Warum ein Einmarsch in den Irak ein Albtraum wäre

13.08.2007

Vizepräsident Cheney, maßgeblicher Motor des Kriegs gegen den Irak, erklärt auf einem auf YouTube veröffentlichten Video aus dem Jahr 1992, welche Folgen ein Sturz des Hussein-Regimes hätte – Er hatte Recht

Bekanntlich war Vizepräsident Dick Cheney einer der maßgeblichen Kräfte für den Irak-Krieg. Schon vor dem 11.9. hatte Cheney mit der Energy Task Force den Irak und sein Öl ins Visier genommen. In einem von ihm beauftragten Bericht hieß es, man dürfe keine Zeit verlieren, um die für die USA benötigte Energie sicher zu stellen. Auch dabei ging es um den "destabilisierenden Faktor" Irak (Die Bush-Regierung und das irakische Öl). Unter Cheneys Fittichen wurden auch die Informationen zu den angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen und den Beziehungen mit al-Qaida aufbereitet, um den geplanten Krieg zu legitimieren (Das Geheimherz der Lügenfabrik).

Man darf davon ausgehen, dass Cheney mit seinen engen Beziehungen zum Pentagon und den vielen Freunden aus alten Zeiten, die Bush jr. wieder in seiner Regierung versammelt hatte, auch schon vor dem 11.9. mit im Boot saß und Pläne für den Regimewechsel im Irak anstellte. Schließlich war er Mitbegründer des Project for the New American Century (PNAC), wo sich die neokonservative Seilschaft versammelte, von der amerikanischen Führerschaft sprach und 1998 in einem Brief an den damaligen US-Präsidenten Clinton den Sturz von Hussein als eines der primären Ziele der amerikanischen Außenpolitik forderte. Im Pentagon war man schon am 11.9. um 14.40 entschlossen, die Gunst der Stunde politisch auszuschlachten, um gegen Hussein vorzugehen ("Hit SH at same time – not only UBL").

"Die zentrale Front im Krieg gegen den Terror ist der Irak.". Bild: Weißes Haus

The central front in the war on terror is Iraq. We are there because it is where lethal enemies have gathered. We are there because, after 9/11, we decided to deny terrorists any safe haven. We are there because, having removed Saddam Hussein, we promised not to allow another brutal dictator to rise in his place. And we are there because the security of this nation depends on a successful outcome - an Iraq that can defend itself, govern itself, sustain itself and be a ally in the global war on terror. The main battle in Iraq today is against al Qaeda. This, at times, is denied by those who are demanding an American retreat. They overlook the basic facts of the matter.

Dick Cheney verbindet am 6. August 2007 noch immer den Irak-Krieg mit al-Qaida

Möglicherweise wollte Cheney auch mit der Möglichkeit, die die Terroristen mit ihren Anschlägen auf New York und Washington eröffnet haben, eine Scharte auswetzen. Cheney war nämlich unter Präsident George H. W. Bush Verteidigungsminister und hat damals den Krieg gegen Panama und 1991 Operation Desert Storm dirigiert. Bekanntlich hatte sich die US-Regierung dafür entschieden, nicht weiter am Boden in den Irak einzudringen, das Hussein-Regime zu stürzen und in Bagdad einzumarschieren, weswegen Bush und Cheney nach den Angriffen von Hussein auf die Kurden und die Schiiten scharf kritisiert wurden.

In einem Interview sagte Cheney 1993, man habe gar nicht beabsichtigt, Hussein zu stürzen:

We did exactly what we set out to do in Desert Storm. We liberated Kuwait, and we destroyed Saddam's offensive capability. Those were the two objectives we talked about repeatedly in the run-up to the war, and once we achieved those objectives, we stopped operations.

