Nacht der westlichen Werte

07.10.2007

Die Farbe Schwarz: Die Gegenwart und ihre heimliche Liebe zur Apokalypse

Der Sound der Apokalypse ist in. Zwar reden wieder alle vom Aufschwung, ist Optimismus angesagt, aber untergründig wachsen Zweifel und Unsicherheit, spüren die Gesellschaften des Westens, dass ihre beste Zeit vorbei ist, ahnen, dass sie selbst das Ancien Regime sind, in den letzten Jahren vor der nächsten Großen Revolution. Das Leben unserer Gegenwart ist geprägt von Ängsten und Bedrohungsgefühlen, Katastrophenphantasien und Untergangsvisionen. Schöne neue Nachwelt: Die Wonnen der Gänsehaut kitzeln das Bewusstsein der letzten Menschen im Westen. Die neue Lust auf Alptraum-Blüten ist nicht zuletzt ein ästhetisches Phänomen.

Die Erde war wüst und leer, und es war finster auff der Tieffe

Moses 1,2 (in Martin Luthers Übersetzung)

Dem Klima geht es schlecht. Die Deutschen sterben aus. Die westlichen Werte sind tot. Die Inder kommen und die Chinesen sind schon da, die Afrikaner stehen vor der Tür. Dann das Artensterben…, die Atombombe…, die Entropie…, nicht zu vergessen: Das Rauchverbot. Und überhaupt… Es gibt viele Gründe, Apokalyptiker zu sein.

Hieronymus Bosch: "Sturz der Verdammten und Hölle"

Das apokalyptische Denken ist eine Reduktion. Auf Angst. Aus Angst. "Eigentlich hatte er Angst vor allem", stellt Botho Strauß gerade hellsichtig über Oswald Spengler fest, der schon vor knapp 100 Jahren dem Abendland seinen Untergang voraussagte.

Aber das apokalyptische Denken kann auch, wenn man es beginnt, zu beschreiben, sich auszumalen und in Bilder zu kleiden, auf einmal reichhaltig sein und schön. Wie die "Offenbarung" des Johannes. Wie die Höllen des Hieronymus Bosch. Da sich keiner die Apokalypse vorstellen kann, sind der Phantasie auch keine Grenzen gesetzt. Darin, in dieser Grenzenlosigkeit und insgeheimen Verführungskraft des apokalyptischen Denkens, dem diskreten Charme der Götterdämmerung, liegt womöglich auch seine größte Gefahr.

Der "neue Hitler" und die "Heilsbeschleunigung" durch Methan-Ausstoß

Zur Zeit sind Untergangs-Phantasien wieder angesagt. Das gilt für die Politik, für den politischen Manichäismus eines Bush und seiner Gotteskrieger, die neben Atomkriegen in geheimen Pentagonstudien (vgl. Eiswüste in Europa, Nuklearkriege und andere Schreckensszenarien) auch längst den Tag nach der Klimakatastrophe durchspielen. Es gilt ebenso für Bushs Bruder im Geiste, den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der sich auf die Lehren des Ajatollah Mohammed Taghi Mesbah Yazdi beruft: Die bestehen vor allem von der Hoffnung auf die Rückkehr des seit rund 1000 Jahren verschollenen "Zwölften Imams" der Schiiten - ihr vorausgehen müsse allerdings auch noch die Zerstörung Israels und der Untergang aller "Feinde des Islam". Apokalypse, vergessen wir das nicht, heißt "Heilsbeschleunigung".

Was ist dem iranischen Präsidenten recht, um sein Heil zu beschleunigen? Ist er letztlich ein pragmatischer Zyniker, der die islamistischen Ideologien nur clever für seine politischen Zwecke instrumentalisiert? Oder eine mittelmäßige Gestalt mit Spielermoral, der das Potential zu einem "neuen Hitler" hat? Oder gar ein Selbstmordattentäter auf dem Präsidentenstuhl, der einen "Endkampf" mit dem großen Satan herbeilechzt und hierfür auch Atomwaffen einsetzen und furchtbare eigene Opfer in Kauf nehmen würde?

