Profitrate der Unternehmen wird hoch bleiben

06.08.2007

Der aktuell ungewöhnlich hohe Anteil der Unternehmensgewinne am Volkseinkommen ist nach der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr keine Folge der Hochkonjunktur, sondern ein langfristiger Trend, der sich der IT-Technik verdankt

In ihrem Paper: The global upward trend in the profitshare analysieren die Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ), Luci Ellis und Kathryn Smith, die Gründe für den überproportionalen Anstieg der Unternehmensgewinne im Vergleich zu den Arbeitseinkommen. Tatsächlich sei dieses Verhältnis heute das höchste seit mindestens 45 Jahren und hätte dabei aber wenig mit der derzeitigen weltweiten Hochkonjunktur zu tun, sei also nicht "zyklisch", wie auf der Arbeitgeberseite vielfach behauptet wird. Vielmehr bestehe dieser Trend in vielen Ländern bereits seit mindestens zwei Jahrzehnten, was auch das Beispiel Deutschlands zeigt: Betrug der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen 1981 noch 73,6 Prozent, ist er bis 2006 auf 65,9 Prozent zurückgefallen. Dieses Ergebnis ist deshalb nicht ganz unbedeutend, weil dies seit langem ein beliebtes Argument der Arbeitgeber ist. Denn während die Gewinne zyklischen Schwankungen unterliegen würden, sei ein Absenken der Löhne kaum zu erreichen. Die Arbeitnehmer sollten im Ausgleich dafür daher auch in konjunkturstarken Zeiten Lohnzurückhaltung üben.

Die BIZ-Autorinnen stellen hingegen fest, dass der überproportionale Anstieg der Unternehmensgewinne strukturelle Ursachen haben müsse. Sie testeten daher die von Ökonomen derzeit angebotenen Erklärungsmodelle anhand der weltweit vorhandenen statistischen Daten und kommen zu dem Schluss, dass der "strukturelle" Grund dafür am ehesten im beschleunigten technischen Fortschritt zu finden sei. Genau genommen liege der Grund im verstärkten Einsatz IT-basierte Technologien, die rascher abgeschrieben und ersetzt werden müsse, als die bisher üblichen Kapitalgüter. Zwar würde die historische Erfahrung zeigen, dass steigende Gewinne, die aus steigender Arbeitsproduktivität entstehen, nur vorübergehend abfallen und durch sinkende Preise rasch wieder ausgeglichen würden. Mit der rascheren Veralterung der Produktionsmittel sei jedoch eine Schwächung der Verhandlungsmacht der Arbeiter verbunden, so dass sich die Kapitalbesitzer einen höheren Anteil am Volkseinkommen aneignen könnten.

Denn weil die Unternehmen dazu motiviert wären, ihre Produktionskapazitäten schneller zu erneuern, würde die Wahrscheinlichkeit für die Arbeiter steigen, dadurch ihre Jobs zu verlieren. Dadurch wären sie einerseits zu bescheideneren Lohnforderungen angehalten, um die genutzten Arbeitsmittel länger in Betrieb zu halten, anderseits steige generell die "friktionelle" Arbeitslosigkeit, also die Zahl derer, die sich gerade zwischen zwei Jobs befinden. Insgesamt komme es durch den technologischen Fortschritt also zu einer "endogenen" Schwächung der Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer, die maßgeblich für die Erhöhung der Profitraten verantwortlich sei.

Die Technik bricht die Macht der Arbeitnehmer

Die anderen in Ökonomenkreisen populären Erklärungen würden der Studie zufolge hingegen von den Daten allesamt nicht gestützt, auch wenn sie selbst für die Autoren plausibel klingen würden. So könne der Eintritt von China und anderer neu industrialisierter Länder mit ihrem fast unerschöpflichen Arbeitskräftepotential nicht als hauptsächliche Begründung herangezogen werden, denn der Trend habe bereits vor deren Auftauchen begonnen. Zudem müsste der Effekt dann am stärksten in der von Billigexporten betroffenen Sachgütererzeugung am stärksten ausgeprägt sein, was von den Daten ebenfalls nicht bestätigt werde.

