Rache, Referendum oder Religion?

17.08.2007

Für die jüngsten Terroranschläge im Nordirak kommen mindestens drei Motive in Frage

Noch sind nicht alle Leichen geborgen – aber laut Angaben von Al-Dschasira kosteten die Anschläge mindestens 400 Menschen das Leben. Am Dienstag hatten Unbekannte in zwei Dörfern im Kreis Sindschar in der Provinz Niniveh, vier LKWs zur Explosion gebracht, die alle Gebäude auf jeweils einem Quadratkilometer Fläche zerstört haben sollen.

Verschiedene Stellen spekulierten über verschiedene mögliche Täter und Motive: Während der irakische Staatspräsident Dschalal Talabani, ein Kurde, Gruppen verantwortlich machte, "die andere zu Ungläubigen erklärten", äußerte der sunnitische Rat der Religionsgelehrten die Vermutung, dass hinter den Anschlägen Täter steckten, die versuchten, "die irakische Landkarte neu zu zeichnen" und "die demographischen Verhältnisse zu ändern".

Tatsächlich sind mehrere Motive denkbar, die auch kumulativ vorliegen können: Die beiden Dörfer werden von kurdischsprachigen Jesiden bewohnt. Neben einem Racheattentat für die Steinigung einer Jesidin ist deshalb auch eine religiöse Einschüchterung der "Teufelsanbeter" durch Islamisten sowie Terror im Zusammenhang mit der geplanten Abstimmung über die Zugehörigkeit zum Kurdengebiet im November möglich.

Rache

Die Jesiden sind eine streng endogame religiöse Minderheit. Im April dieses Jahres war in der nordirakischen Ortschaft Bashika die siebzehnjährige Jesidin Du'a Khalil teilweise entkleidet und öffentlich gesteinigt worden, nachdem sie sich mit einem Sunniten eingelassen hatte. Die Steinigung, die etwa eine halbe Stunde dauerte, wurde mit einem Mobiltelefon gefilmt. Auf der Aufnahme ist zu sehen, dass acht oder neun Männer die Tat durchführen und eine große Menschenmasse zusieht. Ebenfalls erkennbar ist, dass auch Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden dem Ereignis beiwohnten, ohne einzugreifen.

Nach Angaben von Amnesty International sind vergleichbare Vorgänge im Nordirak nicht selten. Als Anlass reichen bereits Gerüchte. Obwohl die Regionalregierung diese "Ehrenmorde" offiziell verbot, versäumten es die kurdischen Behörden bisher, in solchen Fällen zu ermitteln und Anklage zu erheben.

Allerdings wurde die Steinigung bereits in größerem Umfang blutig gerächt: Am 23. April 2007 entführten Bewaffnete einen Bus, der Textilarbeiter von Mosul in ihren Heimatort Bashika bringen sollte, in dem 80 % Jesiden, 15 % Christen und 5 % Moslems leben. Die Entführer kontrollierten die Papiere der Fahrgäste, ließen die Moslems und Christen aussteigen und fuhren mit den 23 verbliebenen Jesiden in den Osten von Mosul, wo sie diese an eine Wand stellten und erschossen.

Referendum

Niniveh ist zwischen Arabern und Kurden umstritten. Am 15. November soll in der Provinz ein Referendum über den Anschluss an das Kurdengebiet abgehalten werden. Neben Niniveh (6) sind auch Kirkuk (5) und Diyala (4), eine Provinz an der Grenze zum Iran, wo viele schiitische Kurden leben, von dem Referendum betroffen. Daneben erheben die kurdischen Parteien, die derzeit die drei Provinzen Sulaimaniyya (1), Arbil (2) und Dahuk (3) formell kontrollieren, auch Ansprüche auf Teile der Provinzen Salah ad-Din (südwestlichlich von Kirkuk) und Wasit (südlich von Diyala).

Provinzen im Irak. Karte: Wikimedia Commons

In vielen der Abstimmungs- und Anspruchsgebiete üben die kurdischen Parteien derzeit eine informelle Kontrolle aus - einerseits über Peschmerga-Milizen, andererseits über dort stationierte reguläre Truppen, deren Loyalität nicht in erster Linie der Zentralregierung, sondern kurdischen Befehlshabern und Clanchefs gilt – was diese auch offen zugeben: Hamid Afandi, Peschmerga-Minister der Kurdenpartei KDP, sagte amerikanischen Journalisten zur Frage der Angliederung an das Kurdengebiet: "Wenn wir das durch Reden lösen können – fein. Aber wenn nicht, dann werden wir es mit Kämpfen lösen."

Afandi gab zu, mindestens 10.000 Peschmerga in der irakischen Armee untergebracht zu haben, die alle im Nordirak stationiert sind: "Sie alle gehören nun der Zentralregierung – aber innerlich sind sie Kurden." Nach Afandi besteht die Zweite Division der irakischen Armee, die die Gebiete um Arbil und Mosul kontrolliert, zu mindestens 90 % aus Kurden. Eine Brigade in Mosul setzt sich aus drei fast ohne Veränderung in die irakische Armee transferierten Peschmerga-Batallionen zusammen.

Auch innerhalb der Truppe teilt man diese Auffassung: Leutnant Herish Namiq zufolge werden die kurdischen Kräfte "die Grenzen Kurdistans durchsetzen, und das wird die befreiten Gebiete wie die kurdischen Teile Mosuls beinhalten." Oberst Sabar Saleem, gab nicht nur zu, den Befehlen der Peschmerga-Führung zu folgen, sondern empfahl auch ein bemerkenswert eindeutiges Vorgehen gegen sunnitische Araber: "Alle Sunniten unterstützen die Terroristen [...] deshalb sollten auch sie getötet werden."

Bevölkerungsgruppen im Irak

Die Hauptstadt Ninivehs, Mosul, war bis in die 1950er Jahre eine überwiegend arabische Stadt, dann bildeten sich Vorstädte, in denen sich Kurden aus den naheliegenden Bergen ansiedelten. Die christliche Minderheit flüchtete nach 2003 zu einem großen Teil nach Syrien.

Religion

Durch den kurdischen Druck stieg auch die Gewaltbereitschaft der in der Stadt ansässigen sunnitischen Araber: So wurde Mosul "Hauptstadt" des im Dezember 2006 ausgerufenen "Islamischen Emirats Irak", dessen "Kriegsministerium" nicht nur Selbstmordattentate und Morde an Polizisten und Dolmetschern durchführte, sondern auch Gastwirte bedrohte, deren Speisen als "Haram" betrachtet wurden. Diese strenggläubigen Islamisten betrachten Jesiden nicht nur als Heiden, sondern als "Teufelsanbeter".

Doch auch bei sunnitischen und schiitischen Kurden ist die Sekte nicht überall wohl gelitten. Vor allem, wenn man mit in Betracht zieht, dass der Terrorakt keine kurdischen Moslems traf, aber durch die nationale und internationale Empörung der schleppend verlaufenden "Rücksiedlung" von Arabern in Kirkuk Rückenwind verleihen könnte, ist auch eine Täterschaft aus dieser Richtung denkbar.

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