In solchen ebenso plausiblen wie wahnwitzigen Gedankenspielen wechselt das apokalyptische Denken unbemerkt seinen Sitz, kehrt zurück in den Schoß des Westens. Der 11. September 2001 sei "keine Zäsur im Lauf der Weltgeschichte" gewesen, "sondern in unserem Denken, ein Stichtag der Geistesgeschichte" schrieb Andrian Kreye, damals noch New-York-Korrespondent, vor einem knappen Jahr in der Süddeutschen Zeitung ("Tanz den Apokalypso", SZ vom 11.9.2006) über die Befindlichkeit der US-Gesellschaft.

Doch auch in Europa, besonders in Deutschland ist es nicht grundsätzlich anders, die Inhalte der Diskurse wechseln zwar, doch die Form bleibt gleich. Bush und jene Neocons, die lieber früher als später den Dritten Weltkrieg gegen das Böse führen möchten, haben hierzulande zwar weniger Zuspruch; Al Gores nicht weniger inbrünstige Warnungen vor dem Öko-Gau und sein Aufruf zur "fundamentalen Umkehr" dafür um so mehr. Doch sind sich die Denkstrukturen nicht ähnlicher, als einem lieb ist? Bleiben wir kurz in Deutschland: Die Klimakatastrophe, Angela Merkel und Siggi Gabriel sei Dank, ist das deutsche Modethema des Jahres 2007. Und wieder schwelgen die Deutschen in einer Lust am Täter-sein, rechnen ihre Schuld um in grammweisen Klimaausstoß. Flachbildschirme, Billigbirnen und Stand-by-Lämpchen sind besonders böse. Und den Kühen, diesen Umweltsäuen, wird ihr Methan-Ausstoß vorgerechnet.

Ein ähnliches Lieblingsthema ist die Kernkraft. Wer von der Nukleartechnik etwas anderes als schlechthin das Ende der menschlichen Zivilisation erwartet, ist mindestens ein Phantast und naiver Technikeuphoriker, schlimmstenfalls ein Krimineller, der mit dem Leben von Millionen und der Zukunft der Menschheit wissentlich Roulette spielt.

Neben Klima und Atom sind derzeit auch Gentechnik und Biotechnologie schwer angesagte Sujets des apokalyptischen Diskurses, und natürlich die Demographie: Bevölkerungswissenschaftler warnen erschüttert vor einer "Vergreisung" der Gesellschaft, und wenn man dezent darauf hinweist, dass die angeblich abnehmende Geburtenrate laut Statistik mit 1,36 seit rund drei Jahrzehnten nahezu konstant ist, bekommt man nur zu hören: "Um so schlimmer!"

Der Verweis auf Kassandra ist in der Demographiebranche besonders in Mode, ihr habe schließlich auch keiner geglaubt, als sie vor dem Untergang Trojas warnte, und doch….Schon der kulturpessimistische deutsche Geschichtsphilosoph Oswald Spengler hatte in seinem Bestseller "Der Untergang des Abendlandes" (1917) vor der demografischen Katastrophe gewarnt. Weil das Leben in Großstädten die Fruchtbarkeit der Frauen ruiniere, prophezeite er einen dramatischen Bevölkerungsschwund. Direkt daran an knüpft heutzutage eine Eva Herman: "Wir haben mit der Ordnung der Dinge gebrochen und zerbrechen nun selbst daran", schreibt sie schicksalsschwanger mit spenglerschem Gestus.

Ermüdend, maßlos, beliebig: "Knapper werdende Übel werden kostbarer"

Das Ermüdende und Lächerliche an diesen Diskursen ist vor allem die Hysterie, die sich regelmäßig begleitet, ist die Maßlosigkeit der Argumente - immer droht wenigstens der Weltuntergang - und der vorhersehbare Verlauf der öffentlichen Erregungskurven: Erst brennt das Thema auf den Nägeln, wird medial verstärkt, dann folgt der politische Aktivismus, Gremien und Sondersendungen auf allen Kanälen, schließlich brechen die Dämme und das Thema versickert in der Breite der Standpunkte und der Kleinteiligkeit seiner Details; doch glücklicherweise rollt dann zumeist schon die nächste Erregungswelle mit einem neuen Thema heran.

