Kalifatskonferenz in Indonesien

16.08.2007

Am vorigen Sonntag versammelte Hizb ut-Tahrir 70.000 Menschen im Bung Karno Stadion im Zentrum der indonesischen Hauptstadt Jakarta zu einer "Internationalen Kalifatskonferenz"

Hizb ut-Tahrir ("Partei der Befreiung") propagiert die Abschaffung der Nationalstaaten und die Vereinigung aller Moslems in einem Kalifat, einer Theokratie mit Koran und Sunna als gesetzlicher Grundlage. In Deutschland ist Hizb ut-Tahrir verboten. Die Bewegung fiel hierzulande auch dadurch auf, dass sie Kontakte zu den NPD-Politikern Udo Voigt und Horst Mahler geknüpft hatte.

Zwei Islamisten, die auf der Veranstaltung sprechen sollten, Scheich Ismail al-Wahwah, der in Australien lebt, und Imran Waheed aus Großbritannien, wurden am Flughafen von Jakarta die Einreise nach Indonesien verweigert. Dem bereits dort lebenden arabischen Islamisten Abu Bakar Bashir hatte die indonesische Polizei die Teilnahme untersagt.

Dafür, so stellten indonesische Medien ob der Teilnahme von Din Syamsuddin und Abdullah Gymnastiar fest, schien die Kalifatsidee bemerkenswert viel Zuspruch im politisch-religiösen Mainstream des Inselstaates gewonnen zu haben.

Auf der Konferenz verkündete Hizb-ut-Tahrir-Sprecher Muhammad Ismail Yusanto, dass die Demokratie der Grund für den wirtschaftlichen Rückstand Indonesiens sei, der sich seit der Asienkrise Ende der 1990er noch verschlimmert habe. "Offiziellen Statistiken" zufolge, lebten 39 Millionen Indonesier in Armut, 22 Millionen seien arbeitslos. Die Lösung für das Problem sei das Kalifat.

Dass die Vorstellung eines Kalifats vor allem in Indonesien, Zentralasien und Pakistan gut ankommt, liegt auch daran, dass sie mit Vorstellungen einer radikalen Umverteilung von Wohlstand aus den Golfstaaten in jene Ländern verbunden wird, deren Staatsbürger, den aus Rohstoffen resultierenden Reichtum bisher vorwiegend als Dienstboten kennen lernten.

Religiöse Fliehkräfte

Die indonesischen Moslems unterteilen sich in Abangan, bei denen die Scharia eine geringe, dafür aber der Ahnenkult eine größere Rolle spielt, und Santri, die eher orthodoxen Versionen des Islam anhängen.[1] Abangan haben etwa 30 % Anteil an der Gesamtbevölkerung, Santri fast 60 %. Letztere unterteilen sich wiederum in "Traditionalisten" und "Modernisten" - eine etwas irreführende Bezeichnung, weil die "Traditionalisten", eher vom Sufismus geprägten Traditionen anhängen, während die "Modernisten" eine vom Wahabismus beeinflusste und an einer wörtlichen Auslegung des Koran orientierte Richtung vertreten. Ein Zentrum dieser "Modernisten" ist die Provinz Aceh in Nordsumatra, die nach einem Guerillakrieg im Zuge einer Teilautonomie die Scharia einführte.

Religionen in Indonesien

Neben den fast 90 % Moslems gibt es in Indonesien zwischen 8 und 9 % Christen (wobei der Anteil der Protestanten etwas höher liegt, als der der Katholiken) sowie Hindus und Buddhisten. Die Zahlen zum Anteil der Religionen in Indonesien sind allerdings unter anderem deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil sich aufgrund der durch das Pancasila-Prinzip eingeschränkten Religionsfreiheit, die nur monotheistische Religionen erlaubt[2], viele Anhänger traditioneller Religionen pro forma zum Islam bekannten. Hinzu kommt, dass durch die antikommunistischen Präsidialerlasse "zur Lösung des chinesischen Problems" ein beträchtlicher Teil der Han-Atheisten, die vor allem in den Städten siedeln, den Status von Christen annahm.

Christliche Zentren sind Timor, die Molukken, Flores, Nordsulawesi und Irian Jaya. Im mehrheitlich protestantisch besiedelten südlichen Teil der Molukken war nach dem Abzug der Niederländer die Republik Maluku Selatan ausgerufen worden, die in einem fünf Jahre währendem Krieg unterworfen wurde. Osttimor dagegen konnte sich in einem 27 Jahre dauernden Krieg die Unabhängigkeit erkämpfen. Zur Eskalation religiöser Spannungen trug auch das 1969 eingeleitete Umsiedlungsprogramm "Transmigrasi" maßgeblich bei, das den Umzug von Moslems aus dem dicht besiedelten Java nach Borneo, Sulawesi und Irian Jaya förderte, was immer wieder zu blutigen Konflikten mit den Einheimischen führt.

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