Blut durch Öl

Wie das scheinbar gute ökologische Gewissen des Nordens in anderen Weltgegenden für Probleme sorgen kann

Es ist schön, wenn sich die Ingenieure und Politiker in unserem Land über die ökologischen Folgen der Energiewirtschaft Gedanken machen, denn dass das nötig ist, liegt auf der Hand. Weniger schön ist, wenn die Lösungen, auf die sie kommen, woanders wie ökosoziales Napalm wirken. An vielen verschiedenen Orten in Deutschland wird gerade eine Verschlimmbesserung dieser Art auf den Weg gebracht.

Die Ölpalme (Elaeis guineensis) ist eine erstaunliche Pflanze. Man kann aus ihr Rohstoffe zur Erzeugung vieler Produkte gewinnen, von der Seife über Margarine bis zum Schnaps.

Der wichtigste unter diesen Rohstoffen ist das Palmöl selbst, das sich aus den Früchten der Ölpalme gewinnen lässt. Menschen haben dieses Öl seit Jahrtausenden benutzt, es ließe sich bestimmt eine reich bebilderte Kulturgeschichte über die Beziehung zwischen Ölpalme und Mensch schreiben. Man kann Palmöl aber auch zur industriellen Energiegewinnung nutzen, und damit fangen die aktuellen Probleme mit der Ölpalme an. Rapsöl, der im industriellen Norden bisher handelsübliche pflanzliche Energieträger, ist aufgrund begrenzter Anbauflächen und steigender Nachfrage in den letzten Jahren erheblich im Preis gestiegen.

Billiges Palmöl

Aus wirtschaftlicher Sicht ist daher die Suche nach einem Ersatzstoff geboten, und Palmöl, das bei der Verbrennung fast die gleiche Menge Energie liefert, ist viel billiger auf dem Weltmarkt zu haben. Unter anderem deswegen, weil besonders zwei Länder, Malaysia und Indonesien, den Anbau der Ölpalme jüngst mit großer Brutalität vorangetrieben haben.

Bei einem geschätzten Volumen von 37,4 Millionen Tonnen im laufenden Jahr ist Palmöl mittlerweile die wichtigste Pflanzenölart der Welt, noch vor dem Sojaöl. Um so viel Palmöl zu erzeugen, müssen eine ganze Menge Palmen gepflanzt werden. Darunter haben - in einem bisher nicht gekannten Ausmaß - die Regenwälder zu leiden, die der Ölpalme im Weg stehen, und mit ihnen die Menschen und Tiere, die diese Regenwälder bisher als Lebensraum begriffen haben.

Der Ureinwohner, auf dessen Stammesgebiet Gold oder Uran gefunden werden, kann sich auf die Hölle gefasst machen - beim Öl ist es nicht anders, und dasselbe gilt, wie sich erweist, für die forcierte Produktion von Palmöl. Das Sprudeln der pflanzlichen Ölquelle fordert einen enormen ökosozialen Preis: Die Brandrodung indonesischer Wälder bringt Unmengen CO2 in die Erdatmosphäre. Was die menschlichen Waldbewohner angeht, so ist immer wieder von Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Folter und Mord die Rede.

Vier bis sechs Millionen Menschen leben direkt oder indirekt von oder in den betroffenen indonesischen Wäldern, sie alle sind potenzielle Hindernisse für den Siegeszug der Ölpalme. Hier kann man sich live anschauen, wie in den "Schwellenländern" Fluchtursachen geschaffen werden, die an den Grenzen der Festung Europa für kenternde Boote und Wasserleichen sorgen. Tiger, Elefanten und Orang Utans sind die bekanntesten Tierarten, die bedroht werden; bei den Orang Utans spricht man von einer konkreten Ausrottungsgefahr innerhalb von fünf Jahren.

Lügenmärchen

Die Geschichte von der ökologisch neutralen Nutzung des Palmöls zur Energiegewinnung ist ein Lügenmärchen. Der World Wildlife Fund (WWF) sagt zwar, dass die Netto-CO2-Bilanz durchaus günstig sein kann, aber nur dann, wenn die Ölpalmen auf Anbauflächen gepflanzt werden, die vorher brach lagen.

Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär. Der Anbau der Ölpalme lohnt sich nämlich dann erst richtig, wenn der wirtschaftliche Nutzen ein dreifacher ist:

Die Fläche für Palmölplantagen ist in Indonesien seit 1985 bis 2005 um 845 Prozent gestiegen. Der wichtigste Grund ist, dass es dreifache Gewinnmöglichkeiten gibt: Holz, Papier und Palmöl. Erst wird illegal abgeholzt, wobei die edlen Hölzer auf dem Weltmarkt verkauft werden, während die weniger wertvollen an die indonesische Papierindustrie gehen. Anschließend wird per Brandrodung der restliche "Wald" vernichtet und die lokale Bevölkerung vertrieben. Danach ist Platz für Palmölplantagen, die wichtigsten Devisenbringer. Die Profite landen auf den Konten einer kleinen Oberschicht, während die betroffene Bevölkerung verarmt.

