Denken Sie jetzt nicht an einen grünen Elefanten!

Matthias Gräbner 15.07.2007

Können wir Erinnerungen bewusst unterdrücken? Was wie ein Paradoxon klingt, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. US-Forscher haben Probanden jetzt bei entsprechenden Experimenten ins Hirn geschaut

Wer selbst mit Schulkindern zu tun hat weiß, dass selektives Unterdrücken von Erinnerungen offensichtlich zumindest in deren Alter eine grundlegende Fähigkeit des Menschen sein muss. "Meine Hausaufgaben? Oh, die habe ich leider völlig vergessen." Dass die Hausaufgaben nicht wirklich vergessen waren, merkt der Erziehungsberechtigte daran, dass der Schüler nicht erst seine Freunde anrufen muss, um sich Anzahl und Art der Aufgaben durchgeben zu lassen.

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Trotzdem beschäftigt die Frage Psychologen und Neurologen schon seit einem Jahrhundert: Lassen sich Erinnerungen bewusst unterdrücken? Gemeint ist hierbei nicht ein selektives, echtes Vergessen - was wir vergessen haben, ist ja weg. Es geht vielmehr um einen aktiven Prozess, der das Bewusstwerden der gespeicherten Information verhindert. Oder, auf Computertechnik bezogen: Es geht nicht ums Löschen einer Speicherzelle, sondern darum, aktiv zu verhindern, die Speicherzelle auszulesen.

Forscher der University of Colorado in Boulder wollen nun mit Hilfe funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRI) herausgefunden haben, dass solch ein bewusster Prozess tatsächlich existiert - und wie und wo er abläuft. Ihre Erkenntnisse haben sie im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht.

Während der Experimente aufgenommene MRI-Bilder des menschlichen Gehirns. Reihe A zeigt den präfrontalen Cortex, der wohl das menschliche Verhalten kontrolliert. Reihe B zeigt die Gehirnbereiche, die mit den visuellen Aspekten der Darstellung einer Erinnerung befasst sind. In Reihe C finden sich die Gebiete, die mit den emotionalen Aspekten der Erinnerung zu tun haben und für allgemeine Aufgaben rund ums Schaffen und Abspielen von Erinnerungen zuständig sind. Die unteren beiden Reihen werden deaktiviert, wenn im Experiment Erinnerungen unterdrückt werden. Das zeigt den Forschern, dass dieser Prozess auch tatsächlich physisch abläuft. (Bild: Science)

Im Experiment legten Brendan Dupue und Kollegen den Probanden zunächst in einer Trainingsphase das Bild eines schrecklichen Autounfalls vor, den sie auf zufällige Weise mit dem Bild eines menschlichen Gesichts verbanden. Das Ziel dabei: wird dem Probanden später nur noch das Gesicht gezeigt, stellt sich automatisch auch das Bild des Autounfalls ein. Genau das überprüften die Forscher im nächsten Schritt: Sie zeigten den Testkandidaten die Bilder und forderten sie entweder auf, bewusst an das damit verknüpfte Bild zu denken ("Think"-Aspekt, T) - oder, im Gegenteil, diese Erinnerung bewusst zu unterdrücken ("No-Think"-Aspekt, NT).

Unterdrückung der emotionalen Seite der Erinnerung sehr schwer

Von den T-Probanden konnten gut 70 Prozent das vorher assoziierte Bild beschreiben - von den NT-Probanden nur rund 50 Prozent. Währenddessen untersuchten sie, was sich im Gehirn der Probanden abspielt. Das Ergebnis: Beim bewussten Unterdrücken von Erinnerungen scheint es sich um einen zweistufigen Prozess zu handeln. Zunächst unterdrückt ein Teil des präfrontalen Cortex die Aktivierung anderer Gebiete, die für den visuellen Aspekt der Erinnerung zuständig sind. Anschließend wird auch der Bereich ausgeknipst, der die emotionalen Bereiche einer Erinnerung enthält.

Ein interessanter Aspekt dabei: Auch die emotionale Seite einer Erinnerung zu unterdrücken, fällt dem Menschen offenbar wesentlich schwerer. Das erklärt, warum man vor besonders traumatischen Erlebnissen so schwer seine Ruhe findet - je stärker sie uns emotional berührt haben, desto schwerer wird es, die Erinnerung nicht neu entstehen zu lassen. Das mag Psychologen nicht einmal neu sein - Dupue und Kollegen haben es nun erstmals im Bild gezeigt.

Die Beobachtungen werfen auch gewisse Zweifel auf zwei alternative Theorien, wie sich der Mensch von unangenehmen Erinnerungen befreit: Eine Theorie nimmt zum Beispiel an, dass wir die unangenehmen Bilder durch andere ersetzen - das passt allerdings nicht zur beobachteten Deaktivierung der entsprechenden Hirnregionen. Die andere Annahme erklärt schlechteres Erinnerungsvermögen bei der "No-Think"-Aufgabe damit, dass wir intern abgelenkt sind. Dies passt nach Meinung der Forscher aber nicht zur Reihenfolge, in der die einzelnen Vorgänge ablaufen.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25711/1.html
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