Sieg in 38 Jahren

Thomas Pany 06.08.2007

Afghanistan: Der Krieg könnte lange dauern, so britische Kommandeure. Indes werfen die USA Iran vor, die Taliban zu bewaffnen

Dem Widerstand könnte man in 10 Jahren Herr werden, dem Drogenschmuggel in 30 Jahren und dann würde es noch ein bisschen länger dauern, bis auch politische Führung und Verwaltung in Ordnung sind: Ein Sieg in Afghanistan wäre möglich, deutete die britische Sonntagszeitung Observer gestern an, allerdings erst in 38 Jahren - der Zeitraum, den Großbritannien gebraucht hat, um sich aus Nordirland zurückzuziehen. Die Einschätzung stammt Kommandeuren der britischen Truppen in der afghanischen Provinz Helmand.

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Amerikanische Vertreter geben sich optimistischer in ihren Lagebeurteilungen: Afghanistan sei in einer viel besseren Position, als es das jemals als Nation gewesen sei, meint Richard Boucher, Assistent Secretary im Außenministerium für Süd-und Zentralasien. Ob sich Präsident Karsai, der Kabul verlassen hat, um mit Präsident Bush in Camp David eine "Strategie Session" zu halten, mit diesem Optimismus auftanken kann, ist nicht sicher. Zumal er sich mit einem überraschenden Manöver konfrontiert sieht.

Rechtzeitig zu seinem zweitägigen USA-Besuch erfährt die internationale Öffentlichkeit vom einschlägigen Vorwurf, wonach Iran die Taliban mit Hi-Tech-Waffen unterstützen soll. Karsai betreibt Deeskalation in seinen ersten Presseauftritten, spricht von "very, very good, very, very close relations" gegenüber Iran ergänzt mit der Feststellung, dass dies teilweise im Einvernehmen mit den USA geschehe: "thanks in part also to an understanding of the United States in this regard". Ein Satz, den man beim diplomatisch sehr versierten Karsai durchaus als Anspielung auf die Kooperation zwischen den USA und Iran bei der Absetzung (!) der Taliban (vgl. Die den Krieg lieben) verstehen kann.

Dass Iran die Taliban mit Waffen unterstützen soll, die den Schiiten in Afghanistan, den Hasara, bis zu ihrer Absetzung das Leben schwer machten und Massaker verursacht haben sollen – der Vorwurf klingt eher nach Strategie als Empirie samt Beweisen. Und, wenn man es böse sehen will, ist auch der Wert, den Afghanistan für die USA hat, vor allem strategisch: Es ist Teil einer größeren Strategie, die sich seit einiger Zeit gegen Iran richtet. Für das Land selbst hat man nicht so viel getan, dieser Vorwurf an die Adresse der westlichen Befreier wird öfter geäußert. Die Stimmung in der Bevölkerung den westlichen Truppen gegenüber verschlechtere sich, so der Tenor der Berichtserstattung seit Monaten.

Karsai, der sich in den letzten Wochen öfter über die Aggressivität der westlichen Truppen beschweren musste, hat nicht viel Spielraum. Sein politisches Schicksal hängt von den USA und den westlichen Verbündeten ab. Und deren Rezept unter Führung der USA bleibt vor allem Härte. Wie die Washington Post berichtet, soll Karsai eher für einen versöhnlichen Kurs gegenüber den Taliban plädieren und soll damit auch von der Bevölkerung unterstützt werden.

Seine Neigung, "sich aus Problemen heraus zu verhandeln", so die Zeitung, zeige sich auch in der gegenwärtigen Geiselaffäre. Karsai versuche über die Vermittlung von Stämmen eine Lösung zu finden. Das sei den amerikanischen Vertretern aber zu weich:

But U.S. officials have rejected this approach, especially in hostage situations. Administration spokesmen say pressure must be applied on the Taliban to secure the Koreans' freedom, including the possible use of force.

Und, wie es aussieht, hat Karsai auch wenig Erfolg mit der Vermittlung über Stammesführer. Nach Aussagen von Beobachtern kann dies daran liegen, dass die Geiseln längst nicht mehr in den Händen lokaler Talibanführer sind, mit denen via Stammesführer zu verhandeln wäre. Sie sollen sich jetzt unter der Kontrolle der Talibanführung selbst befinden. Und die, so der renommierte Afghanistan-Experte Ahmed Raschid, greife mehr und mehr zu Taktiken, die man von al-Qaida kenne. Oder aus dem Irak.

Die beiden Schlachtfelder im Kampf gegen den Terrorismus bzw. Ausbildungslager für Terroristen gleichen sich in vielen Punkten und Fehlern, welche die Besatzer dort machen. Eine bestimmte Auffassung von prinzipiell angebrachter Härte, ohne die ortsansässige Verhältnisse und Kultur genauer zu kennen, ist einer davon. Aber in 38 Jahren lässt sich vielleicht einiges davon lernen.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25883/1.html
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