Störend ist zudem die völlige Beliebigkeit des Gegenstandes und der Ursachen. Hauptsache, das Ergebnis - Weltuntergang - ist klar. Als ob die deutsche Öffentlichkeit von einer tiefsitzenden Sehnsucht nach Untergang und Katastrophe, und von einer heimlichen Lust daran beherrscht sei, gemäß dem schönen (und klammheimlich sehr ernst gemeinten) Spott von Thomas Mann:

Wenn schon Untergang, dann möchte man doch wenigstens dabei gewesen sein.

Zudem verlässt die Debatte nur äußerst selten die Stereotypen einer eingefahrenen Krisenrhetorik - immer "drängt" die Zeit, immer ist es "fünf vor zwölf", immer fordert man "sofort" "kategorische" Maßnahmen und "grundsätzliche" "Veränderung", am besten per Gesetz, immer "fängt es im Kleinen an". Dabei ist der Apokalyptiker fein raus: Während er redet, ist "es" noch nie "soweit", und nach konkreten Zeitplänen und Reaktionsmöglichkeiten gefragt, weichen Apokalyptiker in der Regel aus.

Aber wer in den 60-er oder 70-er Jahren geboren ist, hat inzwischen schon derart viele vorhergesagte Weltuntergänge glücklich überstanden - ein paar Mal "Atomtod", Wettrüsten, "Le Waldsterben", Tschernobyl, Aids, das Ozonloch, der Rinderwahn, die Geflügelpest, Glykol im Wein und Salmonellen im Fisch, Handystrahlen, das "ökologische Hiroshima", "Millennium-Bug", die Vogelgrippe, Pandemien, Killerviren, "neue Eiszeit" und Erderwärmung (da herrscht noch Forscherzwist), die "Grenzen des Wachstums" (1995!) und den "Tod der Meere" (1979!!) und auch "1984" als solches -, dass er es, ist es einmal wirklich so weit, vermutlich gar nicht merkt.

Auffallend dabei ist die völlige Ignoranz der Fraktion der Mahner und Warner gegenüber der empirischen Tatsache, dass die Apokalypse seit der ersten Eisenbahnfahrt von Nürnberg nach Fürth bisher noch nie eingetreten ist, dass es eben zumindest immer irgendwie weitergeht, und oft sogar ziemlich angenehm und gegenüber dem massiven Gefälle zwischen der Wahrnehmung einer vermeintlichen Gefahr, der medialen Aufmerksamkeit für sie und den tatsächlichen Folgen. Der Philosoph Odo Marquard erklärt dies mit der "Erhaltung des Negativitätsbedarfs":

Je mehr Negatives aus der Welt verschwindet, desto ärgerlicher wird - gerade weil es sich vermindert - das Negative. Knapper werdende Übel werden kostbarer.

So rattert die Maschine der üblichen Verdächtigen und Profiteuren aus Politik und Gesellschaft und der moralisierenden Leitartikler von Grün bis Braun unermüdlich weiter, warnt vor der Hybris des Menschen, vor seinem widernatürlichen Treiben, denn offenbar ist die Apokalypse ein einträglicher Teil der Bewusstseinsindustrie.

Wo die letzten Tage der Menschheit angebrochen sind, da kultivieren auch allerlei Künstler und Intellektuelle ihre Alptraum-Blüten von der Reise ins reine Nichts. Wir werden untergehen, sagen sie, und manche fügen auch noch hinzu, dass das gut so sei. "Denn alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht", heißt es schließlich schon in Goethes "Faust". So besteigt der apokalyptische Reiter wieder die alte Mähre des Untergangs und schindet sie zu Tode. Immerhin muss man konstatieren, dass das oft genug faszinierend anzusehen und mit wonnevollen Schauern zu lesen ist - ein Streifzug durch die aktuelle Ästhetik des Untergangs.

