Die zweite Meinung

Thomas Pany 02.08.2007

Bewertungsseiten im Internet eröffnen den Paradigmenwechsel in der Kommunikation mit den Ärzten

Spricht eigentlich heute noch jemand – außer altbackener Journalisten - ernsthaft von "Halbgöttern in Weiß", wenn es um Ärzte geht? Nimmt man selbst durchgeführte Privatumfragen als erstes naheliegendes Wirklichkeitskriterium, so haben Ärzte in echt gar nichts Göttliches mehr, zumal nach dem großen Streik. Keiner, der widerspricht, wenn man ein entsprechendes Fachgespräch mit der Feststellung "Die Ärzte haben keine Ahnung" einleitet; kein Nachbar, kein Obstverkäufer, kein Taxifahrer, kein Mitschwimmer aus dem Fitnessstudio und die kränkelnden Verwandten schon gar nicht.

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Solche leicht zum Pauschalen neigende Ärztekritik hat Tradition und oft guten Witz, wofür etwa das Werk von Thomas Bernhard zahlreiche hervorragende Beispiele liefert. Das Hauptschimpfwort des Ärztebashings kennt man schon seit Jahrhunderten: Quacksalber. Mag sein, dass die Abneigung der Ärzteschaft gegenüber Patientenbeurteilungen von diesem derben Elementarurteil herrührt und ihnen bestätigt, was analog auch manche Künstler an ihrem Publikum beklagen: den Mangel an Kompetenz, "Banausentum". Immerhin konnten sich die Ärzte jahrehundertelang (so im Mittelalter durch den Gebrauch lateinischer Sprache) gegen eine bestimmte Art von kritischem Dialog in der Öffentlichkeit schützen.

Wenn es nach bösen Zungen geht, so haben die deutschen Ärzte die letzten zehn Jahre erfolgreich jeden Versuch, im Internet einen Service aufzubauen, bei dem Interessierte sich ein Bild über die Qualitäten (und die Preise) eines Arztes machen können, vereitelt. Solche Versuche sind allesamt ins digitale Nirwana abgemahnt und geklagt worden (vgl. Online-Zahnärzte-Vergleich verboten). Ärzte würden auf eine Bewertung ebensowenig Wert legen wie Lehrer oder Professoren auf Noten von ihren Schülern und Studenten.

Diese Haltung scheint noch immer durch, wenn die Kassenärztliche Vereinigung Bayern, wie die Süddeutsche Zeitung von gestern notiert, "an Bauchweh leidet" angesichts neuer Informationsportale (vgl. arzt-preisvergleich und jameda.de) im Netz, welche die Leistungen und Qualitäten der Ärzte (inkl. anderer Heilberufe) von Patienten bewerten lassen. Die Hauptargumente gegen das Bewertungssystem: Emotionalität der Patienten, ihre Kenntnislosigkeit und die Möglichkeit zur Manipulation.

Doch sind den Manipulationen, wie sich an anderer Stelle zeigt (Die Sterne lügen nicht) , Grenzen gesetzt, wenn dafür nicht schon die entsprechende Webseite sorgt. So kann z.B: der Besucher dieser Ärztevergleichsseite nur einmal innerhalb mehrerer Wochen eine Bewertung für einen bestimmten Arzt abgeben. Zum anderen dürfte hier prinzipiell gelten, was beispielsweise bei Hotelbewertungen im Netz gilt, die Selbstreinigungskraft des Systems: eine diffamierende Stimme, ob von einem unzufriedenen Patienten oder einem neidischen Kollegen, verliert sich da schnell in der Menge anderer Stimmen.

Die "Gefahr des Rufmords", welche die Sprecherin der bayrischen Landesärztekammer, Dagmar Nebal, beschwört, weil die Ärzte gegenüber einer Negativ-Bewertung keine Chance zu einer Stellungnahme hätten, ist nicht "zu groß", sondern eher unwahrscheinlich – vorausgesetzt es sind viele, die ihre Ärzte bewerten. Und das kann der aufmerksame Patient auf der jeweiligen Webseite ja schnell ablesen.

Das Interesse an solchen Infoseiten dürfte gegeben sein: Dr.Google und Schwester Wikipedia sind zwar schnell und kostenlos, haben aber Nebenwirkungen und Risiken, wie Paranoia und Panikattaken, echte Ärzte ersetzen können sie allein deswegen schon nicht. Aus diesen und und anderen Gründen (Wohnortwechsel, Gebisssanierung, komplexe Krankheitsbilder, Facharztsuche) ist die Suche nach guten Ärzten ein alltägliches Dauerthema.

Komisch, dass sich die Ärzteschaft solange dem Markt der Informationen verweigert hat. Sind den Ärzten Markt und Wettbewerb ansonsten doch ganz geläufige Wendungen, wenn es um ihren Verdienst geht.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25858/1.html
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