Privates Geld für öffentliche Aufgaben

Thorsten Stegemann 06.08.2007

Nach einer aktuellen Studie verbuchen die deutschen Hochschulen immer mehr Einnahmen durch Fundraising. In den Jahren 2004 bis 2006 betrug die Steigerung rund 22 Prozent

Bund und Länder investieren alljährlich Milliardenbeträge in die Universitäten und Fachhochschulen. Doch um eine erstklassige Ausbildung und die internationale Konkurrenzfähigkeit dauerhaft garantieren zu können, ist das deutsche Bildungssystem noch immer unterfinanziert.

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Die Hochschulrektorenkonferenz hat im Juni darauf hingewiesen, dass selbst vermeintliche Zukunftsprojekte wie der Hochschulpakt 2020, mit dem u.a. neue Plätze für den in den kommenden Jahren erwarteten Anstieg der Studentenzahlen geschaffen werden sollen, eine eklatante Deckungslücke aufweisen. Denn während das Statistische Bundesamt die jährlichen Kosten für einen Studienplatz auf 7.300 Euro beziffert, wurden schon bei den Planungen zum Hochschulpakt nur 5.500 Euro zugrunde gelegt, die auf 4.260 zusammenschmelzen, wenn man bedenkt, dass aus dem Etat noch Sonderleistungen für die neuen Bundesländer und die Stadtstaaten zum Erhalt ihres bisherigen Platzangebotes bezahlt werden sollen.

Dieses Beispiel ist selbstredend nur eines von vielen. In Deutschland kommen durchschnittlich 60 Studierende auf einen Lehrstuhlinhaber, die Ausrüstung von Arbeitsräumen und Laboren ist nicht selten veraltet, Bibliotheken haben Probleme mit dem Bestand und langen Öffnungszeiten, und ob das Ziel der sogenannten Lissabon-Strategie, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2010 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben, hierzulande erreicht wird, steht vorerst dahin.

Unter diesen Umständen sind den Hochschulen zusätzliche Einnahmen jederzeit willkommen. Ob sie nun aus den umstrittenen Studiengebühren oder aus dem weiten Feld des Fundraising stammen, dessen Bedeutung in den vergangenen Jahren offenbar drastisch gestiegen ist. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine aktuelle, von Petra Giebisch herausgegebene Studie des Centrums für Hochschulentwicklung, der Wochenzeitung DIE ZEIT und des Deutschen Fundraisingverbandes. Demnach konnten im vergangenen Jahr 31 Universitäten entsprechende Einnahmen verbuchen, während es 2004 noch 28 waren. 17 von ihnen erhielten dabei Summen von mehr als 1 Million Euro, Erlangen-Nürnberg, Heidelberg und Mannheim kamen auf mehr als 5, Bayreuth, die TU München und Privatunis wie die EBS Oestrich–Winkel, die Jacobs University Bremen und Witten-Herdecke sogar auf mehr als 10 Millionen Euro. Vom Fundraising profitierten 2006 auch 35 Fachhochschulen, allerdings erzielte nur ein Drittel mehr als 100.000 Euro.

Die durchschnittliche Gesamtsumme stieg in den Jahren 2004 bis 2006 um immerhin 22% von ehemals 2.057.000 Euro auf nun 2.506.000 € (Universitäten) bzw. um 27 Prozent von 157.000 € auf 199.000 € (Fachhochschulen).

Begriffsdefinition

Die Studie steht insofern auf schwankendem Boden, als von den 227 angeschriebenen Universitäten und Fachhochschulen nur 94 antworteten und lediglich 78 ausgewertet werden konnten. Ein erster Eindruck lässt sich gleichwohl gewinnen, wenn das multifunktionale und inhaltlich einigermaßen diffuse Wort Fundraising ausreichend definiert und in seinen praktischen Konsequenzen abzuschätzen ist. Das CHE versteht den Begriff allerdings "unspezifisch" als "Beschaffung von Finanz- und Sachmitteln, die nicht nach klaren Förderkriterien vergeben werden und nicht regelmäßig fließen."

