Ohne Web 2.0 keine Bibliothek 2.0

13.09.2007

Auch Bibliothekare wollen modern sein und schmücken ihr Metier seit einiger Zeit mit einer Versionsnummer und lancieren verschiedene ihrer Angebote unter dem Label "Bibliothek 2.0"

Was aber ist die Bibliothek 2.0, deren Protagonisten ihr ein eigenes Weblog widmen? Das Handelsblatt zumindest liegt falsch, wenn es die sogenannte Onleihe mit den Ansprüchen der Bibliothek 2.0 gleichsetzt. Bei der Onleihe handelt es sich um ein Angebot öffentlicher Bibliotheken, bei dem Nutzer unabhängig von Öffnungszeiten Zugriff auf Bibliotheksbestände haben. Elektronische und online verfügbare Bestände der Bibliotheken wie etwa Ebooks sollen orts- und bedingt zeitunabhängig zugänglich sein. Das Prinzip der Ausleihfristen wird über Digital Rights Management Techniken aufrechterhalten: Ein ausgeliehenes Ebook etwa wird nach fünf Tagen unlesbar.

Bibliotheksangebote, die üblicherweise mit dem Zusatz 2.0 versehen werden, zeichnen sich aber durch die Einbindung von Web 2.0–Features in bibliothekarische Anwendungen oder deren Verbindung mit bibliothekarischen Techniken aus. Außerdem wird erstaunlicherweise unter Bibliothek 2.0 auch die reine Nutzung von Web 2.0-Techniken zur Verwaltung und Präsentation bibliothekarischer Information etwa in Blogs oder Wikis gehandelt. Das lässt auf bibliothekarisches Standesbewusstsein schließen: Kaum anzunehmen, dass Reifenhändler ein Weblog über ihr Geschäft als Reifenhandel 2.0 bezeichnen würden.

Wie dem auch sei, die Devise lautet: Ohne Web 2.0 keine Bibliothek 2.0. Typisches Merkmal der browserbasierten Web 2.0 Angebote ist die Möglichkeit, selbst Inhalte oder zumindest Kommentare zu erstellen. Sofern die Angebote über Publikationskomponenten verfügen, überrascht die Einfachheit mit der - meist ohne HTML-Kenntnisse - publiziert werden kann. Zusätzlich ermöglichen die Services das Verbreiten und Vernetzen von Inhalten über die reine Indizierung durch Suchmaschinen hinaus, etwa über das Aggregieren, Verwalten, Austauschen und Weiterverarbeiten von Inhalten. Teilweise bieten sie auch die Möglichkeit zur Kollaboration, also zum gemeinschaftlichen Erstellen oder Bearbeiten von Inhalten.

Bei Web 2.0 Anwendungen wird meist von einem Einflussverlust der medialen Men-in-the-Middle wie Verlagen oder anderen geschäftsorientierten Contentverwaltern ausgegangen. Mit diesem wahrgenommenen Einflussverlust geht ein wahrgenommener Bedeutungsgewinn des "Do it yourself" und des Vertrauens in den Durchschnittssurfer einher. Dennoch ist das Web 2.0 keine basisdemokratische und selbstlose Web-Idylle, auch im kommerziellen Umfeld finden sich entsprechende Anwendungen: Während Google mit Base oder Blogger aufwartet und Yahoo mit Flickr und dem Social Bookmarking Service del.icio.us vertreten ist, finden sich mit Amazon und Ebay sogar echte Web 2.0 Pioniere: Rankings, Rezensionen, Recommender und Bewertungen basieren auf nichts anderem als dem Vertrauen in das Verhalten und die Meinung anderer Surfer.

Weblogs, RSS-Feeds und Wikis

Was aber macht die Bibliothek 2.0 nun aus? Ein Blick auf die Verwendung von Weblogs, RSS-Feeds, Wikis und Social Bookmarking Services gibt Aufschluss. Unter Bibliothek 2.0 werden etwa Weblogs von Bibliotheken subsummiert. Diese finden in Bibliotheken Anwendung zur innerbetrieblichen Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und als Hilfsmittel zu Kommunikation mit den Benutzern. Sie ergänzen die Website Bibliothek und über RSS-Feeds des Blogs können Newsletter oder die Website mit Aktuellem ersetzt oder ergänzt werden. Bibliotheken, die sich hier besonders hervortun, sind die Stadtbibliothek Nordenham, die Universitätsbibliothek München oder die Staatsbibliothek in Hamburg. Ebenfalls zu erwähnen sind Weblogs, die sich bibliothekarischen Inhalten widmen, wie etwa netbib, bibliothek 2.0 und Planet Biblioblog.

