Moment, wo man bestimmte öffentliche Plätze oder Verkehrsmittel aus Angst meiden würde, hätten die Terroristen doch schon erreicht, was sie wollen: Sie bestimmen dann über unser Leben!

Aber was meint er nun wirklich? Kann man die Städte nicht wirklich schützen (dann wären die reflexhaft geäußerten Forderungen von neuen Sicherheitsmaßnahmen unsinnig), oder soll man nicht auf die Drohungen und Warnungen achten, weil immer die Terroristen siegen? Plädiert der Experte nun für den Heroismus oder für die Flucht oder den Schutz? Die Bild rät, entgegensetzt zur vielfach proklamierten "Renaissance der Städte" zum Auszug auf das Land:

So zynisch es klingt: Wer wirklich sicher leben will, muss aufs Land ziehen – möglichst abseits noch gefestigter dörflicher Strukturen.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25629/1.html
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