Zombies als Anti-Utopie

Wer hätte zum Beispiel ausgerechnet mit diesem Comeback gerechnet: Zombie-Filme haben Konjunktur, wie lange nicht. Sogar auf dem Kulturpantheon der documenta zeigt man derzeit George A. Romeros Klassiker "Land of the Dead", und auch im aktuellen Kino sind nach der Welle der "Slasher-Movies", der Teenie-mordenden Messerkiller, nun wieder Untote angesagt, die mal zutraulich, mal mordlüstern, aber immer sabbernd und in Lumpen durch die Lande schlurfen, und die (Über-)Lebenden an ihre Sterblichkeit erinnern.

Land of the Dead

Tatsächlich sind Zombies nicht zuletzt die Anti-Utopie zu jenen strahlend-perfekten, stählern-unverletzlichen, blond-blauäugigen Kinoheldenkörpern, die vorzugsweise die (Hollywood-)Leinwand bevölkern. Und es ist nicht überinterpretiert, wenn man die Ursachen dieses Kinotrends vor allem in den kulturellen Folgen der "9/11"-Attentate, des moralisch gescheiterten "Kriegs gegen den Terror" und der verbreiteten Desillusionierung über die "westlichen Werte" sucht.

Am Anfang der neuen Zombie-Welle stand 2002 der britische Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting"). Mit "28 Days later" (vgl. Es braucht nicht viel, um einer von ihnen zu werden) verfilmte er einen Science-Fiction-Roman von Alex Garland. Dieser Film traf nach den New Yorker Attentaten den Nerv eines Publikums, das durch die "Sicherheitsgesetze" kaum weniger verunsichert war, als durch die Attentate der Islamisten. Der Film zeigt, wie eine Demokratie - England, wieder mal England, wie so oft, zuletzt in dem postapokalyptischen Szenario von Cuarons "Children of Men" (vgl. Das Inland des Empire) auf eine gefährliche Virusepidemie mit übertriebener Härte reagiert, sämtliche humanitären Prinzipien über Bord wirft und binnen Wochen zum faschistischen Regime mutiert.

Er war bereits im Kino ein derartiger Erfolg, dass er noch während der Auswertung mit einem alternativen Ende versehen wurde - nicht zuletzt dank der bestechenden Schönheit, in die er seine Vision einer modernen Apokalypse taucht: Derart menschenleere Städte und Landschaften, eine solche ruhige Tristesse, hatte man zuletzt bei Antonioni gesehen. Und das ist lange her.

28 Days later

Boyle und Garland fungieren in "28 Weeks later", der unmittelbaren Fortsetzung der Handlung, die dieser Tage ins Kino kommt, als Produzenten. Die Regie führt der Mexikaner Juan Carlos Fresnadillo, oberflächlich ein unbeschriebenes Blatt, aber seit einer Nominierung für den Kurzfilmoscar 1996 ein Geheimtip der Kinoszene. Mit Robert Carlyle, Rose Byrne, Catherine McCormack und Harold Perrineau konnten auch einige bekannte Darsteller gewonnen werden. Die Handlung setzt parallel zum ersten Teil ein: Don (Carlyle) gelingt die Flucht vor den infizierten Untoten nur deshalb, weil er ihnen seine Frau überlässt. Sechs Monate später scheint die Epidemie gebannt. Don ist nach London zurückgekehrt, trifft seine Kinder wieder und auch seine Frau, anscheinend gerettet und genesen.

28 Weeks later

Das Militär hat eine sichere "grüne Zone" eingerichtet - gerade in deren Schilderung, in den Überwachungstechniken und der unter der Maske waffenstarrender "Sicherheitskräfte" pulsierenden Paranoia, lässt sich die Erinnerung an den Irak und Afghanistan nicht vermeiden. Erwartungsgemäß erweist sich der Virus als resistent, kehrt zurück, und beginnt, die Menschen aufs Neue zu dezimieren. Nichts an diesem Handlungsfortgang ist wirklich neu, wenig kommt völlig unerwartet. Aber wie Fresnadillo den Film inszeniert, ist ebenso beeindruckend, wie der beklemmende Zeitbezug, die zahlreichen präzisen Anspielungen, die das Szenario aufweist. Hier liegen Reiz und Bedeutung des Films: "28 Weeks later" ist ein hervorragender, apokalyptischer Thriller und leider viel aktueller, als er scheint.

