Kontrolle von Menschenmengen

Florian Rötzer 17.09.2007

Mit Multiagentensystem lässt sich das Verhalten von Menschenmengen in einer räumlichen Umgebung simulieren – das kann Stadtplanern, Architekten, Notfallplanern, Sicherheitskräften und Terroristen neue Einsichten bieten

Terroranschläge finden vorwiegend in Städten statt, weil in deren verdichteten Räumen der größte Schaden und die größte Menge an menschlichen Opfern verursacht werden kann. Bekanntlich hat al-Qaida schon länger die Taktik, zwei oder mehr Anschläge gleichzeitig in einer Stadt auszuführen, um das Spektakel zu erhöhen. Mit Autobomben wurde schließlich daraus die perfide Strategie entwickelt, zuerst eine Bombe hoch gehen zu lassen und kurze Zeit später, wenn sich Menschen am Unfallort zur Hilfe oder zum Beobachten versammelt haben, die nächste Bombe zu zünden.

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Alle Abbildungen: Paul Torrens

Möglicherweise wäre es für Anschlagsplaner, die möglichst viele Opfer erzielen wollen, für eine exakte Planung interessant, Programme zu verwenden, die das Verhalten von Menschenmengen simulieren. Hergestellt werden solche Programme freilich in anderer Absicht. Sie wollen über die Simulation des Verhaltens von Menschenmengen in bestimmten räumlichen Situationen zeigen, wie diese gestaltet werden müssten, um beispielsweise die Folgen einer Panik nach einem Anschlag oder einer Katastrophe zu minimieren oder eine Evakuierung (Video) zu optimieren. In Wirklichkeit lassen sich solche Experimente mit Hunderten oder Tausenden von Menschen kaum ausführen.

Paul Torrens hat Multiagentensysteme mit Agenten, die unterschiedliche Eigenschaften (Geschlecht, Alter etc.) haben, entwickelt, um etwa das Verhalten von Menschenmengen zu simulieren, die in Panik zu fliehen versuchen. Durch räumliche Gegebenheiten wie Türen, schmale Treppen oder andere Engpässe können sie ins Stocken geraten, was die Panik noch gefährlicher macht. Während Architekten und Stadtplaner mit solchen Simulationen ausprobieren können, wie sich Menschenmengen in normaler Bewegung oder eben auch in Panik möglichst flüssig und staufrei durch entsprechende räumliche Gegebenheiten über Wege, Zu- und Ausgänge, Kreuzungen etc. steuern können, ließen sich damit natürlich Experimente durchführen, um den gegensätzlichen Zweck zu erreichen: also beispielsweise nach einem Anschlag an einem bestimmten Ort die Panik zu steigern oder Menschenmengen an einen anderen Ort zu lenken, um ein weiteres Attentat auszuführen.

Derartige Erkenntnisse einer computerisierten Massenpsychologie oder – verhaltenstheorie könnten auch für Sicherheitskräfte interessant sein, um die Kontrolle von Menschenmengen bei großen Veranstaltungen, aber auch bei Demonstrationen und Protesten besser in der Hand zu haben und gewaltsame Ausschreitungen zu verhindern. Dabei kann es beispielsweise darum gehen, welche Routen man Menschenmengen marschieren und wo man sie sich versammeln lässt, ob oder wo mobile oder stationäre Sperren aufgebaut werden, die Bewegung kanalisieren, aber auch Spannung und damit Ausschreitungen provozieren können. So wird auch die Verbindung von Sozialwissenschaft mit geografischen Multiagentensystemen zu Dual-Use-Techniken.

Allgemein geht es um die Entdeckung von Gesetzmäßigkeiten, wie sich Menschenmengen oder sich selbst verstärkende Gruppen formieren, wie sich zerstreuen, welche Dynamiken sich in ihnen entfalten können und etwa auch, wie das Verhalten von Gruppen oder Massen bzw. von Teilen in Gewalt umschlägt. Kennt man die Bedingungen genauer, lässt sich das Verhalten auch womöglich gezielt beeinflussen. Paul Torrens hat so auch ein Programm entwickelt, wie sich Menschenmengen aus den Interaktionen zwischen einzelnen Agenten in eine aggressive Meute oder Horde verwandeln. Sollte man hier tatsächlich Gesetzmäßigkeiten finden, ließen sich auch hier Methoden zur Deeskalierung entwickeln, genauso gut aber Mittel, wie sich Aggressionen schüren und Mobs erzeugen lassen.

Verhaltensmodelle für Menschenmengen dürften in Kombination mit "Social Engineering" und Stadtplanung/Architektur eine zunehmend interessante und bedenkliche Forschungsrichtung werden. Möglicherweise werden Wissenschaftler wie Paul Torrens aus Gründen der nationalen Sicherheit oder der Herrschaftssicherung ihre Forschungsergebnisse bald nicht mehr veröffentlichen können. Zudem bleibt die Frage, wie die computerbasierte Erforschung des Verhaltens von Menschenmengen jenseits aller Notfallplanung überhaupt demokratie- und freiheitstauglich ist. Vielleicht setzen Demokratie und Freiheit voraus, dass es dunkle Flecken geben muss? Risiken inklusive.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25797/1.html
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