Atomkraft nicht nur in Deutschland unbeliebt

31.07.2007

Die Klima- und Energiewochenschau: Während die erneuerbaren Energieformen wie in Kalifornien ausgebaut werden, halten die großen Stromkonzerne verbissen an ihren Atomkraftwerken fest

Im US-Bundesstaat Kalifornien wird ein neuer Rekord in der Nutzung der Sonnenenergie angestrebt. In der dortigen Mojave-Wüste soll mit 553 Megwatt das bisher weltweit größte solarthermische Kraftwerk entstehen, wie Inside Greentech berichtet. 2009 wird es den ersten Spatenstich geben, mit der Fertigstellung wird nicht vor 2011 gerechnet. Möglich wird der Bau durch einen langfristigen Abnahmenvertrag zwischen dem Betreiber Solel Solar Systems und dem Versorgungsunternehmen Pacific Gas and Electric. Hintergrund: In Kalifornien müssen die Stromversorger ab 2010 nachweisen, dass mindestens 20 Prozent der von ihnen verkauften elektrischen Energie aus erneuerbaren Quellen stammt.

Die verwendete Technik ist seit langem ausgereift, ist aber aufgrund der bis vor etwa drei Jahren niedrigen Öl-, Kohle- und Erdgaspreise nicht konkurrenzfähig gewesen. Mit dem Vorstoß in neue Größenordnungen versprechen sich Betreiber wie Abnehmer allerdings eine Kostenreduktion, wie sie seit Jahren auch bei Windkraft und Fotovoltaik zu beobachten ist.

Solel Solar Systems unterhält in der Mojave-Wüste bereits seit rund 20 Jahren mehrere kleine solarthermische Kraftwerke. Deren Arbeitsweise ist vergleichsweise simpel: Parabolspiegel konzentrieren die Sonnenstrahlen auf ein Rohr, durch das ein spezielles Öl fließt, dass auf mehrere 100 Grad erhitzt wird. Das Öl bringt wiederum Wasser zum Sieden, wodurch eine Dampfturbine angetrieben wird. Diese wiederum erzeugt elektrischen Strom in einem Generator, ganz so, wie es auch in einem Kohle- oder Atomkraft geschieht. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass in diesem Falle die Energie zum Erhitzen des Wassers auf umweltfreundliche Weise gewonnen wurde. Je nach Lage der Anlage, lässt sich die Restwärme des Öls unter Umständen für andere Prozesse verwenden. Möglich ist zum Beispiel bei küstennahen Solarparks der Einsatz für die Entsalzung von Meerwasser.

Doch derlei ist in der nordöstlich von Los Angeles im Landesinneren gelegenen Wüste vermutlich ausgeschlossen. Allerdings sind die technischen Daten auch so beeindruckend. Auf einer Fläche von etwa 2.330 Hektar sollen 1,2 Millionen Spiegel aufgestellt und rund 510 Kilometer Röhren für das Öl verlegt werden. Einmal im Betrieb soll die Anlage 400.000 Haushalte mit Strom versorgen. Wenn man von einem durchschnittlichen Verbrauch von 4.000 Kilowattstunden (KWh) pro Haushalt ausgeht (was hierzulande dem durchschnittlichen Verbrauch eines Vier-Personen-Haushalts entspricht), dann hieße das, die Betreiber rechnen mit einem Stromertrag von 1,6 Milliarden KWh pro Jahr. Das entspräche etwa 0,7 Millionen KWh pro Jahr und Hektar. Zum Vergleich: In Brandis, Sachsen, ist auf einem stillgelegten Militärgelände eine Fotovoltaikanlage geplant, die mit 40 MW die bisher weltweit größte ihrer Art sein wird. Dort wird mit einem Ertrag von etwa 0,36 Millionen KWh/ha jährlich gerechnet, wie sich aus den Angaben der künftigen Betreiber errechnen lässt.

In Kiel und Berlin geht die Auseinandersetzung um die Pannen-AKWs von Vattenfall munter weiter

Inzwischen gerät neben der Führungsriege des Konzerns auch die schleswig-holsteinische Atomaufsicht ins Visier der Kritik. Die Grüne Landtagsopposition hatte bereits vor zwei Wochen den Rücktritt der zuständigen Ministerin Gitta Trauernicht (SPD) gefordert. Nun steht diese im Verdacht, der wegen des Brandes in Krümmel ermittelnden Staatsanwaltschaft wichtige Informationen vorenthalten zu haben.

Vattenfall hat unterdessen eine handverlesene Kommission eingesetzt, die die Pannen in Krümmel und Brunsbüttel untersuchen soll. Dem aus Vertretern der Branche zusammengesetzten Gremium gehört auch ein "Kommunikationsexperte" an, denn natürlich war das eigentliche Problem bisher nicht unzuverlässige Technik, sondern die falsche Medienpolitik.

