Schleswig-Holstein: Millionen für Erforschung der CO2-Speicherung

Frank Berno Timm 27.07.2007

Wissenschaftsminister Autermann will Schleswig-Holstein an die Spitze der technologichen Entwicklung setzen, Kritiker sagen, dass damit eher der Kohleabschied hinausgeschoben werden soll

Geht es nur um PR oder um handfeste wirtschaftliche Interessen? Die Ankündigung des schleswig-holsteinischen Wissenschafts- und Wirtschaftsministers Dietrich Austermann (CDU), Millionen in die Erforschung der CO2-Speicherung zu investieren, ruft auch Kritiker auf den Plan. Ihr Argument: Die Risiken der Technik seien ungeklärt und sie komme für die bundesweit geplanten Kraftwerke zu spät.

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Es geht, wenn man nach den Informationen aus Austermanns Ministerium geht, sowohl um Forschungsgelder aus der Wirtschaft in Höhe von 25 Millionen Euro als auch um öffentliche Finanzen. Schwerpunkt sei die Untersuchung der so genannten CO2-Sequestrierung an Land (on-shore) und auf See (off-shore). Man habe eine "Allianz" aus Forschern und Vertretern der Energiewirtschaft gegründet, "die für alle Beteiligten Vorteile verspricht und zu einem entscheidenden Sprung im Kampf gegen den Klimawandel werden wird", meint Austermann. Dies komme einem Exzellenzcluster "Angewandte Energieforschung" gleich. Schleswig-Holstein soll damit zu einer "der weltweit ersten Adressen bei der Entwicklung von Technologien zur Speicherung des Treibhausgases Kohlendioxid" werden.

Die Projekte im Einzelnen:

RWE Dea und Wintershall erteilen dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-GEOMAR in den nächsten Monaten Aufträge über 3,5 Mio. Euro. Es geht laut Ministerium um die Einrichtung von Drucklaboren und die Frage, wie CO2 in fester Form unter dem Meeresgrund deponiert und im selben Arbeitsgang Erdgas (Methan) gewonnen werden kann. Gleichzeitig solle unter Federführung der Kieler Christian-Albrechts-Universiät (CAU) auch Möglichkeiten der CO2-Lagerung an Land untersucht werden.

Gemeinsam mit Gas-, Chemie- und Schiffbauunternehmen haben IFM-GEOMAR-Wissenschaftler beim Bundeswirtschaftsministerium einen so genannten Verbundantrag SUGAR (Submarine Gashydrat Lagerstätten) eingereicht. Die beantragten 10 Mio. Euro sollen genutzt werden, um in Zukunft CO2 aus Kohlekraftwerken in Methan-Hydrat-Lagerstätten einzubringen. Das Kohlendioxid soll so sicher deponiert, das Methan verdrängt und als Erdgas gefördert werden.

Zwei Öl- und Gasunternehmen haben dem IFM-GEOMAR 11 Mio. Euro zugesprochen, um Methanvorkommen in der Nordsee und den Zusammenhang zwischen Gasgenese und Schlammvolumen im Nildelta zu untersuchen. Es gehe um ein "tieferes Verständnis über Gasvorkommen und deren Wechselwirkung mit unterseeischen Emissionen".

An der CAU erhalten Forschergruppen 4 Mio. Euro, "um neue geophysikalische Auswertungsverfahren zur Charakterisierung von Gasspeichersteinen zu entwickeln und Ablagerungsbedingungen von Erdöl führenden Gesteinen zu untersuchen".

Beim Bundesforschungsministerium sollen weitere 50 Mio. Euro für die Gashydrattechnologie mobilisiert werden, um gemeinsam mit der Fachhochschule Kiel und der Industrie technische Verfahren zur Hydratumwandlung in Pilot- und Versuchsanlagen weiter zu entwickeln "und zur Marktreife zu bringen".

Zwei Gemeinschaftsprojekte mit der Fachhochschule Flensburg mit einem Volumen von knapp 700.000 € sollen sich mit Transporttechnologien befassen. Außerdem arbeitet man an der Erkennung von Leckagen. Außerdem gibt es weitere Gemeinschaftsprojekte zu Speicherungssimulationen und weitere Demonstrationsprojekte.

Dass der Minister für 2020 als Teilergebnis mit den ersten schadstoffneutralen Kraftwerken am Netz rechnet, ist mutig. Die Frage, ob die von Austermann offensichtlich gewollte Ansiedlung eines solchen Kraftwerks in seinem Bundesland wirklich sinnvoll ist, muss offen bleiben, wenn man sich die Einwendungen von Thorben Becker, Leiter Energiepolitik beim BUND http://www.bund.net/ , vergegenwärtigt.

Becker macht nämlich gegenüber Telepolis darauf aufmerksam, dass gegenwärtig bundesweit 27 Kohlekraftwerke geplant seien, die bis 2015/2017 ans Netz gehen sollen. Für diese Kraftwerke werde die CO2-Technik nicht zur Verfügung stehen, eine Nachrüstung sei sehr teuer und eine Verpflichtung sei bislang nicht zu sehen. "Es ist in erster Linie eine große PR-Nummer", findet Becker, der BUND sei "grundsätzlich sehr skeptisch". Für Deutschland, findet er, komme die Technik nicht in Frage:

Laut Becker geht der Wirkungsgrad eines entsprechend ausgerüsteten Kraftwerks von 45 Prozent auf 38 bis 39 Prozent zurück.

Für den CO2-Transport in mögliche Endlager ist nach seinen Angaben eine sehr umfangreiche Infrastruktur notwendig.

Becker sagt außerdem, dass nicht klar sei, ob man solche Kraftwerke künftig am Meer bauen oder das Gas über Pipeline dorthin schaffen wolle.

In Deutschland gebe es nicht viele mögliche Endlager. Deren sicherer Betrieb über 1000 Jahre sei rechtlich und in Haftungsfragen problematisch, das Verfahren sehr aufwändig.

Laut Becker sind wahrscheinlich andere Verfahren der Energiegewinnung preiswerter. Der BUND-Experte erwähnt etwa erneuerbare Energien, Geothermie-Kraftwerke und Offshore-Anlagen.

Nach seiner Ansicht sei es das Interesse der beteiligten Unternehmen, den Abschied von der Kohlekraft hinauszuschieben (Kohle um jeden Preis). Der BUND, betont Becker, sei "strikt gegen öffentliche Fördergelder".

Carsten Pfeiffer, Mitarbeiter im Büro des bündnisgrünen Bundestagsabgeordneten Hans-Josef Fell, äußert sich ähnlich, spricht von "Propaganda der Kohlewirtschaft". Eine erste Überlegung auf europäischer Ebene, CO2-Speicherungstechnik ab 2020 zwingend vorzuschreiben, habe zu einem Einspruch des entsprechenden Verbandes geführt, dass die Technik nicht ausgereift sei. Er habe, so Pfeiffer, "genau damit gerechnet".

Wenn es eine Alternative zu Kernkraft geben müsse, brauche man die Kohle neben erneuerbaren Energien, so Karin Fehlau aus der Ministeriumspressestelle auf Fragen von Telepolis.

Informationen über CO2-Abscheidung und –Speicherung auf europäischer Ebene. Antwort der Bundesregierung vom 20. 4. 2007 auf eine kleine Anfrage der B90/Grünen zu CO2-Abscheidung und –Lagerung.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25826/1.html
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