"Wir haben den Ultimate Nullifier!"

Reiner Sladek 15.08.2007

Die Geschichte der Comic Code Authority

Dass sich niemand von Comic Figuren verletzt fühlte, religiös oder moralisch, darüber wachte die Comic Code Authority, die CCA. Fast 50 Jahre hatte die CCA festgelegt, was, und vor allem was nicht in US-Comics erscheinen durfte. 2001 verließ Marvel, der größte Comic Verlag der USA, den Code. Heute werden nur noch Archie Comics und ein paar ausgewählte DC Titel mit dem Siegel des CCA herausgegeben.

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Die CCA war eine direkte Reaktion auf die heftigen Auseinandersetzungen um die Comics nach den 2. Weltkrieg. Die neuen Comics dieser Ära beschäftigten sich gern mit Sex, Crime und Horror. "Das sind Comics für ein erwachsenes Publikum" argumentierten die Herausgeber. Die Gegenseite, oft Lehrer, oft besorgte Elterinitiativen, erklärte die gefühlte moralische Abgestumpftheit der Jugend mit der Gewalt in den Comics. Heutige Diskussionen über die Ursache zwischen Jugendkriminalität, Amokläufen und Computer- oder Videospielen folgen der gleichen Logik.

Zum nationalen Thema wurden die Comics im März 1948, als ABC unter dem Titel "What’s Wrong with Comics" eine Reihe von Radio- und Fernsehsendungen ausstrahlte. Ein Symposium unter dem Vorsitz von Fredric Wertham, dem Leiter einer psychiatrischen Klinik, beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen Comics und Jugendgewalt.

Wertham hatte 1954 ein Buch geschrieben, "The Seduction of the Innocent", in dem er die Comicverleger als "Verbündete des Teufels" bezeichnete. Für ihn war klar, dass Verbrechen, Masturbation und Vergewaltigung von der Lektüre der Comicstrips herrühren. Und zwar direkt proportional zur Menge des vergossenen Blutes und dem Brustumfang der Heldinnen.

Das Buch wurde schnell zum Bestseller und zum must-read konservativer Politiker. Wertham hasste Horror Comics. Noch mehr hasste er allerdings Homosexualität. Wonderwoman, eine amerikanisch-amazonische Ikone, ist für ihn einfach eine "männerhassende Lesbe" und das dynamische Duo, Batman und Robin, nannte er "den Wunschtraum von zwei Homosexuellen, die zusammenleben". Zwei? Offensichtlich hatte der aus Bayern stammende Wertham dabei den Butler Alfred vergessen. Werthams Hetze ist der Ausgangspunkt für alle Batman und Robin Scherze und Anspielungen, die seit dem in und außerhalb der Comics gerissen wurden. Darum war der Robin in Frank Millers The Dark Knight ein Mädchen. Zwischen den Zeilen spielten selbst DC-Comics immer wieder mit dem Motiv.

Unter dem öffentlichen Druck und dem paranoiden Zeitgeist entsprechend setzte der amerikanischen Senat umgehend einen Unterausschuss zur Untersuchung von Jugendkriminalität in den USA unter der Leitung von Senator Estes Kefauver ein, das zwei seiner Anhörungen 1954 im Fernsehen übertragenen ließ. Das war quasi das Jugendformat des HUAC.

Kefauver befragte Mitarbeiter von Comicverlagen, so auch den Herausgeber Bill Gaines, der mit seinem EC-Verlag, der neben Horrorcomics auch das Mad Magazin veröffentlichte, sehr erfolgreich war. Der "Interim Report der Senatsanhörung zur Jugendkriminalität von 1935" protokolliert die Dialoge:

Senator Kefauver: "Auf dem Titel Ihrer Mai-Ausgabe sieht man einen Mann mit blutiger Axt, der einen abgetrennten Frauenkopf in der Hand hält. Halten Sie das für guten Geschmack?"

Mr. Gaines: "Ja, Sir! Halte ich - für den Titel eines Horror-Magazins. Richtig schlechter Geschmack wäre es, noch etwas mehr von dem Kopf zu zeigen, etwa, wie dann das Blut aus dem Hals läuft."

Senator Kefauver: "Aber man sieht doch, wie Blut aus dem Mund läuft."

Mr. Gaines: "Ja, Sir. Aber nur ein bisschen."

Nach den Live-Übertragungen kam es zu Protestwellen: In mehreren Städten wurden Comics öffentlich verbrannt und staatliche Zensur gefordert. Um einem generellen Verbot zu entgehen gründeten die Comicverleger 1954 die Comics Magazin Association of America (CMAA) mit dem Ziel, eine eigene Selbstkontrolle einzurichten. Am 26. Oktober 1954 nahm die Comics Code Authority (CCA) ihre Arbeit auf, deren Aufgabe die Prüfung der Comics sein sollte.

