Das Format ist der Verlierer

Die Debatte von US-Präsidentschaftsanwärtern auf You-Tube

Es gibt Menschen auf dieser Welt, die sich von der gestrigen Debatte in den USA etwas versprochen haben. Die in der YouTube/CNN-Fragestunde revolutionäres Potential witterten. Weil sich die Kandidaten nicht untereinander das übliche Rhetorik-Duell liefern sollten, sondern stattdessen den drängenden, brisanten Fragen aus dem Volk ausgesetzt sein sollten. Das hat etwas von direkter Demokratie: Über YouTube-Videos, also nicht unter künstlichen Bedingungen von Fernsehstudios, sondern eingebettet ins eigene, private Leben, aus dem Wohnzimmer heraus, fragt der moderne mediengeschulte Souverän die Kandidaten fürs höchste Amt nach deren Lösungsvorschlägen für die wirklich wichtigen Probleme unserer Zeit. Ungefiltert sollte das sein, authentisch, partizipativ und natürlich dem großen Kommunikationsideal der Zeit huldigen: der Transparenz.

Doch es war mehr oder weniger die alte langweilige Politik-Aufführung, die man schon kennt: voraussehbare Fragen und bekannte Antworten. Die in den letzten Tagen hochgefahrene Euphorie über das neue Medienevent hält sich jetzt noch am Zitat des ehemaligen Präsidentenberaters David Gergen fest: "Klarer Gewinner war das Format".

John Edwards

Stimmt nicht, sagt einer, der es wissen muss, der Teil der großen Erwartungen war. Er sei schmerzlich enttäuscht, schreibt heute Jeff Jarvis in seinem Blog "prezvid", das er Anfang des Jahres eigens für die YouTubeCampaign 2008 gegründet hat. Wer das Blog liest, weiß, wie ernst Jarvis YouTube als revolutionäre demokratische Möglichkeit nimmt. Jarvis ist der große amerikanische Anwalt für die Medienrevolution, der täglich radikales Umdenken in den Medien propagiert. In seinem populären Blog Buzzmachine wirbt er seit Jahren unermüdlich begeistert für den Wandel zu einer neuen informierten, engagierten partizipatorischen Öffentlichkeit: für Blogs, für Bürgerjournalisten, für den Tod der traditionellen Zeitungsformate, die Information von oben nach unten delegieren.

Barack Obama

Jarvis ist für klar verlaufende Informationsströme auf "Augenhöhe", wie man jetzt so gerne sagt. Der Informationsaustausch dürfe von keinem Dünkel und von keiner falsch verstandenen Hierarchie gebremst werden. Jarvis weiß sich damit in einer größeren Bewegung von jüngeren Mitbürgern/Weltbürgern, die genau das von ihren Politikern fordern: Transparenz und Authentizität. YouTube soll in dieser Perspektive wesentlich zur Aufklärung beitragen und das wahre Gesicht der Politiker zeigen:

..Internet video helps us speak back to the candidates. The politicians are trying to manage this as well: see McCain with his questions via YouTube. But there’ll be plenty of uncontrolled talking-back: see The Real McCain.

Umso größer seine Enttäuschung über die gestrige Revolutionsattrappe: Aus "unserer Debatte" wurde "ihre Debatte", eine "grausam verschwendete Möglichkeit".

Was Jarvis besonders kritisiert, wurde im Vorfeld schon von Skeptikern als Hindernis bewertet: Dass CNN die redaktionelle Auswahl über die Fragen hatte. Ausgerechnet der Sender, der seine Videostreams so benutzerunfreundlich gestaltet, dass sie nur mit der Erweiterung Greasmonkey und einem speziellen Hack auch mit Firefox und MPlayer angesehen werden können. Aus knapp 3000 Fragen wählte der Sender ganze 39 aus – nach Kriterien, die weitgehend im Dunkeln blieben. Das Ergebnis war traditionellem Nachrichtenkanalfernsehen bemerkenswert ähnlich:

CNN selected too many obvious, dutiful, silly questions.

Viele Frageclips hätten ausgesehen wie Werbeclips, so Jarvis und die Kandidaten zeigten sich ebenfalls wenig originell und lieferten genau die "Antworten", die sie bei jeder Gelegenheit geben:

Der Südstaaten-Schönling und Heuschrecken-Jurist John Edwards bekam kostenlose Werbezeit, mit der er darauf hinweisen durfte, wie sehr doch die Kampagne gegen seine teuren Frisuren vom "eigentlichen Problem", dem Irakkrieg, ablenken würde. Auf die obligatorische Frage nach der Haltung zur Schwulenhochzeit leierte er einem Lesbenpärchen aus Brooklyn seine hinlänglich bekannte Position vor, wie "suchend" sein Gewissen in dieser Frage noch sei und dass ja immerhin seine Frau dafür ist, während Dennis Kuchinich dazu seinen ähnlich bekannten Textbaustein aufsagen durfte, wie toll er das findet.

Hillary Clinton

Hillary Clinton gab auf die Frage eines Krebspatienten nach der Gesundheitsvorsorge relativ unwidersprochen das zum Besten, was sie sich seit Beginn des Wahlkampfes zurechtgelegt hatte: Dass sie ja schon vor fünfzehn Jahren eine allgemeine Gesundheitsvorsorge einführen wollte und jetzt viel mehr Erfahrung und einen ganz tollen Plan habe, wie sie die auch durchsetzen könnte. Kein Wort dazu, mit wie wenig Nachdruck sie und ihr Gatte den Plan damals verfolgten, wie wenig sie die ihnen eigentlich zur Verfügung stehenden Mittel ausnutzten und wie genau sie den Plan, der damals an einer riesigen PR-Welle scheiterte, gegen die Interessen einer "Gesundheitsindustrie" durchsetzen will, die finanziell noch wesentlich besser ausgestattet ist als vor fünfzehn Jahren.

Barack Obama war so farblos wie immer und selbst Mike Gravel blieb hinter seinen erfrischend unerwarteten Aussagen vom April zurück.

Möglich, dass das nicht zusammengeht: Mainstream-Korrektheit und der ungezähmte Kosmos privater Äußerungen, deren Freiheit sich nicht mit Rücksichten einschränken muss, die man von einem nationalen Fernsehsender erwartet. Für Neo-Citizen Jarvis liegt der Grund ganz klar woanders:

I have no doubt — no doubt — that we, the people, would have done a better job picking the questions than CNN did.

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