Taliban: Anleitungen zum Kampf

Florian Rötzer 18.08.2007

Nach einem Regelbuch wird nun in Afghanistan auch ein militärisches Handbuch der Taliban verbreitet

Ein Selbstmordattentäter tötete gestern einen Provinzgouverneur und drei seiner Kinder in Südafghanistan, bei einem Schusswechsel zwischen US-Soldaten und Taliban im Osten wurden fünf Zivilisten getötet. Am 16. August ereigneten sich mehrere Angriffe auf Militärkonvois, wobei einige Taliban getötet worden sind. Kurz davor waren drei deutsche Polizisten durch eine ferngezündete Bombe getötet worden. Am 15. August bombardierten US-Flugzeuge wie schon am Tag zuvor massiv "feindliche Ziele" in Dschalalabad – mit Erfolg, wie es heißt, aber ohne Angabe von Toten oder Verletzten. Insgesamt gab es an diesem Tag 42 Luftwaffeneinsätze. In der Gegend um Tora Bora wurde eine große Operation gegen die Aufständischen gestartet. Zahlreiche Regionen sind unter der Kontrolle der Taliban oder umkämpft.

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Die angekündigte große Offensive der Taliban ist zwar nicht gekommen, nach Verlusten bei direkten Angriffen setzen die Mudschaheddins nun vor allem auf Selbstmordanschläge, Autobomben und Überfälle, die immer mehr Opfer fordern. In den letzten zwei Monaten wurden nach Angaben von AP mindesten 3.700 Menschen getötet, laut dem afghanischen Innenministerium sind seit April mindestens 1.060 Zivilisten in den Kämpfen umgekommen. Tom Königs, der Sonderbeauftragte der UN für Afghanistan, sagte, dass Zivilisten zunehmend die Last der "wachsenden Gewalt" ausbaden müssen. Afghanistan ähnelt zunehmend Irak.

Es ist, glaubt man dem britischen Telegraph, das erste militärische Handbuch der Taliban aufgetaucht. Damit sollen die Taliban-Kämpfer und andere Rebellen oder Gotteskrieger lernen, wie man Anschläge ausführt, Waffen benutzt, den Gegner ausspioniert oder Trainingslager aufbaut. Ende letzten Jahres wurde bereits ein Regelwerk des "Obersten Führeres des islamischen Emirats von Afghanistan" bekannt, das 30 Prinzipien vorgibt, die jeder Mudschaheddin befolgen muss.

Die Weltwoche hat das Layeha (Regelbuch) übersetzt und veröffentlicht. Es sollte wohl hauptsächlich dazu dienen, eine gewisse Disziplin einzuführen, willkürliche Vorgehensweisen mancher Kommandeure einzudämmen und den Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung nicht zu verlieren. Es zeigt, wie eine Organisation von oben durchgesetzt und vereinheitlicht werden soll. So soll es möglich sein, dass Menschen, die zuerst den "Ungläubigen" gedient haben, wieder "zum wahren Islam" zurückkehren und in die islamische Gemeinschaft der Taliban aufgenommen werden können. Wer "unschuldige"Menschen wird verwarnt und schließlich ausgestoßen, wer Kooperationswillige tötet, muss vor ein islamisches Gericht gestellt werden. Strenge Regeln sollen auch für den Umgang mit vermeintlichen Spionen gelten, die schon zu Hunderten von den Taliban hingerichtet wurden.

Zudem soll die Hierarchie gewahrt und möglichst selbständiges Handeln von Einzelnen oder Gruppen unterbunden werden. Wichtig ist in vielen Dingen, die Gruppenführer oder Kommandanten um Erlaubnis zu fragen. So ist es beispielsweise Mudschaheddin ohne Erlaubnis seitens des Gruppenführers verboten, ausländische Geiseln gegen Geld oder gegen einen anderen Gefangenen zu tauschen. Wichtig ist auch, dass die Taliban nicht zwischen verschiedenen Formen des westlichen Einsatzes unterscheiden wollen. Ob Soldaten Enduring Freedom oder ISAF angehören ist egal, auch Nichtregierungsorganisationen werden dem Feind zugerechnet, vermutlich auch deswegen, um damit die Reihen geschlossen zu halten und nicht schon über Arbeitsmöglichkeiten den Taliban zu entgleiten. Auch deswegen muss jeder seine Geldausgaben vor den Kommandeuren rechtfertigen.