Die AKWs in Brunsbüttel und Krümmel werden noch mehrere Wochen stillstehen. Darüber hinaus sind derzeit noch zwei weitere deutsche Atommeiler vom Netz, ohne dass es zu Versorgungsproblemen oder auch nur zu einem Preisanstieg an der Strombörse kommen würde. Thorben Becker vom Bund für Umwelt- und Naturschutz sah darin im Gespräch mit Telepolis (Ausstieg aus der Atomenergie bis 2010) den Beleg, dass viele AKWs schon jetzt überflüssig sind und ein Ausstieg aus der Kernenergienutzung mit einigem guten Willen bis 2010 möglich wäre.

Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) versucht beim Ausstieg auf die Tube zu drücken. Mit sicherem Gespür für die Wundenpunkte des Koalitionspartners forderte er seinen Kabinettskollegen für Inneres und Paranoia, Wolfgang Schäuble (CDU), auf, die Abschaltung alter Atomkraftwerke in seine Aktionsliste zur Stärkung der inneren Sicherheit aufzunehmen. Atomreaktoren, die kaum gegen terroristische Angriffe wie gezielte Flugzeugabstürze gesichert seien, müssten sofort vom Netz genommen werden, sagte Gabriel. Darüber hinaus sollten die Leitwarten von Atomkraftwerken per Video überwacht werden, meinte der Minister. "Das ist allemal interessanter, als in deutsche Schlafzimmer zu schauen."

Gleichzeitig erinnerte Gabriels Parlamentarischer Staatssekretär Michael Müller daran, dass der Ausstiegsbeschluss von 2001 ein Kompromiss gewesen sei, der weit hinter den Forderungen der Atomkraftgegner zurückblieb. Schon 1990 habe "die Klima-Enquete des deutschen Bundestages (...) nachgewiesen, dass die Atomkraft das Klimaproblem nicht lösen kann und sogar moderne Energiedienstleistungen blockiert." Müller weiter:

Erstens: Niemand bestreitet, dass der Sicherheitsstandard in Deutschland hoch ist, obwohl auch hier eine Vielzahl von Atomkraftwerken Schwachstellen aufweist. Aber auch für unser Land kann ein schwerer Unfall nicht ausgeschlossen werden. Die Explosion 2001 in Brunsbüttel war kritisch und auch die terroristischen Gefahren dürfen nicht unterschätzt werden. Der Ablauf des Trafobrands und der Ausfall von Pumpen sind keine Kleinigkeit, die man als "Knallfrösche" abtun darf. Deshalb ist ein Vergleich des Risikos der Atomenergie mit Straßen- oder Luftverkehr eine Verkennung der Dimension. Jede Risikobetrachtung hat zwei Seiten: Die Eintrittswahrscheinlichkeit und das mögliche Schadensausmaß. Die Vergleiche, die jetzt herangezogen werden, verniedlichen die Tatsache, dass ein GAU nicht ausgeschlossen werden kann und für unser Land katastrophale Folgen hätte..

Zweitens: Wirtschaft und Gesellschaft sind nicht von der Atomkraft abhängig. Es gibt Alternativen, die in der Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Die Atomkraft ist ein Auslaufmodell – schon wegen der begrenzten Uranressourcen. Die technologische Entwicklung lässt heute dezentrale Energiesysteme zu. Denen gehört die Zukunft. Und sie sind das Gegenteil der kapitalintensiven und unflexiblen Struktur der großen Atomkraftwerke.

Auch wenn hiesige CDU-Politiker wie Roland Koch die Öffentlichkeit gerne etwas anderes glauben machen wollen, so ist die Atomkraft nicht nur in Deutschland äußerst unbeliebt. Von Japan über Taiwan bis nach Spanien, Frankreich, Italien und Großbritannien hat sie zu verschiedenen Zeiten Protest auf sich gezogen. Derzeit wird in Sibirien demonstriert: In Angarsk, 30 Kilometer von der sibirischen Metropole Irkutsk und 90 Kilometer vom Baiklasee, dem größten Süßwasserreservoir der Erde, unterhält die russische Föderation ein Zentrum für die Bearbeitung von Uranbrennelementen, darunter auch eine Anreicherungsanlage. Nach einem Bericht von Umweltschützern ist ein Ausbau der Anlagen für den internationalen Markt geplant. Ein "Internationales Urananreicherungszentrum" solle gebaut werden, worüber es offenbar auch auf den letzten G-8-Gipfeln Absprachen gab. Gegen diese Pläne hat es in der Vergangenheit bereits mehrere Protestversammlungen und Demonstrationen in Irkutsk gegeben. Die Aktivisten weisen unter anderem darauf hin, dass das gefährliche Material mit der Eisenbahn durch zahlreiche russische Großstädte transportiert werden müsste.