Land of the Dead

Die Uhren blieben um 1 Uhr 17 stehen. Eine lange Lichtklinge, gefolgt von einer Reihe leiser Erschütterungen. Er stand auf und trat ans Fenster. Was ist das?, fragte sie. Er gab keine Antwort. Er ging ins Bad und betätigte den Lichtschalter, aber der Strom war bereits ausgefallen.

Auch die Romane Cormac McCarthys - etwa "Blood Meridian", der bei uns kitschig "Die Abendröte des Westens" heißt, oder "Outer Dark", "Suttree", "All the pretty horses" - sind von düsterem Grundton geprägt, und wer den einen oder anderen schon gelesen hat, weiß, dass der Reiz von McCarthys Schreibkunst gerade darin liegt, seine erschütternden Befunde und Szenarien in erlesener, wunderschöner Sprache darzubieten, die mitunter von einer geradezu biblischen Epik und Grundsätzlichkeit, zugleich von der seismographischen Kühle eines Naturwissenschaftlers durchzogen ist. Sie tritt um so deutlicher hervor, je schrecklicher das Geschehen ist, dass dieser Autor beschreibt.

Ein Vater. Sein Sohn. Sie gehen auf einer Straße. Ihre Namen erfahren wir nicht. Die Welt ist grau und tot. Ohne Nahrung. Ohne Wasser. Leichen liegen am Weg. Sie gehen durch Ruinen, Richtung Meer. Sie sehen und spüren das, was die "Bösen" hinterlassen haben. Sie wollen überleben. Sie haben eine Waffe bei sich. In deren Lauf stecken genau zwei Kugeln…

Und jeder Tag grauer als der vorangegangene, wie das Wachstum eines kalten Glaukoms, das die Welt verdüsterte. … Am Tag umkreist die verbannte Sonne die Erde wie eine trauernde Mutter mit ihrer Lampe.

Ein apokalyptische Szenario, ein Panorama des Grauens irgendwann in einer unbekannten Zukunft. "Die Straße" ist der lakonisch-nüchterne Titel dieses großartigen Romans, seines neuesten, der die bekannten Motive des Autors, Einsamkeit, Vergänglichkeit, gnadenlose Gewalt, variiert und in konzentrierter Form zuspitzt, und für den McCarthy, mittlerweile 73, kürzlich den Pulitzer-Preis erhalten hat.

Er wird ihn hoffentlich und gewiss aus dem Schatten der anderen größten US-Autoren, von John Updike, Thomas Pynchon und Don DiLillo lösen. Cormac McCarthy lässt uns keine Hoffnung. Das ist schrecklich, denn man hat selten ein so pessimistisches, gerade wegen all seiner Klugheit so tieftrauriges Buch gelesen. Ein Roman wie die Filme von George A. Romero (vgl. Die Massen vor der Stadt). Und es ist schön, geprägt durch Genauigkeit, Klarheit und eine finstere funkelnde Sprache. Dieser Roman ist ein schwarzer Diamant. Schön und schrecklich.

Im "Kraftwerk der Vergänglichkeit"

"In unserer Zeit geht es nicht mehr um den Verfall der Kultur, sondern um die Bilanz endgültiger Verluste", so McCarthy 1992 in einem seiner wenigen Interviews. Das Zitat könnte auch von Botho Strauß stammen. In einem unbedingt lesenswerten, abgewogenen und dennoch offen sympathisierenden Aufsatz beschäftigte Strauß sich kürzlich in der FAZ Sonntagszeitung (FAS) mit "Spengler persönlich", also mit Oswald Spengler, dem Lieblingsuntergeher der Deutschen, dessen stolze 1.249 Seiten umfassender Zweibänder "Der Untergang des Abendlandes" gerade vom frommen Patmos-Verlag neu aufgelegt wurde.

