Trinken und Wohnen

Thomas Pany 27.08.2007

Die Auswirkungen von Alkoholismus auf den Wohnort und die Effekte des Wohnviertels auf die Abhängigkeit

Wer in Gegenden wohnt, in denen Arbeitslosigkeit, Armut und Integrationsschwierigkeiten mehr zuhause sind als anderswo, der begegnet öfter mal Trinkern und Betrunkenen - mitunter schon frühmorgens. "Asozial" nennt man solche Viertel. Eine aktuelle Studie will einen neuen Blickwinkel auf die Zusammenhänge von Wohnort und Alkoholmißbrauch öffnen.

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Die Studie, die im Septemberheft von Alcoholism: Clinical & Experimental Research veröffentlicht wird, beansprucht eine Ausnahmestellung. Weil sie zum einen Entwicklungen über einen längeren Zeitraum untersucht (nämlich zwölf Jahre, während sich vergleichbare Studie mit einem oder zwei Jahre Beobachtung beschränkten) und weil sie zum anderen eine neue, zusätzliche, Blickrichtung einnimmt, so die Ko-Autorin der Studie, Anne Buu:

Wir schauten (..) aus zwei Richtungen auf diese Beziehung, auf die Auswirkungen von Alkoholabhängigkeit auf den Wohnort und die langfristigen Effekte des Wohnviertels auf die Alkoholabhängigkeit.

Anne Buu, Research Investigator in the Substance Abuse Section, Department of Psychiatry University of Michigan

Zugang und Fragestellung der Studie werden als innovativ bezeichnet, weil man nicht nur die Familienebene in die Erforschung von Problematiken im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch mit einbezieht, sondern auf ein "makro-level" geht, das Wohnviertel.

Since a large proportion of the risk for alcoholism is environmental – approximately 40 percent – it will be increasingly important for researchers and clinicians to have a better understanding of neighborhood-level influences on alcohol use.

Ryan Trim, research psychologist at the VA San Diego

Die Grundgesamtheit der Studie bildeten 206 weiße Männer mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren aus einem Gebiet, das sich über vier Countys erstreckt. Die Daten wurden über Kommunal- und District-Behörden gewonnen, die Alkoholabhängigkeit über halb-strukturierte Fragebögen diagnostiziert; der Wohnort wurde alle drei Jahre 12 Jahre lang festgehalten und die Kennzeichen der Wohnviertel über Variablen festgestellt, die man aus dem Census ermittelte.

Damit fanden die Wissenschaftler heraus, dass Alkoholismus negative Auswirkungen auf den Wohnort hat und umgekehrt. Je größer die Alkoholprobleme eines Mann sind, desto wahrscheinlicher bleibt er oder zieht er in ein schlechteres, benachteiligtes Wohnviertel. Die Gesundung vom Alkoholismus wiederum soll den Ergebnissen nach vor einer sozialen Abwärtsdrift schützen und zugleich den Aufstieg fördern.

Das Leben in heruntergekommenen Gegenden übt einen ungünstigen Effekt auf die Symptomatik des Alkoholismus aus, so die Drogenmissbrauchsforscherin Buu, die schon vor zwei Jahren herausfand, dass Zigarettenrauchen über Jahre hinweg den IQ absenkt. Die kausale Beziehung (!) zwischen Alkohismus und sozialer Umgebung im Viertel geschieht Buu zufolge in zwei Richtungen:

Continuous alcohol involvement has long-term negative effects on place of residence.In contrast, recovery from alcoholism is protective against downward social drift.

Diese negativen Effekte könnten sich bei Frauen, die alkoholkrank sind, noch schlimmer auswirken, weil sie oft Partner haben, die Alkoholiker sind (‘assortative mating’). Die Abwärtsspirale könnte dadurch beschleunigt werden. Die Studie zeige, so Buu, vor allem, dass die Auswirkungen von Alkoholismus größer und breiter angelegt sind, sie beschränken sich nicht auf bloße gesundheitliche Aspekte. Die gesamte Lebensqualität ist somit langfristig betroffen und zwar nicht nur jene der an Alkoholismus erkrankten, sondern auch die der anderen, die in der Nachbarschaft leben.

Social environment appears to play some role in keeping the disorder going, and possibly even making it worse: we can see effects going from community to individual, and from individual to social environment. Preventive efforts therefore may also have effects in both directions.

Dass man Alkoholismus auch in feineren Gegenden täglich beobachten kann, wie man es bei amerikanische Schrifsteller wie John Cheever oder Raymond Carver lesen kann, steht auf einem anderen Blatt (ebenso wie die Behauptung, dass Schriftsteller die Wirklichkeit eindringlicher und wahrhaftiger einfangen können als sozialpsychologische Studien).

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26054/1.html
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