Löschen von Waldbränden durch Wegsprengen

In Griechenland und anderswo haben die Brandbekämpfer oft nicht die Mittel, die Feuer wirksam einzudämmen oder zu löschen, allerdings gäbe es seit 15 Jahren eine wirksame Technik: das Sprenglöschverfahren, das aber nicht eingesetzt wird

Griechenland kommt nicht zur Ruhe. Seit fünf Tagen wüten hier die schlimmsten Waldbrände seit Menschengedenken, mindestens 63 Menschen sterben im Feuer, und in den ausgebrannten Ortschaften werden noch weitere Tote vermutet. Dazu verenden tausende Tiere – ebenso wie die Menschen lebendig verbrannt oder erstickt sind. Die von starken Winden genährten Flammen nehmen immer größere Landstriche ein, eine Feuerwand rast auf die Hauptstadt zu, und nur einem Großaufgebot an Einsatzkräften gelingt es, sie vor den nordöstlichen Vororten Athens zu stoppen.

Viele glauben, dass zumindest einige der Brände von Bodenspekulanten gelegt wurden, die auf dem später baumlosen Land Häuser errichten wollen. In einem abgebrannten Waldstück bei Athen wurden Propangasbehälter und ein zur Zündvorrichtung umgebautes Handy gefunden, außerdem gehen bei der Athener Feuerwehr diverse Fehlalarme ein, mit denen Löschzüge mobilisiert und in die Irre geführt werden. Auch auf dem Peloponnes finden die Feuerwehren Indizien für Brandstiftung. In Olympia patrouillieren Soldaten zum Schutz vor weiteren Anschlägen. Nachdem ein Großaufgebot der Feuerwehr die antiken Stätten rettet, halten 60 Feuerwehrleute und sechs Löschfahrzeuge dort Wache, um neue Brände zu verhindern. Für Hinweise zur Ergreifung der Brandstifter setzt die Regierung Belohnungen bis zu einer Million Euro aus, bislang wurden über 100 Personen festgenommen.

Gestern sind drei mit Wasserbehältern ausgerüstete Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ CH-53, die jeweils 5.000 Liter fassen könnten, vor Ort eingetroffen. Auch andere EU-Länder entsenden Flugzeuge und Feuerwehrleute nach Griechenland. Die Sprecherin des EU-Umweltkommissariats, Barbara Helfferich, sagt im ZDF, die Behörde sei "zufrieden mit der schnellen Hilfe der EU-Mitgliedsstaaten". Innerhalb von nur 48 Stunden seien zwölf Flugzeuge und Hubschrauber bereitgestellt worden. Doch ebenso wie die schon vorhandenen Löschflugzeuge, die seit Tagen fast im Dauereinsatz sind, können sie wegen widriger Windverhältnisse oftmals nicht aufsteigen.

Europa im Sommer 2007. Die Medien sprechen von einer "apokalyptischen Dimension" der Katastrophe. Und verschweigen gleichzeitig eine letztlich ebenso apokalyptische Dimension an Ignoranz und Inkompetenz im Vorfeld der verheerenden Brände. Doch hierzu müssen wir fast 15 Jahre zurückschauen – und zwar nach Frankfurt am Main.

Alle Bilder: Das Copyright liegt bei der Universität Coimbra, Portugal und Wagner Alarm- und Sicherungssysteme GmbH. Die Branddirektion Frankfurt hat damit nichts zu tun

Ziel und Technik

Prof. Dipl.-Ing. Reinhard Ries wird 1993 Direktor der Branddirektion Frankfurt. Zwei Jahre später stellt er ein gemeinsam mit dem Sprengmeister Winfried Rosenstock speziell für den Einsatz bei Waldbränden entwickeltes neues Löschverfahren vor. Denn die hohe Feuerintensität und teilweise extreme Laufgeschwindigkeit von bis zu 30 km/h bei Wald- und Flächenbränden stellen die Brandbekämpfer auch heute noch vor fast unlösbare Probleme.

