Ein Satanist, ein Prohibitionist und ein Zeitreisender

10.07.2007

Eine Auswahl der Bewerber für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008

Eine Präsidentschaftskandidatur ist in den USA nicht an besonders weitreichende formale Voraussetzungen gebunden. Dementsprechend nutzen viele Amerikaner die "Pferderennen des kleinen Mannes" als Hobby. Und so bewerben sich für die Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 nicht nur eine Hand voll Demokraten und Republikaner, sondern auch eine große Zahl an kleineren Parteien und unabhängigen Kandidaten.

Der 43-jährige Jonathon Albert Sharkey "The Impaler" ("Der Pfähler") ist – wie viele andere Präsidentschaftskandidaten und Präsidenten vor ihm – sehr religiös und stellt das im Wahlkampf auch heraus: Der bekennende Satanist und Neuheide ist Gründer der Vampires, Witches, and Pagans Party, ordinierter "dark priest" und "advisor to the Church of the Followers of Lucifer". Als Ehrenamt führt er die von ihm begründete Organisation "Vampyres, Witches, Pagans Against Impaired Driving". Angeblich diente der Ex-Republikaner vorher als Soldat in der US-Armee – ob er dort sein Erweckungserlebnis hatte? Um potentielle Wähler nicht zu verschrecken, gibt sich Sharkey trotz seines Glaubenseifers duldsam: Als Präsident will er nur Kriminelle und Terroristen eigenhändig pfählen - nicht aber bloße Verehrer des ihm verhassten Christengottes.

Jonathon Albert Sharkey

Sharkey ist einer der wenigen Bewerber, über die es bereits einen eigenen Dokumentarfilm gibt. Oder wenigstens geben soll. Über seine Biographie etwas Verlässliches zu sagen, ist schwierig, da bei ihm die Grenzen zwischen Realität und Konzeptkunst erkennbar verschwimmen: Die zahlreichen (aber offenbar zu einem großen Teil von ihm selbst gestreuten) biographischen Angaben sind deshalb mit Vorsicht zu genießen. Das gilt auch für seinen Wikipedia-Eintrag, wo er – mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit - bei den "Quellen" auf eine ältere und mittlerweile geänderte Versionen des Eintrags verweist, die er dort offenbar unter seiner Katy-Sharkey-Identität angelegt hat. Angeblich lebt er in Florida und verdient – wie einst Jesse "The Body" Ventura", der als unabhängiger Kandidat Gouverneur von Minnesota wurde – sein Geld als Wrestler. Sein Wahlkampfslogan ist offenbar je zur Hälfte von Franklin Delano Roosevelt und von Star Wars inspiriert: "The New Deal and Hope for America".

Jackson Kirk Grimes, der Kandidat der United Fascist Union, ist – wie Sharkey – alter Soldat und neuer Heide. Der 56 Jahre alte Junggeselle und Mussolini-Verehrer, der gerne römische Rüstungen trägt, trat bereits bei zwei Präsidentschaftswahlen an. Neben der Abschaffung des Papiergeldes und der Einführung von digitalen "Arbeitspunkten" verspricht er diesmal die Errichtung einer Weltregierung – womit er in gewisser Weise auch eine nach der "Entmachtung" der Neocons frei gewordene politische Position des amtierenden Präsidenten George W. Bush übernimmt. Grimes mag Bela Lugosi, Christopher Lee, William Shakespeare, Obstkuchen und Big Band Swing. Das mit dem von ihm propagierten Faschismus muss Grimes aber offenbar noch ein bisschen üben – oder er hat etwas völlig falsch verstanden. So zeigt er sich unter anderem "tief besorgt" über die Einschränkung persönlicher Freiheiten durch die Regierung: Nicht nur was das Rauchen und den Schadstoffausstoß von Automobilen betrifft (mit dem der Fahrer einer 1983er-Oldsmobile offenbar persönliche Schwierigkeiten hatte), sondern auch über die Homeland-Security-Einschränkungen seit 2001. Wenn das der Duce wüsste!

Jackson Kirk Grimes

Ebenfalls an den 1920er Jahren orientiert sich der 64-jährige Gene Amondson — allerdings weniger an einer in Italien als an einer in den USA gescheiterten Politik: Er predigt mit seiner Prohibition Party das Alkoholverbot. Dafür verkleidet er sich gerne als Gevatter Tod, schwingt in der einen Hand die Sense und in der anderen die Whiskeyflasche und belehrt seine Zuhörer über das Unheil geistiger Getränke. Sein Geld verdient Amondson als Holzbildhauer, Maler, Konditor, Kinderbuchautor und indem er für Geld den in Amerika sehr bekannten Anti-Alkohol-Evangelisten Billy Sunday imitiert.

Gene Amondson

Der 50-jährige Warren Roderick Ashe kandidiert ebenso wie Amondson bereits zum wiederholten Male. Vorher war er angeblich bei der Army, der Marine, der Luftwaffe und der Nationalgarde. Angeblich – denn Ashe hat nach eigenen Angaben nicht nur fünf Kinder, sondern auch das Rezept für Zeitreisen ("flux capacitation and wormhole technology"). Außerdem baut er mit seiner "Fortune-500-Firma" Jyperonix Astrophysics fliegende Untertassen, die mit Warp-Antrieb in andere Sonnensysteme reisen können. Bisher, so Ashe, sind Zeitreisen allerdings nur bis zu 500 Jahre in die Zukunft möglich.

Unter ehemaligen Soldaten scheint eine Häufung an potentiellen Präsidentschaftskandidaten feststellbar: Ob diese besonderen Persönlichkeitsstrukturen erst während der Dienstzeit entstanden, oder ob das Militär solche Leute anzieht, lässt sich allerdings schwer sagen. Auch der 51-jährige Terry "Tee" Barkdull, Gründer der "America Party", war vorher bei Marine und Luftwaffe tätig. Als Präsident will er hart gegen Verbrecher vorgehen. Vielleicht sollte er bei seinem Webdesigner anfangen.

Kein Geld an Grafiker oder Webdesigner verschwendet ganz offenbar der Kandidat Joseph Martyniuk Jr.. Zwar ist seine Idee der Verflüssigung von Kohle zu Benzin schon etwas älter, aber sein Vorschlag, Marihuana zu besteuern und in Drugstores gegen Altersnachweis zu verkaufen, dürfte potentiell auch jüngere Wähler ansprechen. Härtere Drogen sollen nur gegen ärztliche Verschreibung verkauft werden. Sein Einsatz für Elektroautos, ein offenes Internet und einen Laptop für jedes amerikanische Kind dürfte weniger umstritten sein als seine Auffassung, dass zwei Millionen öffentlich verteilte Handfeuerwaffen zur Selbstverteidigung den Irak befrieden könnten. Geradezu entwaffnend ist allerdings sein Umgang mit der Mediendemokratie:

"Joe's [...] short and dumpy. He stutters and stammers. The bad things you hear about him are true. But there are 300 million of you who can help him get the job done."

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Torsten Engelbrecht 12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

weiterlesen

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Warum man jeden neuen Emmerich-Film gesehen haben sollte

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.