Leben zwischen den Sternen

Matthias Gräbner 21.08.2007

Unter den richtigen Bedingungen kann Plasma sich zu korkenzieherähnlichen Strukturen organisieren - deren Eigenschaften verblüffend denen lebender Materie ähneln

Der Großteil der kosmischen Materie liegt in Plasmaform vor, also als mindestens teilweise ionisiertes Gas mit freien Elektronen. Plasmen entstehen normalerweise bei hohen Temperaturen, der Plasmazustand gehört zu den nichtklassischen Aggregatzuständen. Wenn man sich die bisher beobachteten Strukturen in Plasma ansieht, kann von der ursprünglichen griechischen Bedeutung des Wortes ("das Geformte") eigentlich keine Rede sein, weil es eben gerade formlos erscheint. In dem Magazin New Journal of Physics (wird unter anderem von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft herausgegeben) zeigen nun Physiker, dass hinter dem Begriff womöglich weit mehr Bedeutung steckt als angenommen.

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Unter dem Titel "From plasma crystals and helical structures towards inorganic living matter" untersucht ein Wissenschaftlerteam aus Russland, Deutschland und Australien, wie sich elektrisch geladener Staub in einem Plasma verhält.

Dass die Forscher begannen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, geht auf einige Jahre alte Experimente an Kunststoffkügelchen in einem Edelgas-Plasma zurück, wie Co-Forscher Gregor Morfill vom Garchinger Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik dem ORF erzählte:

Dabei fanden wir heraus, dass sich die Teilchen-Plasma-Mischung offenbar selbst organisiert und spontan Stränge ausbildet. Unter gewissen Bedingungen entstehen sogar kristalline Helix-Strukturen.

Die jetzt veröffentlichte Arbeit beruht allerdings auf Computersimulationen. Grundlage der Berechnungen war kein spezielles Plasma, kein spezieller Staub - insofern gelten sie universell, wenn nur die Bedingungen eingehalten werden: Es müssen sich helixförmige Staubstrukturen im Plasma gebildet haben (was die Forscher für sehr wahrscheinlich halten und auch experimentell mehrfach unterstützt wurde), und der Einfluss der Schwerkraft sollte gering sein.

Wobei selbst unter dem Einfluss der Schwerkraft die Bildung der benötigten Strukturen nicht ganz ausgeschaltet wird. Auf dieser Grundlage konnten die Forscher im Computerexperiment zeigen, dass die Staubstrukturen gleich mehrere Eigenschaften von Leben besitzen: sie wachsen, sie duplizieren sich und sie beschleunigen ihre Entwicklungsgeschwindigkeit, wenn sie um Nahrung konkurrieren (nämlich um die sie umgebenden Plasmaströme).

Dabei beobachteten die Wissenschaftler sogar gewisse Formen von Vererbung: spezielle Gabelungen im Teilchen-Arrangement werden von Generation zu Generation weitergegeben und dienen so als Gedächtnis. Sie schließen daraus, dass man sich bei der Suche nach Leben nicht zu sehr auf organische Komponenten konzentrieren sollte - sonst verpasst man womöglich das entscheidende Detail.

Doch auch wenn uns im interstellaren Staub keine Weltraummonster erwarten: Plasmen entstehen zum Beispiel auch bei Blitzeinschlägen. In ihrer Veröffentlichung im New Journal of Physics weisen die Forscher deshalb darauf hin, dass sich organisches Leben auf der Erde womöglich als Folge inorganischer Blaupausen entwickelt haben könnte.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25998/1.html
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