Löschflugzeuge und -hubschrauber bieten zwar die Möglichkeit, das Feuer auch in unzugänglichen Gegenden bekämpfen zu können, doch hierbei ist der hohe Löschwassereinsatz ein Problem, da durch Verdunstung und Windbeeinflussung ein erheblicher Teil des Wassers gar nicht direkt in das Feuer gelangt. Gleichzeitig stellen die extrem hohen Temperaturen solcher Brände auch die Bodenmannschaften vor erhebliche Schwierigkeiten, denn eine für den Löscherfolg nötige Annäherung an das Feuer bringt die Einsatzkräfte oftmals in höchste Lebensgefahr.

Doch Ries und Rosenstock schließen die Lücken gängiger Löschmethoden mit einem Verfahren, das erstmals in der Geschichte der Menschheit hochintensive Feuerfronten mit Temperaturen von 1000°C und mehr auch vom Boden her beherrschbar macht. 1996 lassen sie ihr System unter dem Kürzel 2RS-System registrieren. Ihr so genanntes "Sprenglöschverfahren" ermöglicht es, das Löschmittel direkt an der Feuerfront zum Einsatz zu bringen. Hierbei werden Schläuche aus Kunststoff beschichtetem Textilgewebe mit einer Sprengschnur bestückt, in sicherem Abstand parallel zur Feuerfront verlegt und anschließend mit Wasser befüllt.

Unmittelbar bevor das Feuer den Schlauch erreicht, oder sogar erst beim Überrollen durch die Feuerfront, wird dieser zur Explosion gebracht und zersprengt das Wasser zu "kaltem Dampf", also in Einzelmoleküle, die mit einer erheblichen Geschwindigkeit von bis zu 200 m/s beidseitig in die Flammen und das Brandgut geschleudert werden. Auf der gesamten Schlauchlänge wird dabei der Waldbrand im Bruchteil einer Sekunde und 15 Meter tief gelöscht, während die Bäume auf der anderen Seite ebenso tief benetzt werden. So entsteht eine Doppelwirkung: ein schlagartiges Löschen der Flammenfront und ein nachhaltiges Kühlen des Brandgutes, was ein erneutes Anfachen so gut wie unmöglich macht.

Das Sprenglöschverfahren bietet somit erstmals die Möglichkeit, Flammenfronten auf großer Breite und aus sicherer Entfernung anzugreifen, was bislang aufgrund der hohen Wärmebelastung nicht möglich war. Gebäude und Betriebe, Objekte wie Tankstellen oder Brennstofflager können nun ebenso wie ganze Dörfer vor dem Überrollen durch Flammenfronten geschützt werden. Durch eine frühzeitige Verlegung und Befüllung der Schläuche sind die Helfer sogar in der Lage, eine gestaffelte Verteidigungsfront mit höchster Löscheffektivität anzulegen – und dies auch noch bei geringem Wassereinsatz.

Die Länge der Schläuche kann, je nach Art und Intensität des Brandes, von wenigen Metern bis zu mehreren hundert Metern betragen. Bei einem 100 m langen Schlauch mit einem Durchmesser von 25 cm beispielsweise werden gleichzeitig 5.000 Liter Wasser über eine Fläche von ca. 3.600 qm verteilt – wobei ein derartiger Schlauch von nur drei Einsatzkräften in weniger als sieben Minuten präpariert werden kann!

Versuch und Einsatz

Mit Sprengsätzen Feuer löschen? Als ich das erste Mal von dieser Technik gehört habe, hatte ich gewisse Zweifel, und so erging es sicherlich auch den involvierten Entscheidungsträgern. Doch Ries und Rosenstock kommen vom Fach und haben auch schon genügend Versuche durchgeführt – die Idee ist auf dem besten Wege zum lebensrettenden Produkt zu werden. Es dauerte zwar noch einige Zeit, bis ein Unternehmen in Langenhagen die Lizenzrechte erwirbt, doch bereits im Jahr 2000 wurde durch das französische Forschungsinstitut für Waldbrände (CEREN) bei der EU ein entsprechender Forschungsantrag eingereicht. Unter dem Namen FIMEX (Forest FIre fighting Method with EXplosive hoses filled with an extinguishing agent) und der Beteiligung von vier mittelständische Unternehmen aus Deutschland und Frankreich entwickelte man innerhalb des Forschungsrahmenprogramms CRAFT die bestehenden Prototypen zur Marktreife weiter. Die wissenschaftlichen Leistungen der beiden von den Firmen ausgewählten Forschungseinrichtungen aus Frankreich und Griechenland (!) zahlte die EU sogar voll.