Ähnlich verhält es sich mit RSS-Feeds: Bibliotheken nutzen RSS-Feeds als Element ihrer Öffentlichkeitsarbeit oder schulen deren Verwendung im Rahmen der Informationskompetenz-Vermittlung. Es existieren auch RSS Feeds, die sich mit bibliothekarischen Inhalten befassen, wie etwa libworm. Ebenfalls zu nennen sind RSS-Feeds, die über neue Inhalte von Onlinejournals oder wissenschaftlicher Open-Access-Server informieren bzw. Datenbankenabfragen, die als RSS-Feed gespeichert werden können. Allerdings handelt es sich hier eher um Services von Contentanbietern, weniger um originäre Bibliotheksangebote.

Echte Einbindungen von RSS-Feeds in bibliothekarische Werkzeuge oder Dienstleistungen findet man selten: Erwähnenswert sind aber RSS-basierte Neuerwerbslisten, z.B. der ETH Zürich oder der XOPAC der Universitätsbibliothek Karlsruhe, der es ebenfalls erlaubt, RSS-Feeds auf Suchabfragen zu abonnieren. Die Stadtbibliothek Nordenham nutzt mit MyLibraryThing gar einen Web 2.0 Service als Online Katalog: Nutzer können über MyLibraryThing den Katalog durchsuchen, RSS-Feeds zu Suchabfragen und Neuerwerbungen abonnieren. Registrierte Nutzer können sogar Kommentare zu Büchern hinterlassen und über eigene Schlagworte, sogenannte Tags, eine Beschreibung der Titel vornehmen.

In der Verwendung von Wikis unterscheiden sich Bibliotheken nicht von anderen Anwendern. Wikis werden als externes Kommunikationsmittel in Projekten oder zu kollaborativen Pflege von Schulungsmaterialien benutzt wie etwa im Falle des EprintsWiki, das der Dokumentation einer in Bibliotheken gebräuchlichen Software zum Betrieb von Open-Access-Servern dient und zugleich verschiedene Mailinglisten ergänzt. Ferner werden Wikis als interne Arbeitshilfe benutzt, wie z.B. an der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek. Nicht zu vergessen natürlich die unvermeidlichen Wikis rund um das Thema Bibliothek, wie etwa das LISWiki, das LibrarySuccessWiki oder das NetbibWiki. Schon wesentlich mehr "Web 2.0-Gefühl" vermittelt die Kooperation der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) mit der Wikipedia: Wikipedia-Artikel über Personen sind – sofern sie Autor oder Gegenstand von Publikationen aus Deutschland sind – verknüpft mit Abfragen in den Katalog der DNB: Hier am Beispiel des Schriftstellers Jörg Fausers zu sehen.

Trotz aller Qualität der genannten Weblog-, Wiki- und RSS-Anwendungen und allen Engagements ihrer Betreiber weisen die meisten von ihnen zwar viel Web 2.0, aber nur sehr wenig Bibliothekspezifisches auf. Die Versionsnummer 2.0 ist in den meisten Fällen einzig aus der benutzten WWW-Technik abgeleitet.

Social Bookmarks und Tags

Die engste Verknüpfung von bibliothekarischen Techniken mit Web 2.0 Techniken findet sich bei den Social Bookmarking Services, die es registrierten Benutzern erlauben, Links online zu sammeln, zu verwalten und - falls erwünscht - mit anderen auszutauschen. Social Bookmarking Services, die sich auf textuelle Inhalte konzentrieren sind etwa del.icio.us, Connotea und Bibsonomy.

