Hyänen-Weiber bestimmen, wo’s lang geht

Unter den Tüpfelhyänen dominieren die Weibchen und erfolgreich vermeiden sie Inzucht

Den meisten Menschen sind Hyänen unheimlich, sie gelten als heimtückische und feige Aasfresser. Dabei sind die Tüpfelhyänen ausgezeichnete Jäger und die katzenartigen Tiere spielen im afrikanischen Ökosystem eine Schlüsselrolle. Berliner Forscher sind trotz des miesen Images seit vielen Jahren von den in Clans lebenden nachtaktiven Raubtieren fasziniert. Die neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass Hyänenweibchen durch ihre Partnerwahl sehr effizient Inzucht verhindern.

Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) bevölkern die afrikanischen Savannen südlich der Sahara von Mauretanien bis Südafrika (vgl. Rote Liste). Sie leben in stabilen sozialen Clans, zu denen bis zu 80 Tiere gehören. Sie jagen gemeinsam und erbeuten selbst sehr große Pflanzenfresser wie Zebras oder Kaffernbüffel. Zusätzlich fressen die gefleckten Tiere auch Aas. Im Rudel herrscht eine strikte Hierarchie, wobei die weiblichen Hyänen dominieren, das ranghöchste Männchen ist dem rangniedrigsten Weibchen nachgeordnet.

Brehm über Hyänen

Ihr schlechter Ruf ist legendär, sie gelten als besonders hässlich, böse und dumm. Alfred Brehm (1829-1884) schrieb über sie:

Unter sämtlichen Raubtieren ist sie unzweifelhaft die mißgestaltetste, garstigste Erscheinung; zu dieser aber kommen nun noch die geistigen Eigenschaften, um das Tier verhasst zu machen.

Nicht weniger abwertend ist seine Beschreibung der Laute der Großraubtiere:

Zudem sind alle Hyänen Nachttiere, haben eine kreischende oder wirklich grässlich lachende Stimme, zeigen sich gierig, gefräßig, verbreiten einen üblen Geruch und haben nur unedle, fast hinkende Bewegungen: kurz, man kann sie unmöglich schön nennen.

Wenn man das erregte Bellen der Hyänen hört, kann man sich gut vorstellen, dass es Menschen wie durch die Nacht schallendes, schauerliches und höhnische Gelächter vorgekommen sein muss (vgl. Tüpfelhyäne Soundfile)

Tüpfelhyänen, Foto: Oliver Höner & Bettina Wachter

Die Berliner Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) beschäftigen sich bereits seit 1987 intensiv mit den Populationen von Tüpfelhyänen im Serengeti-Nationalpark und im Ngorongoro-Krater, zwei Lebensräumen des Serengeti-Ökosystems. (vgl. Das Tüpfelhyänen-Projekt).

Besonders interessant ist die unter Säugetieren seltene weibliche Dominanz. Tüpfelhyänen-Weibchen besitzen sogar einen so genannten Pseudo-Penis, seine stark vergrößerte Klitoris, die aus dem Körper ragt. Traditionell wurde angenommen, dass die Weibchen größer und aggressiver seien und deshalb bei der Nahrungsaufnahme die Männchen an die nachgeordnete Stelle rücken könnten. Aber dem Projekt gelang es, diese Vorstellung zu widerlegen: Weibliche Serengetihyänen sind nicht größer als die Männchen, und soziale Dominanz sowohl unter den Weibchen eines Clans, als auch unter den Geschlechtern, ist nicht an die Körpergröße gebunden.

Das macht die Männlichkeit mürbe

Ein Vorteil des Schein-Penis ist, dass er durch seine Position verhindert, dass Männchen sich ohne das Einverständnis der Partnerin paaren können. Das macht die Männlichkeit mürbe, es nützt ihnen überhaupt nichts, ruppig aufzutreten. Stattdessen investieren die männlichen Serengetihyänen eine Menge Zeit und Energie in die Braut-Werbung. Tüpfelhyänen-Weiber stehen auf Softies und nicht auf Machos.