Zu den geförderten Leistungen zählten Feldtests, das Erstellen von Applikationsrichtlinien und die Entwicklung einer Software mit digitalen Landkarten und Empfehlungen zum Einsatz des Sprengschlauchs je nach Wetterbedingungen und Gelände. Außerdem wurde untersucht, ob sich die Effektivität der Sprengschläuche bei der Bekämpfung von Waldbränden mittels anderer Löschmittel – im Fachjargon Retarder genannt – nicht sogar noch wesentlich steigern ließe. Denn die Kombination von Wasser und Retarder (oftmals auch rot eingefärbt, um den Piloten von Löschflugzeugen als Markierung zu dienen) legen sich auf die Vegetation und verdunsten nicht so schnell wie pures Wasser.

Das Projekt wurde am 1. April 2001 begonnen und am 31. März 2003 abgeschlossen. Neben einer Ausbildungsübung im Jahr 2001 im Land Brandenburg, an dem auch die Berliner OV Reinickendorf beteiligt ist, wurden insbesondere Versuchskampagnen bei mediterraner Vegetation durchgeführt (!). So nahm eine Einheit der Frankfurter Berufsfeuerwehr im Mai 2002 an der Internationalen Katastropheneinsatzübung der NATO "Taming the Dragon – Dalmatia 2002" in Kroatien teil. Ausgangsszenario waren ausgedehnte Vegetationsbrände in Mitteldalmatien, die mehrere Ortschaften erfassen. Die örtlichen Feuerwehren standen im Dauereinsatz, die erschöpften Kräfte benötigten dringend Unterstützung. Kroatien ersuchte um internationale Hilfe der Mitgliedsstaaten der "NATO-Partnership for Peace". Aus heutiger Sicht grenzt dieses Szenario schon fast an Prophetie – man muss nur noch den Landesnamen austauschen.

Die wirkungsvolle Löschwirkung der Sprengschlauchtechnologie wurde außerdem bei Waldbrandversuchen in Portugal (Gestosa, Mai 2002) und an verschiedenen Stellen in Südfrankreich (2002 and 2003) demonstriert.

Als die Mitarbeiterin des Lizenzinhabers und Koordinatorin des FIMEX-Projektes, Frau Florence Daniault, im Juni 2005 auf der International Conference on Risk and Emergency Management - Research and Policy Perspectives in Hannover die Ergebnisse präsentiert, schien der Durchbruch geschafft zu sein. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Hürden und Fallgruben

Die Firma WAGNER Alarm- und Sicherungssysteme in Langenhagen, welche die Lizenzrechte von Ries und Rosenstock erworben hatte, kann zu diesem Zeitpunkt bereits drei Typen von Einzelschläuchen anbieten, die sich durch ihr Fassungsvermögen (Liter pro Meter), der Höhe und der Weite ihres Löschbereiches, sowie der Wasserverteilung auf dem Boden und seiner Durchdringung des Brennmaterials voneinander unterscheiden. Die Einzelschläuche sind bereits so optimiert, dass sie ein Maximum an Löschmittel gleichmäßig zu beiden Seiten des Sprengschlauches verteilen. Außerdem werden clevere Kombinationen entwickelt.

Der so genannte "Doppelschlauch" – zwei nebeneinander ausgelegte Schläuche gleichen Durchmessers mit identischer Sprengkraft – ist dabei speziell für den Einsatz bei Kronenfeuern, an Berghängen oder bei starken Winden konzipiert. Hier wird bei der Explosion eine Impulsüberlagerung erreicht, deren Resultat eine senkrechte Wasserwand bis 30 m Höhe ist.