Diejenigen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die unter der Regierung der Ungläubigen ins Land gekommen sind, müssen gleich wie die Regierung behandelt werden. Sie kamen unter dem Vorwand, den Menschen zu helfen, sind aber in Wahrheit Teil des Regimes. Deshalb tolerieren wir keine ihre Aktivitäten, sei es der Bau von Strassen, Brücken, Kliniken, Schulen, Madrassen (Koranschulen) oder anderem.

Lehrer und Schulen stehen besonders im Visier, können sie doch die religiös begründete Macht gefährden. Geschützt werden sollen aber auch "Jünglinge ohne Bartwuchs", die nicht in den Kampf geschickt oder in die "Privatgemächer" mitgenommen werden dürfen.

Das militärische, 144 Seiten dicke und mit vielen Illustrationen versehende militärische Handbuch soll an die Taliban oder andere Rebellengruppen in Afghanistan und in Pakistan verteilt werden. Die Waffe "Selbstmordanschläge" wurde bereits in einem anderen Handbuch als wichtiges Mittel im asymmetrischen Krieg auch religiös gerechtfertigt und Selbstmordattentäter als "Omars Bomben" bezeichnet. Neben konkreten Anweisungen für Taktiken und Waffeneinsatz, geht es auch darum, wie man Brücken, Bahngleise oder Telefonleitungen sprengen kann. Wichtig sei es etwa, Spionagenetze mit politischen Gefangenen, Kriminellen ("insbesondere Mördern"), Bettlern oder Frisören, aber auch mit "internationalen Besuchern wie Schauspielern, Regisseuren oder Künstlern" aufzubauen. Feindliche Spione dürfen getötet werden.

Interessant sind aber weniger die Details, sondern die Rechtfertigungen für den Krieg mit allen Mitteln, die die Taliban oder andere muslimische Kämpfer angeben. Auch wenn im Hintergrund die Errichtung eines islamischen Kalifats stehen mag, das die gesamte Ummah weltweit vereint, so stellen sich die Taliban vor allem als Befreiungsbewegung dar, die die "Besetzer" aus dem "heiligen Land" vertreiben will. Die Besetzer müssen "getötet, geschlachtet und vernichtet werden". Aber man geht auch davon aus, dass Muslime auf der ganzen Welt, die von "Ungläubigen und ihren Handlangern" beherrscht wird, verfolgt werden, weswegen es die Pflicht eines jeden Muslims sei, zu den Waffen zu greifen.

Interessant dabei ist, wie die Taliban, die einst unter ihrer Herrschaft die Verwendung neuer Medien und Techniken verboten und vor allem die Frauen durch die von Männern dominierte Familienstruktur unterdrückten, nun im Zeichen des Kampfes eine Art Emanzipation einleiten, natürlich "streng" nach dem Koran:

In dieser Situation sind die Kinder nicht verpflichtet, die Erlaubnis ihrer Eltern zu erhalten. Eine Frau sollte auf den Dschihad ohne die Erlaubnis ihres Mannes, ein Sklave ohne die seines Herrn, ein Schüler ohne die seines Lehrers. Und dies ist völlig auf die herrschende Situation anwendbar, nachdem die Ungläubigen das Land der Muslime in Afghanistan besetzte haben.

Problematischer ist es schon mit der politischen Hierarchie, da der Islam niemand erlaube, den Dschihad ohne Erlaubnis des Kalifen auszurufen. Wenn dieser aber "eine Marionette der Ungläubigen" ist, dann ist seine Einwilligung nicht erforderlich. Daher müssen die Regierungschefs in Afghanistan oder Pakistan auch nicht anerkannt, sondern sie können bekämpft werden. Trotz der ungewohnten emanzipativen Töne heißt es aber dann doch einschränkend, dass der Dschihad Sache des Mannes sei.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25988/1.html
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