Vom Wunsch nach Überwachung im öffentlichen Raum

31.07.2007

Nach einer Umfrage sind 71 Prozent der US-Bürger für einen Ausbau der Video-Überwachung

Auch wenn Bürgerrechtler vor einer zunehmenden Überwachung warnen, scheinen die meisten Menschen offenbar nichts dagegen zu haben, dass die öffentlichen Räume der Städte zu einer Bühne werden, auf der alle Menschen auf Schritt und Tritt verfolgt werden. Vermutlich wird die Überwachung von öffentlichen Räumen, in denen man sowieso dem offenen oder heimlichen Blick ausgesetzt ist, als etwas empfunden, das nicht wirklich in die Privatsphäre eingreift und zudem Sicherheit verspricht.

Auch in den USA ziehen nach dem 11.9. mehr und mehr Überwachungskameras in die öffentlichen Räume ein, um Kriminalität zurückzudrängen oder Terrorismus zu verhindern. In New York etwa soll ein dem panoptischen Vorbild Londons nach empfundener "Ring of Steel" mit Tausenden von Kameras eingerichtet werden (Manhattan soll mit Tausenden von Kameras geschützt werden). Auch in anderen Städten wird ein massiver Ausbau geplant. Das allpräsente Auge von Big Brother stört auch die Amerikaner offenbar nicht. In einer aktuellen Umfrage von ABCNews.com sprachen sich sogar 71 Prozent der Befragten für den zunehmenden Einsatz von Überwachungskameras aus. Nur 25 Prozent haben etwas dagegen – und machen sich damit womöglich schon verdächtig?

Wenig verwunderlich ist, dass vor allem ältere Menschen nichts gegen die zunehmende Überwachung des öffentlichen Raums haben, da sie ängstlicher sind als junge Menschen. 80 Prozent der Menschen über 65 Jahre sprachen sich für mehr Überwachungskameras aus, allerdings auch 61 Prozent der 18-19-Jährigen. Auch Frauen scheinen sich sicherer zu fühlen und daher seltener etwas gegen die Kameras zu haben. Amerikaner, die den Demokraten zuneigen, sind mit 66 Prozent zwar auch überwiegend für mehr Video-Überwachung, aber weniger als die Unabhängigen mit 71 Prozent oder die Republikaner mit 81 Prozent, die zumindest im Hinblick auf Sicherheit den starken Staat wünschen, den US-Präsident Bush trotz wirtschaftlich liberaler Ideologie ja auch massiv ausgebaut hat.

Interessant ist, dass die Menschen mit College-Abschluss und höherer Bildung weniger gegen Überwachungskameras eingestellt zu sein scheinen als die Menschen ohne College-Abschluss. Auch die Weißen schätzen die Überwachung stärker als die Schwarzen. Wer seine Privilegien oder einfach mehr zu verlieren hat, fühlt sich unsicherer und wünscht sich mehr Überwachung im öffentlichen Raum, wo man mit dem anderen Teil der Gesellschaft konfrontiert ist.

Trotzdem bleibt, dass die Mehrheit der Befragten für den Ausbau der Video-Überwachung plädiert. Das dürfte in den USA nicht anders als hierzulande sein. Möglicherweise hat auch das Leben in einer Medien- und Aufmerksamkeitsgesellschaft, in der man aus Karriere- und Anerkennungsgründen auf die Bühne drängelt und das Persönliche öffentlich macht, das herkömmliche Verständnis der Privatsphäre und den Wunsch nach Anonymität, den das Leben in der Stadt einst versprach, verändert. Wer im Privaten bleibt, hat möglicherweise schon verloren. Selbst Terroristen drängeln sich an die Öffentlichkeit und zeichnen ihre Taten auf. Amokläufer setzen Scripts um, um noch durch Mord und Tod Prominenz zu erlangen.

Wer sein Leben darauf einrichtet, Aufmerksamkeit zu finden, lernt auf der Bühne unter dem Blick der Anderen bzw. der Medien zu agieren, so dass Überwachungskameras zumindest in den öffentlichen oder halböffentlichen Räumen nicht nur das Gefühl von größerer Sicherheit vermitteln, weil man potenziell beobachtet wird, sondern auch insgeheim den Genuss vermitteln, nicht allein zu sein, Bedeutung zu haben und sich selbst vorführen zu können. Zudem sind fest installierte oder mobile Überwachungskameras nur ein Teil des Beobachtungssystems, das alle Menschen, ausgerüstet mit WebCams, Kamerahandys oder digitalen Fotos und Videokameras, gleichzeitig zu Sensoren und Zielen macht.

Überwachungskameras lösen ein, was das Bild vom allwissenden Gott als alles beobachtendes Auge nur suggerierte und was das Selbstbewusstsein als Spaltung erzwingt, nämlich sich selbst permanent aus der Perspektive des Anderen oder des Freudschen Über-Ichs sehen zu können und zu müssen. Das allein macht schon folgsamer (Ein besseres Selbst dank Big Brother). Vielleicht ist diesseits der gesamten Sicherheitsproblematik die Faszination, von den Objektiven der Kameras erfasst zu werden, also religiöser Natur? Vielleicht ist es auch beruhigend, den im Selbstbewusstein integrierten Anderen endlich wieder nach Außen abschieben und damit "wirklich" machen zu können?

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