Unterschieden wird hier zwischen Spenden und Sponsoring. In den einen Bereich fallen Geld-, Sach- oder Leistungszuwendungen, die freiwillig erfolgen und nicht mit der Erwartung einer Gegenleistung verbunden sind. Sponsoring meint dagegen "die Planung, Organisation, Durchführung und Kontrolle sämtlicher Strategien und Aktivitäten", mit denen "gleichzeitig Ziele der Unternehmenskommunikation" erreicht werden sollen. Schon hier zeigt sich, dass das CHE als maßgeblich vom Bertelsmann-Konzern finanzierte Organisation besonderes Gewicht auf die Interessen der Wirtschaft legt.

Für Hochschulen als Empfänger von Sponsoring-Mitteln ist der Unterschied zu den Spenden nur marginal. Für Unternehmen stellt sich das anders da: Sponsoring-Aufwendung sind Betriebsausgaben und damit über die "gedeckelten" Spenden hinaus steuerlich in voller Höhe abzugsfähig.

CHE: Hochschulfundraising in Deutschland

Fundraising als unternehmerische Aktivität

Unter fiskalischen Gesichtspunkten mag gegen diese Argumentation nichts einzuwenden sein. Doch um die möglichen Grauzonen des Fundraising auszuloten, wäre es hilfreich, nähere Informationen über die Art und Weise zu bekommen, wie die Belange der Wissenschaft im Detail mit den "Zielen der Unternehmenskommunikation" verknüpft werden.

De facto stammen die meisten Fundraising-Mittel, die den deutschen Hochschulen zugute kommen, aus Wirtschaftsunternehmen. Vereine, Verbände und Alumni spielen nur eine untergeordnete Rolle. Der Betrag, der dabei zusammenkommt, wirkt sich noch nicht entscheidend auf die Haushaltslage der Einrichtungen aus, da er für 2006 von etwa 50 Prozent der befragten Universitäten und zwei Dritteln der Fachhochschulen mit weniger als 1 Prozent angegeben wurde. Doch der Anteil wächst, und die Universitäten Heidelberg, Mannheim, EBS Oestrich-Winkel, WHU Vallendar und Witten-Herdecke nebst den Fachhochschulen in Stuttgart; Schwäbisch Gmünd und Elmshorn bestreiten bereits mehr als 5 Prozent ihrer Haushaltsmittel aus Fundraising-Einnahmen. Die Anzahl der Hochschulen, denen die Fundraising-Arbeit so wichtig erscheint, dass sie für diesen Bereich ein eigenes Budget und Mitarbeiter einplanen, ist in den Jahren 2004 bis 2006 von 12 auf 20 gestiegen.

Doch es geht um mehr, wenn man das in den letzten Jahren sprunghaft gewachsene Interesse am Thema Fundraising und die Bemerkungen politischer Verantwortungsträger richtig deutet. Vor wenigen Wochen regte der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt im Rahmen einer Festrede an der TU Bergakademie Freiberg an, die Hochschulfinanzierung insgesamt neu zu strukturieren und auf eine Basis zu stellen, die den Anteil der öffentlichen Hand, der derzeit bei rund 90 Prozent liegt, deutlich entlastet. Vorbild sind einmal mehr die USA, wo Spitzenuniversitäten wie Harvard oder Stanford mit rund 500 Millionen Dollar mehr Spenden sammeln als alle deutschen Hochschulen zusammen.

Milbradt schweben auf dem Weg zu besseren finanziellen Aussichten drei "Quellen" vor. Die erste wird von privaten Drittmitteln gebildet, die zweite entspringt aus den Studiengebühren (die in Sachsen bis dato noch gar nicht erhoben werden, vom Ministerpräsidenten aber prophylaktisch auf rund 100 Millionen Euro jährliche Zusatzeinnahmen beziffert wurden), und die dritte soll sich durch Fundraising erschließen. Der Regierungschef versteht darunter nicht das herkömmliche "Klinkenputzen", sondern eine neue Form "unternehmerischer Aktivität".

