Ästhetische Privatisierung

Stephanie Hacker 29.07.2007

Eine Fotoreportage über die Umgestaltung und Sanierung von Plattenbaufassaden in Bulgarien

In den 80er- und 90er-Jahren wurden in den ehemaligen Ostblock-Ländern den Mietern von Plattenbau-Siedlungen ihre Wohnungen, als Anteil am Volkseigentum, geschenkt oder zu sehr günstigen Konditionen verkauft. Jedoch ohne entsprechenden Grund und Boden, der die Wohnungen beleihbar und die Besitzer kreditwürdig gemacht hätte.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Zweck der Privatisierung war der Abbau des hohen Anteils an Subventionen für die Wohnungswirtschaft im Staatshaushalt. Staat und Kommunen entledigten sich auf diesem Wege der Verantwortung, Instandhaltung und Restaurierung von Plattenbauten als öffentliches Problem zu betrachten, und legten es in die Hände, kleiner zum Teil mittelloser und kreditunwürdiger Privathaushalte[1].

So herrscht beispielsweise heute in Bulgarien eine Wohneigentumsquote von 96,6%[2]. Im Vergleich dazu liegt sie in Deutschland bei ca. 52%[3].

Der gesamte Wohnungsbestand bedarf dringend der Sanierung und Modernisierung. Insbesondere der energietechnische Aspekt, der die Platte immer wieder als "verwahrlosten Energiefresser" betitelt, steht dabei im Vordergrund zahlreicher, bereits in diversen westeuropäischen Schubladen schlummernder, Sanierungskonzepte.

Doch für einheitliche Sanierungs- und Generalinstandsetzungsmaßnahmen der einzelnen Gebäude und Siedlungen fehlen die Mittel sowie einheitliche Entscheidungen aller Eigentümer zur Bestandserneuerung.

Mit der Privatisierung des Wohnraumes haben sich die Strukturen der osteuropäischen Wohnungsmärkte im Sinne einer Ost-West-Anpassung von den in Westeuropa üblichen Mustern entfernt. Der Privatbesitz an Wohnraum, wird sowohl bei der Erarbeitung eines wohnungspolitischen Konzeptes als auch bei Sanierungsfragen und den daraus resultierenden Kosten zu einem Hindernis für eine weitläufige Projektentwicklung.

Diese Diskrepanz zwischen Privatbesitz und Industriezweig bildet die Grundlage eines Prozesses, der seine optischen Reize im ausdrucksvollen Anblick einer bulgarischen Plattenbaufassade artikuliert.

Ohne bestehende Bauordnung, städtebaulich konzipierte Richtlinien und gesetzliche Regelungen zur Wohneigentumsverwaltung begannen die ehemaligen Mieter und neuen Eigentümer, so denn sie über Mittel verfügten, in und an ihren Wohnungen selbst Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen vorzunehmen. Charmante Details mit engagierten Heimwerkerimprovisationen stellen sich somit lebensfroh jeglichen Industriestandard entgegen.

Durchstreift man eine Plattenbausiedlung in Bulgarien sieht man an den Fassaden die unterschiedlichsten Fensterformen, Farbgestaltungen, Loggia- und Balkonverkleidungen.

Mit Hilfe sogenannter Gebäudealpinisten, die sich von den Häusern abseilen, werden sogar die Außenwände der höher gelegenen Etagen saniert und neu gedämmt. Auffallend, ist der Flickenteppich, das Patch-Work bei der Gesamtbetrachtung der Fassaden, der durch die unterschiedlichen Gestaltungsansätze der Bewohner erblüht.

Stoßfugen zwischen den einzelnen Fertigbetonplatten, deren Fugenmaterial längst ausgebröckelt ist, verschwinden hinter Styroporplatten, die verputzt und angestrichen werden. Parzellen mit anarchisch anmutenden Eigenleben entstehen und fügen sich zu einem Ensemble kreativer Verwendung von Baumaterialien. All diese Maßnahmen der Eigentümer, ihren Besitz aufzuwerten, bringen ein gewichtiges Beispiel für den strukturellen Wandel zum Vorschein.

Die einst industrialisierte Architektur, die dem Einzelnen eine untergeordnete Rolle zuwies, wird zu Gunsten einer individuellen Gestaltungsfreiheit aufgehoben. War es zu Zeiten des Kommunismus erklärtes Ziel die Wohnbedingungen zu homogenisieren, so ist heute im Erscheinungsbild dieser Wohnlandschaften wenig davon übrig geblieben.Scheinbar ohne architektonische Planung werden Hausfassaden restrukturiert und formieren sich zu einem wohnsoziologischen Portrait der Bewohner.

Eine ästhetische Erscheinung, die - für den osteuropäischen Architekturraum exemplarisch - die gesellschaftliche Situation und die bevorstehenden Umbrüche auf dem Wohnungsbausektor dokumentiert.

Weiterführende Literatur

Ivan Nikolov, Sofia, Der Plattenbau – Realität ohne Illusion. In: Klaus Roth (Hg.) 2005: Sozialismus: Realitäten und Illusionen. Ethnologische Aspekte der sozialistischen Alltagskultur

Petar Petrov, Sofia/München, Lesen nach Plan. Sozialistische Agrarmodernisierung und Lektüre in einem bulgarischen Dorf. In: Klaus Roth (Hg.) 2005: Sozialismus: Realitäten und Illusionen. Ethnologische Aspekte der sozialistischen Alltagskultur

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25757/1.html
Kommentare lesen (15 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS