GEZ und beleidigte Fernsehzuschauer

30.08.2007

Ungebührliches Geschäftsgebaren und das dazu passende, preisträchtige Fernsehen

Je einseitiger die öffentlich-rechtlichen Sender über wirtschaftliche und politische Themen berichten und sich ansonsten gerne an das Niveau der privaten Anstalten halten, je mehr sich also der Grund, die gesetzlichen Rundfunkgebühren zu entrichten, verflüchtigt, weil dort die gleiche Gehirnwäsche zu sehen ist, wie überall sonst auch, desto bizarrer wird das Betragen ihrer Gebühreneinzugszentrale, der GEZ.

'Preis der beleidigten Zuschauer'

Diese wies unlängst das Internetportal Akadamie.de per Abmahnungsschreiben darauf hin, dass der Begriff "GEZ-Gebühr" (der mitunter z. B. beim ZDF selbst verwendet wird) nicht existent ist und "nur dazu dient, ein negatives Image der GEZ hervorzurufen". Ein nur allzu verständliches Anliegen - sorgt doch GEZ mit ihren Eintreib-Methoden selbst für Negativschlagzeilen, mit denen sie mehr als genug auf sich aufmerksam macht.

Achteinhalbmonatiger Rechtsstreit

So wurde eine Frau, die ihr Fernseh- und Rundfunkgerät ordnungsgemäß angemeldet hatte, nach dem Besuch eines GEZ-Mitarbeiters mit einer Nachzahlungsaufforderung von 1.300 Euro konfrontiert, weil im ehemaligen Kinderzimmer ein defektes TV-Gerät ihrer Tochter stand. Erst nach einem achtzehnteiligen Briefwechsel ließ die Behörde von ihrem Ansinnen ab.

In einem anderen Fall wollte die GEZ von einem Automobilhändler für ein Radio in einem Vorführwagen rund 1600 Euro abkassieren. Auch dieser Versuch wurde erst nach mehreren Gerichtsverhandlungen eingestellt. Thomas Thiel stellte in der FAZ fest, dass die GEZ versucht, aus der unklaren Rechtslage Profit zu schöpfen:

"Da sie als milliardenschwere Institution in Gerichtsverfahren den längeren Atem besitzt, kann sie es verschmerzen, einen möglichen Prozess zu verlieren. Trotz Widerspruchs gegen ihre Zahlungsaufforderungen verschickt die GEZ weiter Zahlungserinnerungen mit Säumnisgebühren (was ihr der Rundfunkgebührenstaatsvertrag erlaubt), ignoriert und erschwert Abmeldungen, fordert Gebühren und verschickt Zwangsanmeldungen ohne ausreichenden Nachweis. Häufig kehrt sie die Beweislast um: Nicht sie selbst, sondern der Beschuldigte habe nachzuweisen, dass er keine Rundfunkgeräte zum Empfang bereithalte. Am besten mit einer eidesstattlichen Versicherung."

Darstellung von Selbsterniedrigung und die Propagierung von Gier

Dabei ist der Niedergang des Mediums Fernsehen schlichtweg atemberaubend. Kaum stellt man fest, dass mit einer Sendung wie "Big Brother" endgültig der Boden erreicht sein müsste, ist man gezwungen zu erfahren, dass es mit der nächsten Casting-Show immer noch ein gutes Stück darunter geht. Erkennbar ist unter anderem eine zunehmende Bereitschaft des Publikums, sich für ein paar Minuten vor der Kamera und ein nicht allzu üppig bemessenes Preisgeld in zunehmender Weise erniedrigen zu lassen – dabei die Maxime aus Erich Kästners Epigramm missachtend:

Was auch immer geschieht:

Nie dürft ihr so tief sinken,

von dem Kakao, durch den man euch zieht,

auch noch zu trinken!

Mit der Privatisierung von Rundfunk und Fernsehen hat sich ein Wettlauf nach unten ergeben, der auf die öffentlich-rechtlichen Sender übergreift und dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. Laut einer Umfrage vom 7. August befinden 60 Prozent der Befragten, dass das Fernsehen dümmer geworden ist. Gleichzeitig sehen aber die Deutschen immer länger Fernsehen, darunter mit steigendem Anteil Alte und Arme.

Dabei wird zusehends die Menschenwürde außer Kraft gesetzt (wenn Z.B. Marietta Slomka im "heute journal" die Leichen der Söhne von Saddam Hussein in Grossaufname zeigt, Kai Pflaume in der "Glücksspirale" eine Frau, die sich vor Würmern ekelt, in eine Wanne mit ebensolchen setzt oder Ulla Kock am Brink Leute Dartpfeile auf den Rücken eines Mannes werfen lässt) und jedes Vorurteil bedient.

Ob Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit, Hetze auf Alte, Arbeitslose und Obdachlose - kanalübergreifend wird ein Menschenbild vermittelt, bei dem man sich im Grunde wundern muss, dass es nicht mehr Angriffe auf Marginalisierte gibt. Indem die Medien schlicht und einfach das liefern, was sich am Besten verkauft - und das scheint vor allem die Darstellung von Selbsterniedrigung und die Propagierung von Gier zu sein - kommt ihnen ein zentraler Platz in der Propaganda zur Sicherung und Stärkung sozialer Ungleichheiten zu.

Eine der wenigen Weisen, wie sich der Zuschauer gegen das Trashfernsehen wehren kann, ist über den vom Augustus Hofmann Verlag und dem Netzwerk kritischer Fernsehzuschauer ausgelobten "Preis der beleidigten Zuschauer" mit abzustimmen. Seit 1989 wird dieser alljährlich an Fernsehstars verliehen, so u.a. 2002 an Johannes B. Kerner, weil der nach dem Massaker in Erfurt einen offenkundig unter Schock stehenden Schüler vor die Kamera gezerrt hatte. Dieses Jahr nominiert sind z.B. Dieter Bohlen wegen diverser Unflätigkeiten á la "Du klingst, als ob du eine Klobürste im Arsch hättest" bei "Deutschland sucht den Superstar", der Neun Live-Moderator Robin Bade, der in seiner Sendung Kritiker seines Arbeitgebers als Vollidioten beschimpfte und Thomas Gottschalk, der in "Wetten dass" Bierdosen als "Hartz-IV-Stelzen" bezeichnete.

Unter meinestimme@telekwatsch.de kann man mittlerweile zum achtzehnten Mal über die schlimmste Beleidigung im deutschen Fernsehen abstimmen. Mehrfachnennungen sind möglich. Die Preisverleihung findet am 27. September in Rostock statt.

Allerdings bleibt die Frage, ob die kritische Aktion nicht eher den entgegengesetzten Effekt haben wird - insofern nämlich das Fernsehen schon längst nicht mehr nach qualitativen, sondern nur mehr nach aufmerksamkeitsökonomischen Kriterien agiert – und jede Preisvergabe steigert auch die Aufmerksamkeit.

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