Die heimlich ausgebrachte Saat der Zwietracht

11.07.2007

Gentech-Mais, der ohne Wissen der Grundeigentümerin gesät wurde und ein weiteres, angeblich illegales Genmais-Feld beschäftigen derzeit Gerichte und Polizei

Die Eigentümerin eines Grundstückes im nördlichen Brandenburg erfuhr durch Zufall, dass auf ihrem Land Gen-Mais MON 810 (vgl. Monsanto hat es eilig) angebaut wird. Der Pächter hatte sie darüber nicht informiert. Jetzt vertritt Greenpeace die Interessen der Frau und klagt den Landwirt. Auch an anderer Front ist die Umweltschutzorganisation derzeit aktiv. Denn ein weiterer Landwirt hat nach Meinung von Greenpeace rechtswidrig Gen-Mais ausgesät und nicht ordnungsgemäß gemeldet. Das Flurstück liegt in Strausberg/Hohenstein. Die Einwohner der Gemeinde hätten sich bereits im Jahr 2005 darauf verständigt, eine Gentechnik freie Gemeinde sein zu wollen, berichtet ein Bio-Bäcker der Region. Jetzt gebe es Streit unter den Landwirten. Nach einer Greenpeaceanzeige und der Intervention des Grundstückeigners hat der Bauer das Feld aber inzwischen umgebrochen. Am benachbarten Flurstück lässt er aber weiter Gentech-Mais wachsen.

Andrea G., eine Krankenschwester aus Berlin, kaufte vor etlichen Jahren in Kreuzbruch einen Hof und rund vierzig Hektar Land, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen und ein Tierhotel zu errichten. Einige Felder sind an einen Landwirt verpachtet. Sie war immer überzeugt, dass dieser nur konventionellen Mais aussät. Doch als vor kurzem ein Polizeiaufgebot an ihrer Haustür vorbeirauschte, war es mit dem Frieden vorbei.

"Verseuchtes Ackerland"

Nachfragen bei den örtlichen Behörden ergaben, dass in einem anderen Ort Felder von Gegnern der grünen Gentechnik zerstört worden waren und die Beamten sicherheitshalber auch in Kreuzbruch Nachschau halten wollten. Ein Blick ins Internet brachte ihr dann niederschmetternde Gewissheit. Es waren ihre verpachteten Felder, die mit Gen-Mais bestellt worden waren.

Der Pächter hatte sie davor nicht gefragt. Das geht aus einem Berichten der taz und der Märkischen Allgemeinen hervor. Andrea G. will keinen Gen-Mais auf Ihren Äckern sehen, doch der Landwirt macht keine Anstalten das Feld zu räumen. Gegenüber der taz betonte Dietmar D., dass er sich "zu 99 Prozent" auf der sicheren Seite fühle und zeigte sich auch zufrieden mit der bisherigen Saat. "Es reizt einen natürlich zu sehen, inwieweit das gegen die Schädlinge hilft", so Dietmar D. gegenüber der taz. Andrea G. hingegen fühlt sich hintergangen und sieht in ihrem Flurstück "jetzt verseuchtes Ackerland". An die geplante Verpachtung nach Auslaufen der jetzigen Verträge (2009) an einen Biobauern sei jetzt nicht mehr zu denken, zeigt sich die Kreuzbrucherin gegenüber der taz enttäuscht.

Das Land wurde mit dem umstrittenen Gen-Mais MON 810 aus dem Hause Monsanto bestellt, der gegen den Maiszünsler resistent sein soll. Erst Ende April dieses Jahres hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz mittels Bescheid den Verkauf von MON 810 verboten, zumal es neue Informationen über mögliche Risiken, etwa negative Auswirkungen auf Nichtzielorganismen (z.B. andere nützliche Insekten) gebe. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Saat schon überwiegend ausgebracht (vgl. Umpflügen statt Gen-Mais ernten?). Die Besorgnis und Verärgerung von Andrea G. wird vor diesem Hintergrund noch verständlicher. Inzwischen greift ihr Greenpeace unter die Arme und hat den Landwirt verklagt. Vergangenen Donnerstag wurde ein Eilantrag bei Gericht eingebracht, ob es aber noch vor der Blüte zu einer Entscheidung kommt, ist fraglich. Dennoch will die Organisation die Sache durchziehen. Ulrike Brendel von Greenpeace gegenüber Telepolis:

Ziel ist es, gerichtlich durchzusetzen, dass der Gen-Mais von dem Landwirt umgebrochen wird. Die Eigentümerin hatte den Landwirt zunächst abgemahnt, darauf wurde jedoch nicht reagiert. Natürlich streben wir eine Vernichtung des Gen-Maises vor der Blüte an. Je nach Wetterlage kann die Blüte bereits nächste Woche eventuell auch erst in zwei bis drei Wochen beginnen. Es ist daher möglich, dass das Gericht trotz Eilantrag kein Urteil vor der Blüte fällt. In dem Fall G. geht es jedoch nicht nur um die mögliche ungewollte Ausbreitung des Gen-Maises, sondern auch auf die möglichen negativen Auswirkungen des Bt-Gifts z.B. auf die Bodenqualität. Je länger der Mais dort wächst, desto mehr Bt-Gift wird über die Wurzeln an den Boden und die Bodenorganismen abgegeben.

