Der Künstliche Komponist

Dirk Scheuring 04.09.2007

"Ludwig" – ein Schritt in das Zeitalter der Rockenden Roboter

In einigen Musikstilen fühle ich mich nicht firm genug: "Hat das noch was mit Schubert zu tun?" "Nee", sagt Markus Aust, der Komposition studiert hat und es wissen sollte.

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Markus hilft mir beim Testen einer Beta-Version von Ludwig. Ludwig ist ein Computerprogramm, das auf Kommando Musik komponiert; momentan zum Beispiel haben wir den Stil "Schubert-Song" ausgewählt. Natürlich pushen wir die Parameter ein bisschen: Nachdem uns Ludwig erst "Cautious Romance" im Arrangement für Symphonieorchester komponiert hat, lassen wir ihn im selben Stil "Throwing Boots" für Streichquartett und "Sexy Ants" für Funk Band generieren. Aber, finden wir, das hat nichts mehr mit Schubert zu tun.

Das ist gut. Besser noch, dass Matthias Wüllenweber unsere Empfindung teilt: "Natürlich soll man wagemutige Kombinationen von einander stilfremden Parametersätzen versuchen, sonst gibt's immer nur Mainstream." Wüllenweber hat Ludwig geschrieben; allerdings nicht primär, damit er Typen wie Markus und mir gefällt: "Im Mittelpunkt steht der improvisierende Instrumentalist oder der Schüler, der einfache Stückchen mit Band spielen möchte." Niemand, so das Verkaufsargument, komponiert Musik gezielt nach den persönlichen Wünschen eines Blockflöten-Anfängers - niemand außer Ludwig.

So ist der Anspruch nicht allzu hoch gehängt, aber Ludwig ist durchaus ein Novum: Seit 40 Jahren dienen real existierende Musikkompositions-Programme ausschließlich dazu, in musikwissenschaftlichen Debatten Argumente für dies und jenes zu liefern. Wüllenweber verpackt als Erster das Konzept des Künstlichen Komponisten zur Nutzung durch jeden Amateurmusiker, der 50 Euro in ein Lernprogramm investieren kann.

ChessBase und Deep Fritz

Er hat schon mal was Ähnliches gemacht: 1985 gründete er die Firma ChessBase, um seine Datenbank zum Speichern und Verwalten von Schachpartien und -analysen zu vermarkten. Damals wurde die Leistung von Schachprogrammen von den Profis des Schachsports noch belächelt. Das änderte sich: Ende 2006 schlug das Programm Deep Fritzin einer Serie von sechs Spielen den amtierenden Schachweltmeister Wladimir Kramnik mit 4:2. Deep Fritz ist ein Produkt von ChessBase.

So wie Fritz nach Regeln, welche die Erfahrungen aus ungezählten Schachspielen repräsentieren, den im Sinne dieser Regeln "besten" nächsten Zug kalkuliert, so findet Ludwig durch sein Regelwerk, das aus der klassischen Kompositionstheorie abgeleitet ist, den "besten" nächsten Ton. Das Interface ist denkbar einfach: Man ruft ein Kompositions-Fenster auf, wählt Tempo und Tonart und gibt, unter Verwendung von Listen, Werte für die Parameter "Style", "Melody Rhythm", "Form" und "Arrangement" an. Mit diesem Input berechnet Ludwig dann die Musik, generiert eine Partitur und spielt über die Soundkarte eine entsprechende MIDI-Datei ab. Für die im Oktober erscheinende Vollversion ist die Integration von VST-Instrumenten vorgesehen, so dass Ludwigs Kompositionen durchaus fett klingen könnten. Die MIDI-Files können natürlich in den branchenüblichen Sequenzerprogrammen weiterverarbeitet werden.

Der Variationen sind kein Ende: Schon bei der von uns getesteten funktionsreduzierten Beta-Version übersteigt die Zahl der möglichen Wertekombinationen die Grenze des bis zur Deadline Verkraftbaren. Die Stücke, die wir Ludwig in relativ modernen Stilen wie "Funk" oder "Dance" komponieren ließen, fielen für mich generell weniger interessant aus als solche, die nach klassischeren Regeln berechnet, aber anachronistisch besetzt waren: Der Choral "Drinking Goddess" im Arrangement für Dance Band etwa entpuppt sich als mit 90 Beats pro Minute melancholisch dahinswingende Synthpop-Schleife, und das im "symphonischen" Stil gehaltene, aber für Beguine-Band arrangierte "Strong Weed" könnte gut als Titelmelodie für eine Sitcom dienen, die in einem von einer Roboter-Familie betriebenen Blumenladen spielt.

Ziellos-korrektes Gegniedel und spannende Melodielinien-Paare

Rhythmisch hat Ludwig bislang wenig Interessantes zu bieten; melodisch wendet er penibel die kontrapunktischen Regeln der Bach-Zeit auf alle verfügbaren Musikstile an und erzeugt, neben viel ziellos-korrektem Gegniedel, durchaus gelegentlich ein spannendes Melodielinien-Paar. Aber es ist nicht klar, wie man als User gezielt zu einem bestimmten Ergebnis kommen kann. Markus und ich würde gern selbst die Regeln bestimmen, nach denen Ludwig komponiert. Jeder sollte seinen persönlichen Ludwig haben können.

"Zugang zur Rulebase muss natürlich sein, bedeutet aber noch ein Stück Arbeit", meint Wüllenweber dazu. "Im Augenblick schickt mir Jan-Peter Klöpfel, der musikalische Berater zu Ludwig, die Stylevorschriften als handliche kleine Partituren, und ich setze es dann in Code um. Das ist auf Dauer ein wenig mühselig, und der Komponist ist gebunden, weil er nicht richtig interaktiv arbeiten kann. Da stecken noch enorme Möglichkeiten drin."

Mit Mitchell Kapor, und gegen Ray Kurzweil, wette ich ja darauf, dass im Jahre 2029 noch kein Computer den Turing-Test bestanden haben wird. Aber dass wir dann im Zeitalter der Rockenden Roboter leben werden, steht für mich ebenso fest.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26057/1.html
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