Der "Kombi-Schlauch" – zwei nebeneinander ausgelegte Schläuche mit unterschiedlichen Durchmessern – ist wiederum für intensive Vollfeuer konzipiert, die von hoch gewachsenem Unterwuchs genährt sind: Der große Schlauch mit geringer Sprengkraft fungiert als Wassergeber, der kleinere Schlauch mit größerer Sprengkraft als Impulsgeber für Ausrichtung und Geschwindigkeit. Hier werden mehr als 80 % des Löschwassers zur Frontseite und in die Höhe gebracht.

Man sollte nun eigentlich denken, dass Ries und Rosenstock mit Preisen überhäuft werden, die Sprengschlauchtechnik internationale Verbreitung findet und verheerende Waldbrände nun endgültig der Vergangenheit angehören. Die Frankfurter überlegen auch, eine Eingreiftruppe zu bilden, die mit ihren Hubschraubern nur wenige Stunden nach ihrer Alarmierung in ganz Europa einsatzfähig wäre. Doch die Realität sieht (tödlich) anders aus. Selbst wenn man auf der Website von Wagner sucht, heißt es:

Es wurden keine Dokumente gefunden, die den Begriff 2RS enthalten!

Statt dessen fahren die Kameraden mit ihren Löschzügen los, spritzen in die Flammen, bis keiner mehr stehen kann, während es aus Flugzeugen und Hubschraubern ungezielt aus Kübeln schüttet wie im Mittelalter. Dies soll keineswegs eine Herabwürdigung ihres – leider nur allzu oft auch tatsächlich – aufopfernden Einsatzes sein. Doch es stellt sich die berechtigte Frage, warum kommt die Sprengschlauchtechnik nicht zur Anwendung?

Die Antwort darauf drückt die ganze Misere unserer modernen, überverwalteten Welt aus – in der kaum mehr jemand entschlossen und unbeirrbar auch unkonventionelle Entscheidungen trifft, selbst wenn diese das Leben und den Besitz vieler Menschen retten könnten.

Einmal werden Schwierigkeiten bei der Beschaffung, Lagerung und Ausbildung der Anwender genannt. Der Umgang mit dem 2RS-System erfordert eine Sprengberechtigung der staatlichen Behörden des jeweiligen Landes. In Griechenland wird ein Einsatz verhindert, weil es dort verboten ist, mit elektrischen Zündern zu arbeiten (!).

Nicht bei jeder Feuerwehr ist ein Sprengmeister vorhanden. Der Transport selbst kleiner Mengen Sprengstoff (selbst in den dicksten Schläuchen handelt es sich um nur 40 g pro laufendem Meter) ist ein Spießrutenlauf durch ein Labyrinth unterschiedlichster Vorschriften. Der Erhalt von Zulassungen wird von den diversen involvierten Bürokratien schier unmöglich gemacht. Und dies, obwohl sich sogar das Unternehmen Dynamit Nobel bereit erklärt, über sein firmeninternes Vertriebsnetz zu garantieren, die Schläuche innerhalb von maximal 24 Stunden an jedem gewünschten Ort bereit zu stellen.

Es fehlt also an politischem Willen, zumindest solange nicht das eigene Haus am Abbrennen ist. Und so wird diese phantastisch effektive Technologie nur noch zur Staubbindung bei Gebäudesprengungen genutzt. Wäre es nicht so ernst, dann wäre höhnisches Gelächter wohl die einzige adäquate Reaktion darauf.

In Folge der vielen Toten in Griechenland berät die Europäische Kommission zur Zeit über eine europäische Brandschutztruppe, um künftig noch schneller reagieren zu können. Dabei müssten auch die unsinnigen bürokratischen Hürden, die Inkompetenz und Engstirnigkeit in den Verwaltungen sowie rückständiges Denken beim Problemlösen angesprochen und ohne weiteres Zögern aus der Welt geschafft werden. Denn Brände werden sich auch in künftigen Sommern entzünden. In Griechenland und in Spanien ebenso wie in Portugal und anderen europäischen Ländern. Dazu braucht man kein Prophet zu sein. Man kann sich aber dagegen wappnen – zum Beispiel mit der genialen Sprengschlauchtechnik von Ries und Rosenstock!

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