Gleichstand beim Redefluss

06.07.2007

Frauen gelten als geschwätzig. Eine aktuelle Studie zeigt allerdings, dass Männer ihnen in nichts nachstehen

Frauen plappern angeblich den lieben langen Tag – Klatschtante, Quasselstrippe, geschwätzig wie ein Waschweib – das Vokabular ist reichhaltig und steht für ein Vorurteil, das über die Jahrhunderte gewachsen und gefestigt ist. Mit einer neuen Methode haben Psychologen nun aber festgestellt, dass – wenn schon – Männer ebensolche Plaudertaschen sind.

20.000 – diese Zahl geistert seit dem vergangenen Jahr durch die Medien. 20.000 Worte würden Frauen jeden Tag von sich geben, während die Männer, die bedächtigen, mit 7.000 auskommen. Diese Zahl hatte die amerikanische Neuropsychiaterin Louann Brizendine in ihrem Buch "The female brain" in die Welt gesetzt und das männliche Hormon Testosteron für die männliche Schweigsamkeit verantwortlich gemacht. Ihr Buch wurde aus verschiedenen Gründen heftig kritisiert und so belegt die Zahl 20.000 wahrscheinlich etwas anderes viel zuverlässiger: Dass nämlich Vorurteile, wenn sie durch irgendwelche Studien untermauert werden, enthusiastisch durch die Medienmaschinerie gedreht werden.

Die meisten Studien zum Thema Männer, Frauen und Rededrang beschränken sich auf einen (z. B. Telefon) oder nur wenige Kontexte, in denen gesprochen wird, und vergleichen beide Geschlechter nur innerhalb dieser ausgewählten Kontexte. Das Problem, das grundsätzlich für solche Untersuchungen gelöst werden muss, ist es, Proben von Alltagskonversationen zu bekommen, die repräsentativ für einen ganzen Tag sind und so eine Generalisierung zulassen.

Ein Wissenschaftlerteam um Matthias R. Mehl vom Institut für Psychologie der Universität Arizona in Tucson und James W. Pennebaker vom Institut für Psychologie der Universität Texas in Austin haben für ihre Untersuchungen in den vergangenen acht Jahren ein, wie sie meinen, nahezu ideales Gerät entwickelt: den electronically activated recorder (EAR) (ausführlich auf Englisch dargestellt hier.

Probandin mit EAR. Foto: Matthias Mehl

Dabei handelt es sich um ein kleines, digitales Aufnahmegerät, das Probanden über einen Zeitraum von mehreren Tagen ständig bei sich tragen und aktiviert haben, so lange sie wach sind. In dieser Zeit zeichnet es alle 12,5 Minuten 30 Sekunden lang auf. Diese Aufzeichnungen werden transkribiert und aus den Ergebnissen wird anschließend hochgerechnet, wie viele Worte die Versuchsperson über den gesamten Tag gesprochen hat.

16.000 Worte täglich

Für ihre Versuche, die von 1998 bis 2004 stattfanden, rüsteten Mehl und Pennebaker ingesamt 210 weibliche und 186 männliche Universitätsstudenten in den USA und Mexiko mit dem EAR aus. Bei der Auswertung der Aufzeichnungen stellten sie fest, dass Frauen im Schnitt 16.215 Worte pro Tag sprachen und Männer mit 15.669 Worten ziemlich gleich lagen.

Um eventuellen Geschlechterunterschieden doch noch auf die Spur zu kommen, prüften sie ihr Material auch daraufhin, ob unter denjenigen Personen, die am meisten artikulierten, überdurchschnittlich viele Frauen vertreten waren. Doch auch das war nicht der Fall. Sogar die Fahndung nach einem auffallend frauen- bzw. männerspezifischen Vokabular, brachte keinen Befund:

Die Daten liefern keinen verlässlichen Hinweis auf einen Geschlechterunterschied, was den täglichen Wortgebrauch betrifft. Männer und Frauen kommen im Schnitt auf 16.000 Worte täglich, mit großen individuellen Abweichungen.

Natürlich räumen die Forscher ein, dass ihre Untersuchung auch Schwächen besitzt. Da es sich bei allen Probanden um Studenten handelte, war das untersuchte soziodemografische Milieu ziemlich homogen. Trotzdem, so meinen sie, hätte sich auch unter diesen Umständen Anhaltspunkte für eine abweichende Sprechfrequenz finden lassen müssen.

Und falls so ein Unterschied biologisch angelegt sei, hätte er in jedem Fall nachweisbar sein müssen. Ihr Fazit also: Dass Frauen geschwätziger sein sollen als Männer ist ein unhaltbares Vorurteil – und wer Männer je beim Diskutieren über Bundesligaergebnisse beobachtet hat, hat das schon immer geahnt.

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