Sex und I.Q.

21.08.2007

Intelligente Mathematikerinnen sind eher Jungfrauen als durchschnittlich intelligente Künstlerinnen

Ein derzeit ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückter Blog-Eintrag von Jason Malloy, der nicht mit Tyler Cowen identisch ist, befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Intelligenz und Sexualverhalten.

Das Ergebnis ist ungefähr so, wie man es a priori ohnehin vermuten würde: Menschen mit besonders niedrigem IQ und besonders hohem IQ haben weniger Sex als Durchschnittsbürger.

Die Zurückhaltung der Menschen am unteren Rand der IQ-Skala erklärt sich recht einfach: Da es um Personen mit IQ unter 70 geht, sprechen wir in deutscher Sprechweise von Personen mit leichter, mäßiger, schwerer oder schwerster Intelligenzminderung, oder, in etwas deutlicherer englischer Qualifizierung, von "Morons", "Imbeciles" und "Idiots".

Aber wie erklärt sich, dass 15-jährige Jugendliche mit einem überdurchschnittlichen IQ (also über 100) überdurchschnittlich oft jungfräulich sind, wobei die Kurve geradezu parabelhaft stark abfällt?

Jason Malloy geht verschiedene Erklärungen durch, wobei er sich dabei vor allem auf Einträge des Bloggers Half Sigma stützt. Malloy zählt folgende mögliche Erklärungen auf:

  1. Intelligente Menschen investieren ihre Zeit mit Absicht in andere Dinge.
  2. Intelligente Menschen scheuen sich stärker vor Risiken (Schwangerschaft, Sexualkrankheiten).
  3. Intelligente Menschen sind eher religiös/konservativ.
  4. Intelligente Menschen haben einen schwächer ausgeprägten Sexualtrieb.
  5. Intelligente Menschen sind tendenziell körperlich unattraktiv.

Erklärung 3) wird sofort verworfen, weil Religiosität mit niedriger, nicht hoher Intelligenz korrelieren soll. Aber ein Vergleich von IQ-Werten über verschiedene Länder hinweg ist bekanntlich wenig aussagekräftig. Auch die andere Statistik ist nicht wirklich stichhaltig. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Konservativität und Intelligenz bleibt offen.

Erklärung 2) wird ebenfalls verworfen, da intelligente Männer tendenziell eher für Sex zahlen, was angeblich kein Ausweis fehlender Risikobereitschaft ist. Selbst wenn man bereit ist, die auf schmalster Basis ruhende Statistik zu akzeptieren, bleibt immer noch die Frage, ob Safe Sex mit Prostituierten wirklich risikoreicher sein soll als Unsafe Sex mit einer kostenlosen Nymphomanin.

So schießt sich Malloy auf folgende Erklärung ein: Laut einer weiteren Statistik seien intelligente Männer tendenziell weniger athletisch und hätten selbst in Ehen tendenziell weniger Sex, was auf verminderte Libido zurückzuführen sei. (Hier stellt sich der Leser natürlich die Frage, ob dies nicht auf die eben angesprochenen Prostituiertenbesuche der Intelligenzbestien zurückzuführen sei – dieser Widerspruch fällt Malloy nicht auf). Beide Dinge würden vom Testosteron-Mangel verursacht. Und da umgekehrt das Testosteron angeblich auch noch den IQ senkt, hat alles seine Erklärung.

Leider lässt Malloy einen Ansatz komplett aus: das soziale Umfeld. Ob es uns gefällt oder nicht: Der IQ wird tendenziell vom sozialen Umfeld beeinflusst. Wer aus einer Professorenfamilie stammt, hat tendenziell einen höheren IQ als ein Kind einer Hilfsarbeiterfamilie. Es mögen sich andere darüber streiten, ob dies an der Genetik, an der Art der Erziehung des Kindes oder an der Wahl von Kindergarten/Schule liegt, aber der Trend an sich kann nicht geleugnet werden.

Insofern bildet die IQ-Statistik auch eine soziale Schichtung ab. Ersetzt man also IQ durch die korrelierende Sozialschicht, hätte man die Aussage, dass höhere Sozialschicht mit weniger wildem Sexualleben in jungen Jahren korreliert, was durchaus den sozialen Wirklichkeiten des behüteten Aufwachsens etc. entspricht.

Um diese These zu prüfen, müsste man natürlich speziell das Sexualverhalten besonders dummer Akademikerkinder, die behütet aufwuchsen, und umgekehrt das von besonders intelligenten Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen prüfen. Aber als Arbeitsansatz kann diese These durchaus mit der monokausalen Testosteron-These konkurrieren.

Spröde Mathematikerinnen?

Ebenso unausgegoren wirkt eine weiter von Malloy angeführte Statistik, und zwar die Jungfern-Häufigkeit beim Wellesley-College gemäß Fach. Das Wellesley-College ist eine reine Frauen-Hochschule, aber dennoch scheinen die Künstlerinnen genug externe Kontakte zu haben (0% Jungfrauen). Die Mathematikerinnen haben vor lauter Beweisen keine Zeit für Sex (83%). Soweit, so gut. Aber wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet bei der Informatik besonders wenige unberührte Studentinnen gibt (40%)? Dass Neurowissenschaftlerinnen oft Erfahrungen mit massiven Endorphinausschüttungen haben (25% Jungfrauen), dagegen Chemikerinnen/Biochemikerinnen spröde wie Mathematikerinnen sind (83%)?

Man hat zwei Optionen. Entweder denkt man sich lustige Erklärungen aus, etwa: "Chemikerinnen holen sich ihre Endorphine mit chemischen Mitteln, die brauchen keine Männer" oder "Informatiker wollen im Gegensatz zu Mathematikern Geld verdienen, sind weniger nerdy/weltfremd als Mathematiker, und haben deswegen mehr Sex" oder "Welche Künstlerin könnte zugeben, Jungfrau zu sein, ohne zu riskieren, weiter als Künstlerin ernst genommen zu werden?" Oder man entwickelt eine gewisse Skepsis gegen die Daten und fragt sich nach Umfang und Art der Erhebung.

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