Mitte Juli war am Stadtrand von Agarsk ein Protestcamp bezogen worden, was die örtliche Polizei gar nicht gern sah. Es kam zu mehreren Festnahmen. Aber nicht nur das: Nach einer vom Dissentnetzwrek, das Anfang Juni an den Protesten gegen den G-8-Gipfel beteiligt gewesen war, verbreiteten Pressemitteilung wurde das Camp am 21. Juli regelrecht überfallen. 15 bis 20 junge Männer in Tarnanzügen und mit weißen Armbinden hätten die Protestierenden mit Eisenstangen und anderen Waffen zusammengeschlagen. Eines der Überfallopfer, der 21-jährige Ilya Borodaenko aus der Pazifikstadt Nachodka, starb an einer Schädelfraktur, mindestens einem weiteren wurden beide Beine gebrochen. Fünf Umweltschützer wurden mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert.

Die Anti-Atom-Aktivisten sind sich sicher, dass es sich bei den Angreifern um Neo-Nazis gehandelt hat. Das belegten deren Aussprüche gegen Antifaschisten während des Überfalls. Die Behörden würden das jedoch strikt leugnen und hätten die Opfer unter Druck gesetzt, aus der "Geschichte" keinen Skandal zu machen und nicht mit Journalisten zu sprechen. Die Polizei behauptet, es handele sich lediglich um Hooligans, und das Motiv sei Diebstahl gewesen. In der erwähnten Presseerklärung wird hingegen davon gesprochen, dass es in Russland in letzter Zeit eine Zunahme von Neo-Nazi-Angriffen auf Migranten und politische Aktivisten gebe. Innerhalb von weniger als zwei Jahren sei dies bereits mindestens der fünfte Mord an einem jungen Antifaschisten.

Rund um den Globus häufen sich schwere Unwetter

In Großbritannien müssen auch nach über einer Woche noch viele tausend Haushalte ohne sauberes Trinkwasser aus der Leitung auskommen. Über die Ufer getretene Flüsse hatten Kläranlagen überschwemmt und das Trinkwassereinzugsgebiet verseucht. Auch der Strom ist für viele ausgefallen, weil Kraftwerke oder Umspannwerke überflutet worden.

Nach einem Bericht der Zeitung Independent befinden sich unzählige sensible öffentliche Einrichtungen in potenziellen Hochwassergebieten, darunter über 2000 Kraft- und Umspannwerke, sowie 737 Klär- und Wasserwerke. Hinzu kommen noch eine große Zahl von Gesundheitseinrichtungen, Telekom-Knotenpunkten, Schulen und ähnlichem. Auf die öffentliche Hand kommen also gewaltige Anpassungskosten zu, denn britische Klimaforscher gehen davon aus, dass sich das Land in Zukunft auf ähnliche Ereignisse wie das diesjährige einstellen muss.

Zumindest haben die Briten es inzwischen von ihrem Wetterdienst amtlich, dass die Monate Mai, Juni und Juli in den meisten Regionen von England und Wales mit Abstand die regenreichsten seit Beginn der Aufzeichnungen vor über 200 Jahren waren. Die britischen Versicherer gehen davon aus, dass sie drei Milliarden Pfund (etwa 4,34 Milliarden Euro) für die jüngsten Schäden bezahlen müssen.

Von der hiesigen Öffentlichkeit fast unbeachtet, spielen sich derzeit auch in anderen Weltgegenden schwere Überflutungen ab. Im Sudan, so der UN-Nachrichtendienst IRIN, haben die Fluten nie zuvor gekannte Ausmaße angenommen. Besonders schwer betroffen sind der Norden des Landes sowie die Hauptstadt Khartum, die am Zusammenfluss vom Blauen und Weißen Nil liegt. Ersterer bringt besonders viel Wasser aufgrund heftiger Niederschläge im äthiopischen Hochland heran. Mindestens 59 Menschen seien bisher umgekommen, zitiert IRIN einen Regierungssprecher. 35.000 Familien seien obdachlos geworden. In 12 von 26 Staaten wurden Brücken und Straßen zerstört.

Auch in China ist noch kein Ende der Hochwasser in Sicht, die dort gleich verschiedene Regionen plagen. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuter, sind bereits über 500 Menschen ums Leben gekommen. Betroffen ist unter anderem der für gewöhnlich sehr trockene Osten der autonomen Provinz Xinjiang, die an Kasachstan und die Mongolei grenzt. Im Süden des Landes hat dagegen in Teilen der Provinzen Jiangxi und Hunan eine knappe Million Menschen aufgrund von Dürre nicht genügend Trinkwasser, während wenige hundert Kilometer weiter nördlich am Yangtze wegen schwerer Niederschläge die Dämme zu brechen drohen.

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