Essentiell für diese Angebote ist das bereits erwähnte Tagging genannte Verschlagworten von Links zu Websites oder Online-Dokumenten. Anders als in typischen Bibliothekskontexten ist die Verschlagwortung frei: Benutzer können URLs mit beliebigen, ihnen passend erscheinenden Worten beschreiben – es existiert kein vorgegebenes, kontrolliertes Vokabular, das zur Beschreibung angewandt werden muss. So bilden sich schrittweise Tags heraus, auf die sich die Nutzer des Systems einigen. Rankt man die Tags lässt sich zudem die Popularität eines Themas oder deren Relevanz bestimmen. Anhand dieser Schlagworte können alle gesammelten und öffentlich gemachten Links durchsucht werden. Informationsseiten einzelner URLs fassen hinzugefügte Tags in Form einer Taglist oder Tagcloud zusammen: Die Häufigkeit der Tags wird in der Regel durch Formatierung innerhalb der List oder Cloud hervorgehoben.

Die durch Laien vorgenommene freie Erschließung ohne Zuhilfenahme eines kontrollierten Vokabulars wird auch als Folksonomie bezeichnet, um diese Praxis von der auf Expertenwissen basierenden Ontologie, also einer Wissensrepräsentation in Gestalt eines formal definierten Systems von Begriffen und Relationen, abzugrenzen.

Großer Vorteil der Social Bookmarking Dienste ist die informelle Netzwerk- und Communitybildung: Bei der Suche nach Informationen stößt man nahezu automatisch auf andere Surfer, die zum selben Thema sammeln und nicht selten daran forschen. Verschiedene Bibliotheken binden Social Bookmarking Services in ihre Online Kataloge ein, um einzelne Titel über Social Bookmarking Dienste verwalten zu können wie z.B. im Kölner Universitätsgesamtkatalog. Recht verbreitet ist mittlerweile die Einbindung der Social Bookmarking Services in die Einzeltitelanzeigen von Open-Access-Servern. In beiden Anwendungsszenarien ist auch die Anreicherung des Tagging mit kontrollierten Schlagworten, z.B. nach der Schlagwortnormdatei, möglich. Es wäre auch denkbar, Neuerwerbungen wissenschaftlicher Fachreferenten inklusive Schlagworte über Schnittstellen in Social Bookmarking Systemen verfügbar zu machen – was aber leider der Idee der Folksonomie entgegenliefe.

Interessant ist immer die Verbindung von Web 2.0-Features mit ureigenst bibliothekarischen Anwendungen. Vorbildlich in dieser Hinsicht ist das an der Universitätsbibliothek Mannheim laufende und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderte Projekt Weblogs als Steuerungsinstrument für Hochschulbibliotheken. Die Bibliothek bindet einen Weblog in ihren Onlinekatalog ein: Nutzer können so im Blog Bewertungen, Rezensionen und Kommentare zu einzelnen Titeln verfassen. Auf diese Art können effizientere Strategien für die Erwerbung neuer Medien entwickelt werden, außerdem entsteht im Idealfall eine inhaltliche Erschließung durch die Nutzer – und nicht durch Bibliothekare. Das Weblog dient als innovative Erweiterung des traditionellen catalogue enrichment, bei dem Onlinekataloge um Rezensionen aus Zeitschriften oder Inhaltsverzeichnisse angereichert werden.

Perspektivisch wird in Bibliotheken auch die Verwendung von Podcasts zur Einführung in Benutzung und zur Vermittlung von Informationskompetenz diskutiert. Erste Fallbeispiele und Ideen finden sich bei The Best of Library Videos-Blog und in der Bibliocast-Mailingliste. Über das Projekt der Universitätsbibliothek Mannheim hinaus sind auch weitere Anwendungen von Web 2.0 Verfahren zum Catalogue Enrichment denkbar. Aufgrund des Vernetzungscharakters des Web 2.0 dürften entsprechende Anwendungen auch zur Zusammenführung von Primärdaten und Literatur, sei es im Volltext oder in Form von Metadaten, geeignet sein.

Die Vielzahl der Vernetzungsmöglichkeiten des Web 2.0 verweist zumindest bei manchen der erwähnten Anwendungen auch auf eine Schwäche der Bibliothek 2.0, vor allem wenn sie zur Szientometrie, also zur Messung der Wissenschaft, herangezogen werden sollte: Ähnlich wie der Journal Impact Factor, von dem weithin angenommen wird, er gebe Auskunft über die Qualität wissenschaftlicher Publikationen und der auf Basis von Zitationsraten wissenschaftlicher Zeitschriften berechnet wird, führt die Vernetzung in der Bibliothek 2.0 zu einem Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Seien es Zitationen oder Links. Was ja auch für Googles Pagerank dasselbe ist.

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