Als weniger zutreffend erachten die Autoren auch die These, eine fortschreitende Deregulierung der Arbeitsmärkte und ein Rückgang des Anteils der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter könne für die hohen Gewinnraten verantwortlich sein. Dagegen spreche, dass gerade in Ländern wie Großbritannien und Australien, wo diese Effekte besonders stark ausgeprägt waren, der Anstieg der Profitraten vergleichsweise bescheiden ausgefallen oder gar nicht aufgetreten ist.

Zuletzt verwerfen die Autorinnen auch die These, dass das Abfallen der Preise von Kapitalgütern im Vergleich zu den Arbeitslöhnen zu höheren Investitionen und in der Folge zu dem strukturellen Ansteigen der Profitrate geführt habe. Denn laut den BIZ-Daten wäre die Profitrate der Unternehmen genau in den Ländern am stärksten gestiegen, wo die Preise für Kapitalgüter die geringsten Steigerungsraten gezeigt haben.

Sollten die Autorinnen richtig liegen, dann ist der Aufschwung der Unternehmensgewinne also weder ein Effekt des Konjunkturzyklus, noch die Umkehrung eines älteren, gegenläufigen Trends, der vielleicht auf einer vor den 80er Jahren gestiegenen Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer begründet war. Viel mehr ist die strukturell bedingt sinkende Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer der Grund, die zu einer Neuverteilung der ökonomischen Renten geführt habe. Dieser Trend werde zudem noch einige Zeit anhalten, bis es zu einer Stabilisierung auf einem höheren Niveau kommen werde, und sich erst wieder umkehren, wenn dies auch der zugrunde liegende Faktor, die strukturell geschrumpfte Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer tut.

Nun muss man freilich beachten, dass die Analyse des BIZ im Rahmen neoklassischer "general equilibrium-"Modelle erfolgt ist. Solchen Modellen ist gemein, dass die Komplexität der Realität auf einige wenige Variablen, Annahmen und Zusammenhänge herunter gebrochen werden muss, um mathematisch/statistisch erfassbar zu werden, was die praktische Anwendbarkeit doch sehr beschränkt. Es liegt zudem in der Rationalität dieser Modelle, dass freiere Märkte – weil dies die optimale Allokation der Ressourcen im Modell praktisch immer fördert - zu besseren Ergebnissen führen. Somit verwundert es auch nicht sehr, wenn die Autorinnen feststellen, dass rigide Arbeits- und Gütermärkte – statistisch betrachtet – zu höheren Profitraten führen. Um die Arbeitseinkommen relativ zu den Kapitaleinkommen zu erhöhen, empfehlen sie daher die weitere Deregulierung der Arbeitsmärkte.

Laut Warren Buffet, der legendäre Investor und laut Forbes zweitreichster Mensch der Welt, müsse man hingegen schon ein "wilder Optimist" sein, um zu glauben, dass sich die Unternehmensgewinne als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts über einen längeren Zeitraum in solchen Höhen werde halten könnten. Ein Umstand, der diesen Prozentsatz unten halten werde, sei der Wettbewerb, "der für immer leben und existieren wird". Darüber hinaus sieht er einen gesellschaftspolitischen Punkt: "Falls Aktieninvestoren - in ihrer Gesamtheit - ein fortwährend größer werdendes Kuchenstück der amerikanischen Wirtschaft zufällt, werden sich einige andere Gruppen mit einem kleineren Anteil begnügen müssen. Dies würde wachsende politische Probleme zur Folge haben - und aus meiner Sicht wird das Erschließen eines bedeutenden Anteils an diesem Kuchen nicht passieren", analysierte der Paradekapitalist schon im Jahr 2000.

Bislang ist Buffets Prognose nicht eingetroffen. Ob sich dies bei den laufenden und anstehenden Lohnverhandlungen ändert, wird sich zeigen. Sollten die Arbeitnehmervertreter sich im Sinne ihrer Klienten allerdings die ökonomischen Ratschläge des BIZ zu Herzen nehmen, dann müssten sie einerseits auf hohen Lohnsteigerungen bestehen, sollten aber anderseits zu maximalen Zugeständnissen im Regulierungsbereich bereit sein.

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