Der CCA verbot explizit die Darstellung von "Polizisten, Richtern, Regierungsbeamten und angesehenen Institutionen in einer despektierlichen Art". Unter allen Umständen sollte "das Gute über das Böse triumphieren, "Polizisten sollten nicht durch kriminelle Aktionen sterben." Exzessive Gewalt, Vampire, Werwölfe, Ghouls und Zombies durften nicht abgebildet werden, genauso wenig nackte Menschen. In Comictitel durfte nicht "Horror" oder "Terror" vorkommen. "Sexuelle Perversionen" und "sexuelle Abnormalitäten" waren genauso verboten wie Verführung, Vergewaltigung, Sadismus oder Masochismus. Liebesgeschichten sollten den "Wert der Ehe" vermitteln, Scheidung war nicht vorgesehen. Flüche und Straßensprache waren untersagt. Und sollte trotz allem Blut fließen, durfte es nicht in rot sondern musste schwarz sein.

Alle Comics mussten vor der Veröffentlichung bei der CCA zur Prüfung eingereicht werden. Nach einem positiven Ergebnis erhielt der Comic ein Prüfsiegel, das ähnlich einer Briefmarke aufgebaut war und den Text Approved by the Comics Code Authority trug. Comics ohne dieses Siegel hatten nahezu keine Chance, in den Verkauf zu gelangen, in einigen Städten stand der Verkauf ungeprüfter Comics unter Strafe.

In Folge gingen viele Comicverleger Konkurs, die Comics verloren die erwachsenen Leser. EC musste alle seine Horrortitel einstellen und veröffentlichte schließlich nur noch das MAD. Der Markt schrumpfte von monatlich 650 auf 300 Veröffentlichungen. Wertham war das immer noch zu wenig: Er geißelte den Code als "nichtausreichende Halb-Maßnahme".

Ausgerechnet das Medium, das "Comic" hieß, hatte sich einer rigiden Zensur-Bürokratie unterworfen, die genauso kompromiss- wie humorlos war. Als der Autor Marv Wolfman anfing bei DC zu arbeiten durfte sein Name, also Wolfman, nicht in den Comics abgedruckt werden durfte. Weil Werwölfe, Wolfmenschen und -männer nicht genannt werden durften. Mit dem Erscheinen von Stan Lee und seinen Marvel-Comics in den Sechzigern kamen die Superhelden zurück. Obwohl die meisten Marvel-Helden, mit Ausnahme der Fantastischen Vier eher Rebellen sind, die zur Gegenkultur gehören, kam der Verlag erst sehr spät in Konflikt mit dem CCA.

1971 bat das Gesundheitsministeriums Stan Lee, in Spiderman Drogenaufklärung zu machen. Die Folgen und Probleme des Missbrauchs sollten dargestellt werden, um die jungen Leser über die Gefahren aufzuklären. Stan Lee und der Verlag willigten ein. Der Dreiteiler erschien in Amazing Spiderman 96 bis 98 - und erhielt kein Prüfsiegel, weil die CCA weder der pädagogische Ansatz noch der Regierungsauftrag interessierte. Der Verlag beschloss mit Zustimmung des Gesundheitsministeriums, die Hefte trotzdem zu veröffentlichen. Es gab keine Konsequenzen. Nach diesen drei Ausgaben kehrte Spiderman zum Code zurück. "Das war die einzige große Auseinandersetzung, die wir mit dem Code hatten", erinnert sich Lee 1998.

"Ich konnte sie sogar verstehen; sie waren wie Anwälte, die Dinge rein technisch beim Wort nahmen, Der Code sah vor, dass Drogen nicht erwähnt werden durften. Von ihren Standpunkt aus war das richtig. Ich war nicht zornig auf die. Ich sagte, 'was soll’s' und nahm für drei Ausgaben den Stempel vom Cover. Und danach kehrten wir zum Code zurück. Während ich eine Geschichte schrieb, habe ich nie an den Code gedacht. Es war mir immer klar, dass junge Leute unsere Geschichten lesen. Ich glaube nicht, dass wir andere Geschichten erzählt hätten, wenn es keinen Code gegeben hätte."

Spiderman war der Anlass, dass 1971 der Code überarbeitet wurde um die pädagogische Darstellung von Betäubungsmitteln und Drogen zu ermöglichen. Auch Vampire, Ghoule und Werwölfe waren wieder erlaubt, wenn sie in der literarischen "Tradition Edgar Allan Poes, Doyles, Sakis" dargestellt werden. Zombies, die keinen literarischen Hintergrund haben blieben weiterhin tabu.