Und er erklärte, dass Hussein im Augenblick keine Gefahr mehr darstelle, da seine Militärmaschine weitgehend zerstört sei und er kein Öl mehr verkaufen könne. Interessanter Weise machte er schon damals auf den Iran aufmerksam, der ihm größere Sorgen bereite. Überdies versicherte er, dass der Persische Golf für weitere 100 Jahre für die USA wegen der Ölvorräte eine zentrale Region darstelle.

Gerade wurde wieder ein Video mit einem anderen Interview Cheneys ausgegraben und auf YouTube veröffentlicht. Das Interesse scheint groß zu sein, immerhin wurde es bereits fast 200.000 Mal aufgerufen. Die Inhalte des Interviews, das vermutlich 1992 geführt wurde, sind zwar bereits bekannt, machen aber die Kehrtwendung von Cheney noch einmal deutlich, da er damals wie Bush senior durchaus gewusst zu haben schien, welche Probleme ein militärischer Sturz des Hussein-Regimes mit sich bringen würde.

In dem Interview erklärte er, es sei richtig gewesen, dass die US-Truppen nicht nach Bagdad einmarschiert waren, weil dann die USA ganz alleine gewesen wären. Keines der arabischen Länder hätte sich daran beteiligt. Er führte dann das Problem aus, was man an die Stelle des gestürzten Hussein-Regimes stellen könne:

Das ist ein sehr instabiler Teil der Welt, und wenn man die zentrale Regierung des Irak stürzt, kann das sehr schnell darin enden, dass der Irak auseinanderbricht. Die Syrer würden gerne den Westen haben, die Iraner würden den Osten beanspruchen, weil sie schon acht Jahre dafür gekämpft haben. Im Norden gibt es die Kurden, und wenn die Kurden sich herauslösen und sich mit den Kurden in der Türkei verbinden, dann bedroht man die territoriale Einheit der Türkei. Wenn man so weit geht und versucht, den Irak einzunehmen, ist das ein Albtraum.

Cheney erklärt auch, dass der Sturz Husseins auch eine Frage der Todesopfer war. Die 146 US-Soldaten, die im Krieg gestorben waren, seien wenig gewesen. Präsident Bush aber habe sich fragen müssen, wie viele zusätzliche Tote der Sturz Husseins wert sei: "Unser Urteil war, nicht sehr viele, und ich denke, wir haben es richtig gemacht."

In einer solchen Rückschau ist vielleicht nicht uninteressant zu erwähnen, was George W. Bush während des Präsidentschaftswahlkamps im Jahr 2000 zum Thema "nation building" gesagt hat, also zum Wiederaufbau von staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen nach einem militärisch von außen vorgenommenen Regimesturz, wie dies in Afghanistan und im Irak geschehen ist: Damals ging es freilich um Somalia, Haiti oder Bosnien:

Started off as a humanitarian mission and it changed into a nation-building mission, and that's where the mission went wrong. The mission was changed. And as a result, our nation paid a price. And so I don't think our troops ought to be used for what's called nation-building. I think our troops ought to be used to fight and win a war. I think our troops ought to be used to help overthrow the dictator when it's in our best interests. But in this case it was a nation-building exercise, and same with Haiti. I wouldn't have supported either.

Und da gibt es auch noch das Wahlkampfprogramm der Republikaner aus dem Jahr 2000, in dem neben der Beseitigung des Hussein-Regimes die Clinton-Regierung wegen ihrer Kriegspolitik kritisiert wird, die keine klaren und realisierbaren Ziele, akzeptable Einsatzregeln und definierte Strategien zur Beendigung des Einsatzes habe:

Americans are justly proud of their armed forces. But today, only nine years after the tremendous victory in the Persian Gulf War, the U.S. military faces growing problems in readiness, morale, and its ability to prepare for the threats of the future. The administration has cut defense spending to its lowest percentage of gross domestic product since before Pearl Harbor. At the same time, the current administration has casually sent American armed forces on dozens of missions without clear goals, realizable objectives, favorable rules of engagement, or defined exit strategies.

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