Erfolgreich Mittel einwerben kann nur, wer gut aufgestellt ist, wer exzellente Leistungen anbieten kann, wer dem Geldgeber einen - in diesem Falle ideellen - Gewinn bieten kann. Das Leistungsprinzip gilt hier genauso wie bei den anderen Arten der privaten Hochschulfinanzierung. Es gibt wohl keinen wohltätigen Spender oder Stifter, der Geld für die Verwaltung der Hochschule geben möchte. Die Leistungsfähigkeit der Hochschule soll vielmehr mit seinem Geld nach außen hin sichtbar gestärkt werden. Mit neuen Hochschulgebäuden, neuer Ausstattung, neuen Lehrangeboten oder Forschungsprojekten.

Georg Milbradt

Fundraising soll, so Milbradt, dazu beitragen, dass "an unseren Hochschulen ein unternehmerischer Geist weht", damit sich diese baldmöglichst von dem Gedanken verabschieden, ihre Finanzierung sei "ein Akt staatlicher Daseinsfürsorge".

Die Geldgeber und ihre Ziele

Wer einen Blick auf die Terminplanung des Deutschen Fundraising Verbandes wirft, kann erahnen, wie nah Milbradt am viel zitierten Zeitgeist entlangargumentiert. Am 30. August 2007 veranstaltet die Fachhochschule Brandenburg/Havel einen Fundraisingtag, zeitgleich spricht man in Kiel über "soziales Unternehmertum". Am 6. September findet der Sächsische Fundraisingtag an der HTW Dresden statt, am 14. lädt die Hamburger Bucerius Law School zum Deutschen Bildungstag für Hochschulen. Bremen hat seinen Fundraisingtag am 11. Oktober, und wem das immer noch nicht reicht, meldet sich zwischendurch für eine dreitägige Fundraising-Exkursion in die USA an.

Wenn sich immer mehr Privatpersonen und Unternehmen dazu entschließen, die Aufgaben der öffentlichen Hand im Bildungsbereich mit Sach- oder Geldmitteln zu unterstützen, erweitern sich die finanziellen Spielräume der Universitäten und Fachhochschulen. Insofern schafft Fundraising neue Möglichkeiten, um Engpässe zu überbrücken, Sonderforschungsbereiche gezielt zu unterstützen oder die Ausstattung der Hochschulen insgesamt zu verbessern.

Doch die Transparenz der Leistungen und Gegenleistungen muss gewahrt bleiben, und genau daran scheint es vorerst zu hapern. Selbst das CHE beurteilt die aktuelle Situation und die Entwicklung der letzten Jahre "zwiespältig".

Einerseits wird noch immer ein hoher Nachholbedarf darin gesehen, Fundraising als eine strategische Aufgabe innerhalb der Hochschulen zu betrachten. Hier drückt sich teilweise eine Unzufriedenheit der Befragten aus, dass bislang in diesem Punkt wenig Weiterentwicklung stattgefunden hat.

Andererseits haben einige Hochschulen in den vergangenen drei Jahren teilweise unter Einbeziehung externer Berater das Fundraising an der Hochschule konzipieren und professionelle Strukturen aufbauen können und stehen nun vor der Einleitung und Umsetzung konkreter Maßnahmen.

CHE: Hochschulfundraising in Deutschland

Unklar ist demnach, inwieweit das Engagement der Spender und Sponsoren in den jeweiligen Hochschulen Abhängigkeitsverhältnisse begründet, die letztlich dazu führen können, dass Geldgeber unmittelbaren Einfluss auf hochschulpolitische Entscheidungen, die Finanzierung von Forschungsprojekten oder die Ausgestaltung von Lehrveranstaltungen gewinnen. Der Trend zur Privatisierung des Bildungsbereichs, der durch die öffentliche Definition von Bewerberprofilen, die Besetzung diverser Hochschulräte mit Wirtschaftsfachleuten und Unternehmern oder zweckgebundene Forschungseinrichtungen immer deutlicher Gestalt angenommen hat, könnte nun auf dem Gebiet der Grundfinanzierung noch fester verankert werden.

Der Soziologe Michael Hartmann von der Technischen Universitäten hat im Mai darauf hingewiesen, dass allein durch die Einrichtung von Stiftungslehrstühlen langfristig unliebsame Strukturen und bedenkliche Abhängigkeiten geschaffen werden können.