Greenpeace räumt allerdings ein, dass es sich in diesem Fall um einen Präzedenzfall handelt.

Gefährdete Schmetterlingsarten

Anders sieht die Organisation einen Fall im brandenburgischen Strausberg/Hohenstein. Dort haben Greenpeace-Aktivisten am 21. Juni einen Mais-Acker mit Absperrband und einem Schild markiert mit der Aufschrift "Tatort Gen-Acker". Gegen den Pächter, den Landwirt Jörg P., wurde außerdem eine Strafanzeige gestellt. Nach Meinung der Umweltschutzorganisation handelt es sich um illegalen Gen-Maisanbau. Strausberger hätten das "zufällig entdeckt". Der Landwirt hätte Gen-Mais ausgesät, ohne die Standorte bei den Behörden ordnungsgemäß zu melden. In einer Presseaussendung heißt es dazu:

Der Bauer verstößt in diesem Fall nicht nur gegen das Gentechnikgesetz. Auch der Eigentümer eines der betroffenen Flurstücke fordert vom Pächter Jörg Piprek, den Gen-Mais unverzüglich abzuernten. Er hatte bereits vor der Aussaat im März 2007 seinem Pächter den Anbau von Gen-Mais explizit untersagt.

Dieser Gen-Acker sei kein Einzelfall, so Greenpeace. Nur wenige Kilometer entfernt würde Gen-Mais in dem Naturschutzgebiet Ruhlsdorfer Bruch wachsen, wo gefährdete Schmetterlingsarten leben. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass sich das von dem Gen-Mais produzierte Bt-Gift auf zahlreiche Tiere, darunter auch Schmetterlinge, negativ auswirkt, begründet Greenpeace seinen Widerstand.

Zwar habe der Landkreis Märkisch-Oderland verfügt, dass der Gen-Mais im Naturschutzgebiet und in unmittelbarer Nähe zu ihm umgebrochen wird, der "Gen-Bauer Piprek" hätte jedoch gegen diese Verfügung Widerspruch eingelegt.

Sorge um den sozialen Frieden

In Strausberg haben die Aktivisten viele Sympathisanten. Die Greenpeace-Aktion wertete Ariberth Tifflus, Inhaber einer Öko-Bäckerei in einem benachbarten Ort, gegenüber der Berliner Zeitung trotz behördlicher Räumung als Erfolg. Er mache sich nicht nur Sorgen um das Bio-Image der Region, sondern auch um den sozialen Frieden, berichtet die Zeitung. "Die Menschen in Strausberg haben sich im Jahr 2005 verständigt, eine Gentechnik freie Gemeinde sein zu wollen. Herr Piprek, der zugezogen ist, will sich daran nicht halten. Auch unter den Bauern gibt es Streit", zitiert ihn die Berliner Zeitung.

Inzwischen hat der Landwirt reagiert und ein Flurstück umgebrochen. Greenpeace dazu gegenüber Telepolis:

Herr Piprek hat auf einem der Flurstücke, wo er illegal Gen-Mais angebaut Teile vernichtet. Laut seiner Aussage wachsen auf diesem Flurstück jetzt nur noch herkömmliche Maispflanzen. Ob dies tatsächlich so ist, wird gerade von der Kriminalpolizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft Frankfurt(Oder) geprüft. Diese ermittelt aufgrund einer Strafanzeige von Greenpeace gegen Herrn Piprek. Der Landwirt hat auf diesem Flurstück den Gen-Mais vernichtet, da der Eigentümer der Fläche ihn bereits im März, also vor der Aussaat schriftlich aufgefordert hatte keinen Gen-Mais anzubauen. Laut Piprek wurde der Gen-Mais auf dieser Fläche versehentlich von seinem Lehrling ausgebracht.

Während der Bauer in diesem Fall offensichtlich auf die Wünsche des Grundeigentümers einging, sieht es laut Greenpeace auf einem benachbarten Flurstück aber anders aus. Dort wachse nach wie vor Gentech-Mais, so die Umweltschutzorganisation:

Herr Piprek hat diese Fläche jetzt nachträglich bei der zuständigen Behörde (BVL) angemeldet und sie wurde ins Standortregister eingetragen. Dies ist eigentlich nicht möglich, da der Anbau von Gen-Pflanzen bis spätestens drei Monate vor Aussaat dort angemeldet werden muss. Das BVL hat mit Verweis auf die Transparenz diesen Eintrag dennoch vorgenommen, allerdings bei der zuständigen Landesbehörde eine Ordnungswidrigkeit gemeldet

Ulrike Brendel, Greenpeace

Rein formal scheint also alles wieder in Ordnung gebracht worden zu sein. Der Streit unter den Einwohnern und Landwirten der Region ist damit aber sicher nicht beigelegt.

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