Am Anfang sind noch die aus dem Nachlass publizierten persönlichen Aufzeichnungen von Spengler und ihre Analyse das Thema von Strauß. Mehr und mehr aber wechselt die Perspektive hin zu einer Einverleibung der Spenglerschen Fragestellung und Strauß' Dialog mit "der Geschichte". "Die Geschichte" heißt es da, "wird betrieben vom Kraftwerk der Vergänglichkeit."

Nach ein paar Invektiven gegen "das lukácssche Verdammungsvokabular", und den "marxistischen Degout" Adornos - aber das muss man wohl, als Möchtegernunpolitischer und Poet der Konservativen Revolution - muss Strauß bei aller Sympathie für den fortschrittspessimistischen Autor dennoch zugeben, dass "so vieles einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhielt", und dass "die dringendsten Tendenzen des Werks und selbst das große Ordnen von Epochen und Imperien für uns nicht mehr von entscheidendem Interesse sein können."

Nichts stimmt - außer der Stimmung. Außer der Form.

Ein Darwinist der Ideen

So ist es denn die Haltung, die Strauß an Spengler lobt, die Ehrfurcht vor der Geschichte: "Unter den Professoren amerikanischer Elite-Universitäten finden sich hervorragende Zeitgeschichtler, aber kein von Geschichte erschütterter Mensch." - das gibt die Richtung vor: Erschütterung, eine ästhetische Erfahrung, wird gefordert, und an Spengler "fasziniert" Strauß, "Gedankenreichtum, … ideelle Energie … der große Entwurf", der sich nicht durch "Detailansichten" irritieren lässt - auch wenn man dieses Lob der Unirritierbarkeit, der Unerschütterlichkeit als logischen Widerspruch bezeichnen könnte.

Um Logik geht es allemal nicht, denn Spenglers "Untergang des Abendlandes" ist das "Prägwerk für etliche kulturanalytische Universalbetrachtungen bis in unsere Tage". Strauß nennt zum Beleg Samuel Huntington und Peter Sloterdijk. Zugleich aber schützt sich Strauß dann doch klar vor allzu früher Vereinnahmung durch Apokalyptiker verschiedener Couleur: "Das inkomplette Wissen" der Ökologie biete "eine günstige Überlebensnische für modifizierten Kulturpessimismus und Untergangszauber." Modelle der spenglerschen Art, "das Denken in groben Zügen", seien eher dazu da, "jeweils aufs Neue von der Welt widerlegt zu werden", Orientierung der Spezies, Verbesserung und Anpassung zu befördern. Und da klingt Strauß plötzlich wie ein Darwinist der Ideen.

"Die Kategorie des Risikos verwandelt und verschlingt alles"

Vielleicht könnte er sich da sogar mit Ulrich Beck einig werden. Auch der Münchner Soziologe, Vordenker von Rot-Grün und Erfinder der "Risikogesellschaft", des "Dritten Weges" und der "Zweiten Moderne" kleidet sich in seinem neuen Buch "Weltrisikogesellschaft" ins feierliche schwarzgoldene, in seinem Fall etwas zottelige Gewand des Apokalyptikers, der zornig gegen eine "apokalypse-blinde" Soziologie ins Feld zieht. "Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit" ist der Untertitel des Buches, der eigentlich schon alles sagt. Die Moderne, jedenfalls die alte, erste, befinde sich in einem "Prozess der Selbstauflösung".

Wir leben, spätestens seit "dem 11. September" in Unsicherheit. "Wir", das sind wir alle, nicht nur im Westen, sondern auf der ganzen Welt. Darum ist, so Beck diese Unsicherheit global, und sie ist fundamental, nirgendwo ein Rettendes. Wir leben in einer "Welt-Risikogesellschaft". "Riskant" ist für Beck alles: Der Terror der Islamisten, Kohlendioxid-Emissionen, Biotechnik, Atomkraftwerke, Hurrikans, die Vogelgrippe, Tankerunglücke, usw. - unter dem Auge des erhitzten Meisterdenkers schmilzt dies zu einem einzigen Risiko-Brei zusammen, ohne Hierarchien, ohne erkennbaren Sinn dafür, das es mehr verdeckt, als enthüllt, wenn man Terroranschläge und Killerameisen über den gleichen Leisten schlägt.