Die Arbeitsbedingungen der Leute, die das zu bewerkstelligen haben, kann man sich bildhaft vorstellen, wenn die Ware im Norden zu annehmbaren Preisen ankommen soll. Nebenbei sei erwähnt, dass die Ölpalmenplantagen in Monokultur schon in sich eine ökologische Katastrophe darstellen: Sie verbrauchen viel Wasser und müssen mit Hilfe von Pestiziden gegen Schädlinge geschützt werden. Und aus diesem Grund können noch so viele Initiativen zur Zertifizierung ökologisch unbedenklichen Palmöls ergriffen werden, die beschriebene Dreifachnutzung ist immer unter den brutalsten Bedingungen am profitabelsten, ganz abgesehen davon, dass solche Zertifikate letztendlich nie "nachhaltig" kontrolliert werden können.

Hinzu kommen noch Details wie die Tatsache, dass das Öl über rund 10000 Kilometern transportiert werden und dabei konstant auf 34 Grad Celsius gehalten werden muss, bevor es in deutschen (Heiz-)Kraftwerken "umweltfreundlich" verbrannt wird. Mit einem Wort: Der Begriff "Regenwaldkiller" ist für den Palmölboom durchaus angemessen, wenn man nicht vergisst, dass Menschen und Tiere, die in den Wäldern wohnen, ebenso von dem Kill betroffen sind. Dass dieser Irrsinn auch noch mit Summen im dreistelligen Millionenbereich öffentlich gefördert wird, weil es ja angeblich um "erneuerbare Energien" geht, ist dann das letzte Zahnrad in einer mörderischen Maschinerie, die hier für angeblich saubere Energie sorgt und in Südostasien für namenloses Elend.

"Biomasse-Kraftwerk" in Saarlouis-Dillingen

Immerhin gibt es einige Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, die gegen die Palmölnutzung der beschriebenen Art mobil machen. Es hat Proteste gegen Stadtwerke gegeben, die Palmöl zur Beheizung von Schwimmbädern einsetzen wollten, in Uelzen (Niedersachsen) gibt es Widerstand ebenso in Saarlouis (Saarland). Im dortigen Saarhafen Saarlouis-Dillingen soll sogar ein neues Kraftwerk gebaut werden, das aus PR-Gründen als "Biomasse-Kraftwerk" bezeichnet wird und für das der Abbrand von 90.000 Tonnen Palmöl schon fest eingeplant ist.

Drei Initiativen, der NABU Saar, die Aktion 3. Welt Saar und eine eigens gegründete Bürgerinitiative wehren sich gegen das Kraftwerk. Die Rede vom "zertifzierten Palmöl", das angeblich in Saarlouis verbrannt werden soll kommentiert die Aktion 3. Welt Saar in einer Stellungnahme wie folgt:

  1. Der Abbau und Kahlschlag geht viel schneller voran als Zertifikate durchgeführt werden können
  2. Zertifizierungsprogramme funktionieren nur gut in Ländern mit einem gesicherten Rechtssystem und einem geringeren Grad an Korruption. In vielen Ländern fehlen Bedingungen zur Überwachung und Durchführung der Zertifizierung
  3. Das Zertifikat befasst sich nicht mit Faktoren wie z.B. der Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion oder anderer Bodenschätze
  4. Die Entwicklung von Zertifizierungskriterien kann als gescheitert angesehen werden, da keine Verfahrensvoraussetzungen geschaffen wurden, um eine informierte Zustimmung und rechtzeitige Befragung der Völker und Menschen sicherzustellen, deren Land von der Produktion am meisten betroffen ist.

Bis jetzt haben sich der Saarlouiser Oberbürgermeister Roland Henz (SPD), der das Projekt maßgeblich unterstützt, sowie die dominierenden SPD- und CDU-Fraktionen im Umweltausschuss der Stadt als beratungsresistent erwiesen. Bei der Finanzierung der Kraftwerke engagiert sich auch die Deutsche Bank.

Politisch interessant: Nach Informationen der Aktion 3. Welt Saar gehört das Gelände, auf dem das Kraftwerk entstehen soll, den "Hafenbetrieben Saarland GmbH", diese wiederum zu 51% dem Land. Die CDU-Landesregierung könnte es also ohne Probleme verhindern, wenn sie es denn politisch wollte. Obwohl die SPD im Land nicht mitregiert, scheinen informelle "große Koalitionen" im Saarland punktuell gut zu funktionieren.

Letztlich kann man nur hoffen, dass bald ein Schlussstrich unter diese grausame Form von Ökoschwindelei gezogen wird. Sie illustriert, wie schwierig es in energiehungrigen Industriegesellschaften ist, nach Alternativen zum Althergebrachten zu suchen, und wie leicht sich diese Alternativen unter dem allgemeinen Kostendruck und durch die Achtlosigkeit der Beteiligten in ihr genaues Gegenteil verwandeln. Freilich, das darf keine Ausrede für verrückte Konzepte sein, die eine Renaissance der Atomenergie vorsehen. Die Klimakatastrophe durch Vorbereitung von Nuklearkatastrophen abwenden zu wollen, kann nur Leuten einfallen, die von allen guten Geistern verlassen sind. Aber das Beispiel vom Palmöl ist eine verschärfte Aufforderung, Mogelpackungen zu öffnen, und sich anzuschauen, was wirklich drin steckt - gerade, wenn die Verpackung in grüner Farbe gehalten ist.

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