Mit einem Aldi-Süd-Hörsaal wie in Würzburg nimmt man noch keinen Einfluss. Da weiß auch jeder gleich, woran er ist. Mit einer Stiftungsprofessur dagegen wird das Lehrangebot der Universität am unauffälligsten und dauerhaftesten beeinflusst. Denn die Hochschulen verpflichten sich in der Regel, den Lehrstuhl nach Ende der privaten Anschubfinanzierung weiterzuführen - aus dem normalen Etat. Bei den Lehrstühlen zeige sich auch, dass bestimmte Fachgebiete weit überproportional profitieren: die, von denen sich die Spender aus der Wirtschaft den größten Nutzen versprechen: Wirtschafts-, Ingenieur- und Naturwissenschaften.

Michael Hartmann

Vattenfall Europe unterstützt einen Stiftungslehrstuhl für "Energiemanagement und Nachhaltigkeit" an der Universität Leipzig, RWE den Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und -technik an der RWTH Aachen. Die Dresdner Bank unterhält an der Otto Beisheim School of Management einen Stiftungslehrstuhl für Finanzwirtschaft, und die Versicherungsgrößen Huk-Coburg, Nürnberger, KarstadtQuelle und uniVersa stellen in Erlangen-Nürnberg eine Million Euro für den Lehrstuhl Versicherungsmarketing zur Verfügung. Witten-Herdecke wartet mit einem "Reinhard-Mohn-Stiftungslehrstuhl für Unternehmensführung, Wirtschaftsethik und gesellschaftlichen Wandel" auf, und die Aareal Bank fördert als Premiumpartner der European Business School in Wiesbaden den "Aareal Stiftungslehrstuhl Immobilieninvestition und –finanzierung".

Die Technische Universität München verfügt seit dem 1. April über einen "E.On Energie Lehrstuhl für Nukleartechnik", den sich der Namensgeber 2,5 Millionen Euro kosten lässt. Dass es sich hierbei um eine Investition mit energiepolitischer Signalwirkung handelt, wird von TUM-Präsident Wolfgang A. Herrmann ausdrücklich bestätigt.

Die Universität beansprucht eine Vordenkerfunktion für Staat und Gesellschaft, und deshalb nehmen wir auch die Verantwortung für zukunftsfähige Energietechnologien in ihrer Gesamtheit wahr. Dazu gehört unstrittig die Nukleartechnik auf höchstem Wissenschafts- und Sicherheitsniveau.

Wolfgang A. Herrmann

Schließlich hat Thyssen Krupp mit der Universität Dortmund eine langfristige Kooperation vereinbart, um sich unter anderem "intensiv" in das Konzept des neuen Diplomstudiengangs Wirtschaftsingenieurwesen einzubringen,

An der Bereitschaft der Wirtschaft, einer chronisch finanzschwachen Wissenschaft unter die Arme zu greifen, ist also nicht zu zweifeln. Allerdings fließt das Geld vielfach in Renommierprojekte, die sich auf erstaunliche Weise mit den eingangs erwähnten "Zielen der Unternehmenskommunikation" verbinden lassen. Von einer massenhaften Stipendienvergabe, mit denen die in sieben Bundesländern eingeführten Studiengebühren aufgefangen werden sollten, ist dagegen keine Rede mehr, und offensichtlich geht es auch nur selten darum, mit den Universitäten und Fachhochschulen eine konkrete Bedarfsermittlung zu erarbeiten, um dann dort zu helfen, wo Unterstützung am dringendsten benötigt wird.

Unter dem Gesichtspunkt "unternehmerischer Aktivitäten" lassen Fundraising, Spenden und Sponsoring an deutschen Hochschulen derzeit wenig zu wünschen übrig – doch es fehlt bislang an Transparenz, organisatorischen Voraussetzungen, schlüssigen Konzepten und überzeugenden Ideen, wie verhindert werden soll, dass die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung in durchschaubaren PR-Unternehmungen gipfelt.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25894/1.html
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