Die deutsche Sprache macht es möglich, das Wort "Risiko" an so ziemlich jedes andere zu hängen, und darum klebt Beck den Button auch auf alles Mögliche, als ginge es darum den Globus zu labeln: "Risikoumverteilungskriege", "Risikoembryonen"... Wenn Beck mit seinem Lieblings-Begriff des "Risikos" um sich schleudert, denkt man an Zeus mit seinen Blitzen, dazu passt auch der autoritäre Gestus und die übersprudelnde, Blasen schlagende Sprache: "Die Kategorie des Risikos verwandelt und verschlingt alles."

Analytisch führt das kaum über den Leitartikel einer besseren Regionalzeitung hinaus. Die Zeit drängt, es gibt viel zu tun, auch wer sich nicht in Gefahr begibt, kann in ihr umkommen. Aber auch ästhetisch fehlt der rechte Reiz. Beck kocht in seinem Buch eine krude Mischung zusammen: grüne Emotion, linksliberale Ratio, hohles Pastorenpathos - "das Politische neu erfinden", "darauf bestehe ich", "Röntgenblick" - und den Krisendenker-Gestus eines Carl Schmitt, der die politische Theorie aus dem Ausnahmezustand heraus begründen wollte. Beck gibt sich bei alldem weniger Kassandra-haft klagend als zürnend, er lacht auch noch am Rande des Vulkans und bildet so die optimistische Variante des apokalyptischen Diskurses- man kann etwas ändern, wenn man nur will.

"Freizeit in der Endzeit"

Mit dieser Haltung sind wir unvermittelt wieder in den guten alten 80er Jahren gelandet, in einem Milieu wie jenem der "Evangelischen Akademie Hofgeismar", die seinerzeit, kurz vor irgendeinem Weltuntergang noch eine Tagung mit dem putzigen Titel "Freizeit in der Endzeit" veranstaltet hat. So waren sie die 80er - gemütlich am Rande des Vulkans. Und so gesehen, ist es vielleicht auch ein Risiko, Becks Buch zu lesen.

Auch Helge Schneider hat jetzt mit sicherem Zeitgeist-Instinkt seine neue Tour "APOKALÜZZE NAU!!!" getauft. Aber einstweilen west die dem Untergang geweihte Welt noch weiter vor sich hin, und will einfach nicht vergehen. Während sich die Menschen Sorgen um die Vogelgrippe machen, sterben weltweit jährlich etwa eine Million Menschen an der ganz normalen Grippe. Während das Rauchen in Europa zusehends geächtet wird, liegt das Risiko durch Krebs zu sterben, bei etwa 1:350.

Und die Wahrscheinlichkeit, überhaupt innerhalb eines Jahres zu sterben, grob geschätzt bei 1:86. Einen Apokalyptiker werden solche Statistiken kaum erschüttern. Aber vielleicht ist das Kulturphänomen des apokalyptischen Denkens und die aktuelle Ästhetik des Untergangs zwar als Motor für Künste und Philosophien überaus produktiv, ansonsten aber einfach etwas unpraktisch. Denn, um noch einmal Botho Strauß zu zitieren:

In gewissem Sinn befinden wir uns wieder einmal nach der Katastrophe.

Literatur:

Ulrich Beck: "Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit"; Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2007

Cormac McCarthy: Die Straße. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007

Jürgen Schläder/Regina Wohlfarth (Hg.): "AngstBilderSchauLust. Katastrophenerfahrungen in Kunst, Musik und Theater"; Henschel-Verlag, Berlin 2007

Botho Strauß: "Spengler persönlich. Die Welt begreift man nur in groben Zügen: Oswald Spenglers Aufzeichnungen aus dem Nachlass zeigen den Untergangsautor als einen Mann, dem alles in die Seele schneidet"; in: FAZ Sonntagszeitung, 19. August 2007

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