Mission in Afghanistan

21.08.2007

Immer mehr religiöse Organisationen drängen in Kriegs- und Krisengebiete. Gefährliche Mischung aus Hilfs- und Glaubensauftrag

Sie heißen "ora international", "Shelter Now" oder "Christlicher HilfsDienst e.V". Immer mehr religiös motivierte Organisationen drängen in Kriegs- und Krisengebiete, um humanitäre Hilfe zu leisten. Was zunächst begrüßenswert klingt. Allerdings sind ihre Einsätze nur schwer von dem religiösen Grundgedanken zu trennen. Anders als säkulare Hilfsorganisationen haben die christlichen Gruppen – mehr oder weniger direkt – die Verbreitung des Christentums auf ihren Fahnen stehen. Damit bringen sie nicht nur die übrigen Helfer in Gefahr, sondern drohen auch religiöse Konflikte in den Zielgebieten zu fördern.

Der jüngste Entführungsfall der 31-jährigen Deutschen Christina M. warf ein Schlaglicht auf diese problematischen Einsätze christlicher Gruppen. Die Betriebswirtin, die am Montag nach 36-stündiger Geiselhaft in Afghanistan wieder frei kam, war für die kleine christliche Hilfsorganisation ora international mit Sitz im nordhessischen Korbach aktiv. Die Gruppe leistet nach eigenen Angaben seit 1993 humanitäre Hilfe in dem zentralasiatischen Staat. Die Aufgabe von Christiane M. sei es gewesen, Frauenprojekte und die Behandlung von HIV-Infizierten zu unterstützen, hieß es aus der Bundeszentrale der Hilfsorganisation, die nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung in 34 Staaten aktiv ist und über 300 Mitarbeiter verfügt. Das Gesamtbudget belaufe sich auf gut elf Millionen Euro in Geld- und Sachmitteln.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Hilfe und Missionierung

"Ora international" – der erste Teil des Namens ist das englisches Akronym für "Waisen, Flüchtlinge und Hilfsbedürftige", bedeutet zugleich aber "beten" – wurde 1981 gleichermaßen als Hilfs- wie auch als Missionierungswerk ins Leben gerufen. Der Gründer Heinrich Floreck steht in Verbindung zur "Neuen Nazarethkirche" in Berlin, einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde, die auf ihrer Internetseite keinen Hehl aus ihrem Missionierungsgedanken macht. 2003 half Floreck in Berlin, eine evangelikale "Missionierungskonferenz" auszurichten. Auf der Tagesordnung standen dabei Themen wie "Islam und Christentum" und "Evangelisation der Nationen".

Das Dementi eines Sprechers der Organisation, es handele sich dabei um die privaten Ansichten des Gründers, wirkt wenig überzeugend. Zumal nach einer Recherche der Deutschen Presse-Agentur auch das Entführungsopfer Christina M. Absolventin der Akademie für Weltmission ist. Deren Motto: "Die `Gute Nachricht' leidenschaftlich und kompetent über Kulturgrenzen hinweg verbreiten".

Das Engagement der christlichen Aktivisten von "ora international" ist kein Novum in der humanitären Hilfsarbeit in Afghanistan. Auch die 23 südkoreanischen Geiseln, die sich in der Gewalt der Taliban-Milizen befinden, waren offenbar mit missionarischem Eifer am Werk. Die Gruppe gehört der presbyterianischen Saem-Mul-Kirche aus Seoul an. Die meist jugendlichen Teilnehmer wollten auf eigene Faust von Kabul nach Kandahar reisen, als sie in die Hände der radikalislamischen Milizen fielen. In der gleichen Region waren 2001 schon zwei US-amerikanische Missionarinnen gekidnappt worden. Die Frauen konnten damals rasch wieder befreit werden.

Die Saem-Mul-Kirche ist eine von vielen Freikirchen in Südkorea. Oft konkurrieren diese sektengleichen Organisationen um Einfluss und Rekrutierungskraft im Ausland – die unter anderem durch die Präsenz humanitärer Hilfsprojekte gewährleistet werden soll. Dass der Missionseifer der Professionalität nachsteht, wird an der Häufung der Entführungsfälle deutlich. Schon im Jahr 2001 waren in Afghanistan mehrere Mitarbeiter der kleinen christlichen Organisation Shelter Now festgenommen worden. Sie wurden von den damals noch herrschenden Taliban wegen verbotener Missionierung vor Gericht gestellt (Talibanana oder doch cuius regio, eius religio?).

Die Anklage stieß im Westen auf harsche Ablehnung. Aber auch im Fall von Shelter Now lässt sich der Missionsgedanke nicht in Abrede stellen. Der Leiter des christlichen Hilfswerks, Udo Stolte, beteilgte sich an einer Tagung des "Gemeindejugendwerkes" unter dem Titel "Mission (im)possible". Jugendliche wurden dabei aufgefordert, über einen "missionarischen Lebensstil" zu "Streetworkern Gottes" zu werden.

Humanitäre Hilfe wird diskreditiert

Vor diesem Hintergrund wirkt die immer wiederholte Beteuerung, man wolle "nur helfen", unglaubwürdig. Wenn nicht offen, so versuchen die christlichen Organisationen ihr Umfeld über den Ausbau humanitärer Hilfsstrukturen ideologisch doch latent zu beeinflussen. Die Entwicklungshilfe ist Mittel zum Zweck. Sie machen sich damit eine Strategie zu eigen, die zunehmend auch von militärischen Akteuren verfolgt wird. Sowohl die US-Armee in Irak als auch die Truppen der NATO in Afghanistan engagieren sich in der Entwicklungs- und Aufbauhilfe, um ihre Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern. Die historisch gezogene Grenze zwischen humanitären Helfern und Krieg führenden Parteien verschwimmt dadurch zusehends. Die Folge: Humanitäre Helfer verlieren ihren Neutralitätsstatus und geraten ins Visier der Gegenseite.

Umso problematischer ist die offene Unterstützung, die "ora international" von Funktionären der Bundesregierung erhält. Die bekanntermaßen hochchristliche Familienministerin Ursula von der Leyen steht Patin für das Kinderhilfswerk der Organisation.

In Südkorea ist die Debatte vor dem Hintergrund des Entführungsfalles schon weiter. Das aggressive Engagement von christlichen Sekten und ihren Hilfswerken wird in der dortigen Öffentlichkeit inzwischen kritisch bewertet. Religiöse Gruppen sollten sich klarmachen, kommentierte die überregionale Tageszeitung Chosun Ilbu den Fall, dass Missionsarbeit in islamischen Ländern wie Afghanistan das Ansehen Koreas beschädigt und andere Koreaner in diesen Ländern in große Schwierigkeiten bringen könne.

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