Mitte der 80er Jahre kamen plötzlich die Comics für Erwachsene zurück. The Watchmen, Maus, Ronin, Miracleman hatten großen Erfolg. Um den Beschränkungen des Comic Codes aus dem Weg zu gehen, erschienen die Hefte im Selbstverlag und wurden direkt an die Endkunden weitergegeben. Auch Großverlage griffen daraufhin das Thema wieder auf, so erschien bei DC Comics das Epos Batman: The Dark Knight Returns, das von Beginn an auf erwachsene Leser ausgerichtet war. Weitere Veröffentlichungen folgten und die Vertriebswege änderten sich dahingehend, dass Comics weniger in Kiosken, sondern in Buchhandlungen oder im Direktvertrieb angeboten wurden.

Daraufhin fand 1989 eine weitere Anpassung des CCA statt, die Beschränkungen für den Verkauf von Comics ohne Prüfsiegel wurden aufgehoben. Homosexualität durfte erstmals wieder erwähnt werden. Nachdem der vorherige Marvel-Chefredakteur noch per Dekret festlegen musste, dass kein Marvel Charakter schwul ist, hatte 1992 der kanadische Superheld Northstar in Alpha Flight 106 endlich sein Coming-Out und wurde so der erste schwule Superheld. Auch das Thema AIDS wurde in diesem Zusammenhang zum ersten Mal angesprochen.

Zur Jahrtausendwende war Marvel fast pleite. Es wurde überlegt, die Comicabteilungen in Drittstudios auszulagern. 2000 wurde Bill Jemas Präsident und Joe Quesada Chefredakteur. Quesada, geboren 1962, selbst renomierter Zeichner begann umgehend, junge, renomierte, kreative Zeichner und Texter zu Marvel zu holen. Einer davon war Peter Milligan. Er schrieb die Mutantenserie X-Force. X-Force war die Lieblingsserie der Mainstreammedien, machte weltweit Schlagzeilen, als Milligan plante, die verstorbene Prinzessin Diana als mutierte Superheldin ins Team zu holen und kam natürlich prompt in Konflikt mit dem Code. Das führte dazu, dass Marvel 2001 den Code endgültig verließ. Die Verantwortlichen von DC sollen bis zuletzt noch versucht haben, Marvel von diesem Ausstieg abzuhalten. X-Force 119 war das erste Comic, das ohne den Stempel erschien. Stattdessen setzte Marvel auf ein eigenes Ratingsystem und erließ per Dekret ein Rauchverbot, was die Comic Kettenraucher Wolverine und Nick Fury besonders hart trifft.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass Marvel umgehend eine Neufassung des Rawhide Kids als schwuler Cowboy veröffentlichte. Jahre vor Brokeback Mountain brachte das die Serie zwar in die Schlagzeilen und Talkshows, war aber beim Käufer nicht sonderlich erfolgreich. Sehr erfolgreich, aber fast ausschließlich bei Fanboys, sind dagegen die Marvel-Zombies, eine Serie, in der alle Superhelden als Zombies auftreten.

Natürlich wird hier nachgetreten. Nach 50 Jahren Zensur ist das nachvollziehbar. Aber gerade weil das Marvel-Universum mit all seinen Problemen in der Realität verankert ist, weil Spidermans Bühne New York ist, und nicht ein fiktives Metropolis, brauchen Stan Lees Helden die Erdung durch die größtmöglich darstellbare Realität: Wenn nach dem 9.11.2001 die Marvel Helden mit Tränen in den Augen beim Aufräumen am Ground Zero helfen, und von Betroffenen gefragt werden, wo sie denn waren und warum sie das nicht verhindert haben, wenn sie darauf natürlich keine Antwort haben, weil es auf diese Frage keine Antwort gibt; gerade dann hat man den Eindruck, dass sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder genau da angekommen sind, wo sie auch hingehören. Und wenn man sich die Quartalszahlen Marvels anschaut, die vor ein paar Jahren nur knapp dem Bankrott entgangen waren, zahlt sich die Bereitschaft zum Risiko durchaus aus. Marvel und den Comics geht es derzeit so gut, wie seit fast 20 Jahren nicht mehr.

Es ist nicht mehr herauszufinden, worüber sich Marvel und der CCA letztendlich konkret zerstritten haben. Eine *****Kleinigkeit vermutlich. Aber schließlich wurde ja auch der weltzerstörende Gott Galaktus aus dem Comic-Universum der Fantastischen Vier, mit einer Kleinigkeit von der Erde vertrieben, damals, mit einem Gadget namens der "Ultimate Nullifier" ...

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25939/1.html
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