Römische Chaostage
Verschwundene Koffer und der Urlaub als Sabotageerlebnis - neue Schreckensmeldungen aus Italien
Wie lässt man in Italien am besten eine Leiche verschwinden? Ganz einfach: Zerstückeln, in ein paar Koffer verteilen, und als Gepäck auf dem römischen Flughafen Fiumicino aufgeben. Immerhin der altehrwürdige Mailänder Corriere della Sera erlaubte sich diesen zynischen Scherz jüngst in Form einer Karikatur auf seiner Titelseite. Der Anlaß: Auf dem römischen Flughafen Fiumincino verschwinden täglich Tausende von Koffern. Zwar gehört das Chaos in Italien zur Urlaubszeit traditionell einfach dazu. Aber 2007 sprengt es jedes Ausmaß. Und auch sonst ist das Ferienparadies Italien längst nicht mehr das, was es mal war.
"Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!" - den legendären Satz des Geographie-Analphabeten und deutschen Fußballnationalspielers Andy Möller scheint sich neuerdings auch die italienische Tourismusindustrie auf ihre Fahnen geschrieben zu haben. Denn nicht weniger als 17 Prozent (!!) aller aufgegebenen Koffer verschwinden derzeit im Gepäck-Nirwana des römischen Flughafens. Eine Horrorzahl für alle Verantwortlichen. Manche fliegen mal kurz nach Mailand, Madrid oder auf die Seychellen, um dann doch - im Schnitt nach vier Tagen - bei ihren Besitzern zu landen, andere sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Schlamperei oder "Sabotage des Systems"?
Das Chaos betrifft sowohl die Gepäck-Stücke, die hier aufgegeben wurden - und oft ihr Reiseziel nicht erreichen, wie auch die, die im Drehkreuz Rom auf andere Ziele umgeleitet werden. Und auf ankommende Gepäckstücke - wenn sie denn ankommen -, können Reisende gut und gerne drei Stunden warten, bevor sie sie in Empfang nehmen können.
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Nach Angaben der Verbrauchergruppe Codacons sind inzwischen Zehntausende Reisende betroffen. Und Tausende von Koffern, Rucksäcken und Taschen stapeln sich derzeit in Lagern, manche ihrer Besitzer warten über eine Woche auf das Gepäck. Schadenersatzforderungen mehren sich. Natürlich bleiben auch italienische Reisende und Prominente von den Problemen nicht verschont. Und so hat auch der Boulevard sein Vergnügen: Kürzlich traf es zum Beispiel die Schauspielerin Sophia Loren. Sie gab den hübschen Ratschlag: "Man darf sich davon nicht die gute Laune verderben lassen."
Auch die logistischen Umstände in Fiumincino sind erschreckend: Kaugummis blockieren Sensoren, Getränkedosen und Nägel bringen die Gepäckbänder zum Halt, oder zerstören sie gleich ganz.
Nur "typisch italienische" Schlamperei oder eine "Sabotage des Systems", wie Vito Riggio, Präsident der italienischen Luftfahrtaufsicht - und ein ehemaliger Abgeordneter von Silvio Berlusconis Partei Forza Italia, der in seinem Amt bestätigt werden will - unlängst vermutete? Viele machen nun wie er die privaten Betreibergesellschaften verantwortlich. Bei der unangemeldeten Kontrolle hatten Aufseher auf dem gesamten Flughafen keinen einzigen Mitarbeiter des Gepäckservice gefunden.
"Die Schwierigkeiten liegen an der Menge der aufgegebenen Gepäckstücke"
Zudem versuchen derzeit auch andere Seiten die römischen Chaostage politisch auszuschlachten und sich im schlagzeilenarmen Urlaubsmonat August mit populistischen Sprüchen zu profilieren: So weiden sich sie die Gewerkschaften an den Zuständen und verweisen genüsslich auf die "Frucht einer wilden Deregulierung und Liberalisierung Ende der 90er Jahre". 40 Prozent der Arbeitskräfte im Gepäckservice seien schlecht bezahlte Teilzeitkräfte mit begrenzten Zeitverträgen. Sie arbeiten 25 Wochenstunden, und verdienen 700 Euro im Monat.
Die angegriffenen Firmen wiederum verweisen auf Versäumnisse des Flughafenbetreibers: Veraltete Anlagen und Organisationsmängel seien schuld. Seit zehn Jahren habe man das Sortiersystem für Gepäckstücke nicht mehr modernisiert.
Auch die beiden Flughäfen von Mailand - die mit 37 Fehlleitungen unter 1000 Gepäckstücken tatsächlich eine zwar nicht gute, aber weitaus bessere Quote aufzuweisen haben - versuchen die römischen Probleme zu ihren Gunsten auszuschlachten, schließlich fürchtet man im Zuge der derzeitigen Alitalia-Krise Langstreckenflügen an Rom zu verlieren.
Längst fürchtet auch der Tourismus zuständige Vizepremier Francesco Rutelli mögliche Langzeitschäden für das Image des Reiselands Italien und für den Fremdenverkehr.
Italiens Luftfahrtbehörde Enac hat inzwischen mitgeteilt, Hinweise auf Sabotage seien nicht gefunden worden. Es herrsche schlicht und einfach eine völlige Fehlorganisation. Die schönste Erklärung für die Probleme hatte sowieso bisher der Chef der Gewerkschaft SdL, Walter Mancini: "Die Schwierigkeiten in Fiumicino liegen an der großen Menge der aufgegebenen Gepäckstücke."
"Wir dürfen keine Wunder erwarten"
Wie geht es nun weiter? Transportminister Alessandro Bianchi nutzt einstweilen die Chance, sich als Sanierer zu profilieren, und hat nun eine "Task-Force" von 80 Mann und einen Sonderkommissar ernannt, die sich um schnelle Verbesserung bemühen sollen. Auch sollen sofort 60 Millionen Euro in technische Anlagen investiert werden. Zudem hat Bianchi den Betreibergesellschaften mit Strafen und Lizenzentzug gedroht. Allerdings fügte er gleich hinzu: "Wir dürfen keine Wunder erwarten." Dabei ist man doch in Rom, der Stadt des Herrn und des deutschen Papstes. Wenn nicht hier, wo eigentlich dann?
http://www.heise.de/tp/artikel/26/26028/1.html- Stichwort Lohndumping... (25.8.2007 19:56)
- wobei gesagt werden muß, (25.8.2007 18:51)
- Neukauf (25.8.2007 18:25)
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