"Mangelnder Respekt" vor der Plattenindustrie

25.07.2007

Großbritannien bekommt vorerst doch keine Copyright-Verlängerung auf 95 Jahre

Die britische Regierung lehnte am Dienstag den ihr von der Musikindustrie angetragenen Plan ab, die Copyright-Laufzeiten für Musikaufnahmen von 50 auf 95 Jahre zu verlängern. In einer bemerkenswerten Klarheit, die man von einer britischen Regierung schon lange nicht mehr hörte, erklärte ein Sprecher, dass die Verlängerung nicht angemessen sei und dass der Großteil der Musiker nicht von ihr profitieren würde.

Zuvor hatte sich das britische Schatzamt gegen eine solche Verlängerung von Monopolrechten, der Parlamentsausschuss für Kultur, Medien und Sport, dessen Mitglieder von der Musikindustrie besonders "betreut" wurden, jedoch dafür ausgesprochen. Die britische Musikindustrie reagierte teilweise im Duktus der von ihr geförderten Gangsterrapper: John Kennedy von der britischen IFPI sprach von mangelndem "Respekt" der Regierung vor der Plattenindustrie.

Die hatte während der letzten drei Jahre ein Aufgebot von alternden Musikern durch die Medien tingeln lassen, die in der Öffentlichkeit und der Politik "Verständnis" für die geplante Verlängerung schaffen sollten. Die Rechnung ging – im Gegensatz zum amerikanischen "Mickey Mouse Act" – nicht auf: Zu bekannt war aufgrund der mittlerweile fast zehn Jahre andauernden Copyright-Debatte, dass nicht "hungernde Künstler", sondern Konzerne von solch einer Verlängerung profitieren – vor allem in England und den USA, wo im Musikbereich standardmäßig sämtliche Rechte an die Plattenfirmen abgetreten wurden und werden.

Nur einige wenige Musiker konnten sich aufgrund ihres außergewöhnlichen Erfolges und der daraus resultierenden besseren Verhandlungsposition gegenüber den Plattenfirmen Rechte zurückkaufen oder Verträge neu verhandeln. Genau solche Leute wie Cliff Richard und Paul McCartney wurden dann auch für die Werbekampagne der Musikindustrie zur Copyrightverlängerung eingesetzt. Zum Scheitern der Kampagne beigetragen haben könnte auch, dass die von der Musikindustrie eingespannten Musiker teilweise zu dick auftrugen: Vor allem beim sehr aktiven Verlängerungsbefürworter Bono Vox wusste man kaum mehr, wem es nun schlechter geht: dem afrikanischen Kontinent oder seiner angeblich so darbenden Zunft.

Zum anderen war offenbar nicht nur der britischen Öffentlichkeit, sondern auch dem neuen Kabinett Brown, nicht ganz vermittelbar, warum die Zahlung von Tantiemen weit über den Tod hinaus junge Musiker dazu anregen sollte, neue Stücke aufzunehmen. Die Argumentation der Plattenindustrie widerspricht ganz grundlegend dem, was seit 30 Jahren in der Motivationsforschung unumstritten ist. Nach diesen Ergebnissen schafft eher eine Künstlergrundsicherung als eine Copyrightverlängerung Anreize.

Plan einer EU-weiten Verlängerung

Überregional bedeutsam ist die Entscheidung unter anderem deshalb, weil die britische Regierung nach dem Willen der Musikindustrie die Verlängerung über die Kommission auch EU-weit durchsetzen hätte sollen. Obwohl das deutsche System von Urheber und Leistungsschutzrechten grundsätzlich anders aufgebaut ist als das britische und das amerikanische Copyright-System, hätten sich auch hier Verschlechterungen für deutsche Verbraucher ergeben – vor allem im Bezug auf die Dauer der Monopolrechte von Musikkonzernen.

Das, was in Großbritannien unter der Bezeichnung "Copyright" läuft, entspricht in Deutschland am ehesten den "Leistungsschutzrechten". In beiden Fällen erhalten Musiker und Verlage fünfzig Jahre lang bestimmte Monopolrechte an Aufnahmen. Liegt der Aufnahme eine Komposition zugrunde, so ist diese in Großbritannien ebenso wie in Deutschland mit einem eigenen Monopolrecht geschützt, das nach der Revidierten Berner Übereinkunft schon jetzt 70 Jahre nach dem Tod des Autors fortgilt.

Nun setzt die Musikindustrie wieder mehr auf einen Wahlsieg der Tories, die sich offen für eine entsprechende Initiative zeigten. Geoff Taylor, Chef der britischen BPI deutete an, sich die Musikindustrie nach dem Abdanken der Blair-Regierung, die ihr alle Wünsche erfüllt hatte, auch nach einer anderen europäische Regierung umsieht, die dann auf EU-Ebene ein verlängertes Copyright einbringen und durchsetzen soll.

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