Wie die Berliner Zoologen herausfanden, haben sanfte Männchen weit mehr Paarungserfolge als ihre angriffslustigen Geschlechtsgenossen. Das ergab eine Analyse sexueller Konflikte unter den großen Raubtieren im Serengeti-Nationalpark. Die Hauptautorin erklärt:

Das kann man sich vorstellen wie bei Hunden. Die Tiere beschnüffeln sich und lecken einander. Aggressive Männchen dagegen näherten sich den Weibchen, indem sie sie ansprangen und nach ihnen schnappten. Es kam auch zu Begattungsversuchen mit unwilligen Weibchen und zu heftigen Beißattacken. Die Studie zeigte: Keinem der extrem aggressiven Männchen gelang es, Nachwuchs zu zeugen. Ganz anders dagegen bei den freundlichen Männchen.

Junge männliche Hyänen verlassen im Alter von zwei bis drei Jahren (sie können ca. 25 Jahre alt werden), wenn sie geschlechtsreif werden, meist den Clan, aus dem sie stammen und schließen sich anderen Gruppen an. Weibliche Tiere verbleiben im Rudel der Mütter.

Die jetzt in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Nature veröffentlichte Studie von Oliver Höner und Kollegen vom IZW sowie der britischen University of Sheffield setzte sich mit den Vermeidungsmechanismen von Inzucht unter den Tüpfelhyänen auseinander. Die Wissenschaftler analysierten sowohl das Verhalten als auch die genetischen Daten der acht im Ngorongoro-Krater im nördlichen Tansania lebenden Clans, von denen jeder zwischen 23 und 63 Mitglieder aufweist (zusammen 370 Tüpfelhyänen). Insgesamt durchstreifen und bejagen die territorialen Tiere ein Gebiet von 250 Quadratkilometern. Seit 1996 werden alle Daten der dortigen Hyänen-Population von den Berlinern erhoben.

Neben der Freundlichkeit zählt vor allem Jugend und Zuwanderung

Nach den Erkenntnissen der Forscher haben Tüpfelhyänenweibchen sehr klare Vorstellungen davon, welche Männchen sie als Sexpartner akzeptieren. Neben der Freundlichkeit zählt für sie vor allem Jugend und Zuwanderung.

Tüpfelhyänenweibchen wählen zur Fortpflanzung bevorzugt Männchen, die nach ihnen in der eigenen Gruppe geboren wurden oder die erst nach ihrer Geburt in die Gruppe eingewandert sind.

Oliver Höner

Außerdem schätzen ältere Hyänen-Damen vor allem jene Verehrer, die schon lange Clan-Mitglieder sind – aber nur, wenn sie auch die oben genannten Voraussetzungen erfüllen und sich immer hübsch freundlich verhalten.

Die Richtlinien sind einfach, verhindern aber sehr effizient Inzucht. Das System funktioniert erfolgreich, denn da die weiblichen Hyänen ihren Nachwuchs alleine aufziehen, wissen die Töchter überhaupt nicht, wer ihre Väter sind. Es wäre für sie innerhalb des Clans also ansonsten unmöglich, die Zeugung von Nachwuchs mit eigenen engsten Verwandten – und somit Degeneration – zu vermeiden.

Diese simplen Regeln haben zudem zur Folge, dass junge männliche Tüpfelhyänen die besten Chancen haben, Nachkommen zu zeugen, wenn sie sich einen neuen Clan mit möglichst vielen weiblichen Jungtieren aussuchen – und genau das tun sich auch. Oliver Höner erklärt:

Die Taktik der Männchen, ihre Fortpflanzungskarriere dort zu beginnen, wo die meisten jungen Weibchen sind, ist sehr erfolgreich, denn diese Männchen haben langfristig Zugang zu vielen Weibchen und zeugen viel mehr Nachkommen als Männchen, die Gruppen mit wenigen jungen Weibchen wählen.

Das ist der Grund, warum fast 90 Prozent der jugendlichen Hyänenmännchen ihre Mutter-Clans verließen, um sich woanders ihre Liebsten zu suchen.

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