Vietnamvergleiche

Peter Mühlbauer 01.09.2007

Bis letzte Woche waren Analogien des Irakkriegs mit dem Vietnamkrieg bei amerikanischen Konservativen ungefähr so beliebt wie Nazivergleiche. Nun hat Präsident Bush dieses Tabu gebrochen

Als die letzten amerikanischen Truppen 1975 fluchtartig aus Vietnam abzogen, da hinterließen sie ein Land verwüstet und ein anderes traumatisiert. Seitdem dient der Vietnamkrieg in den USA als Symbol – in Filmen wie Deer Hunter oder Rambo ebenso wie in Cartoon-Shows wie den Simpsons. Und während in Deutschland der Vietnam-Vergleich schon vor dem Einmarsch in den Irak gerne und häufig gezogen wurde (etwa durch Peter Scholl-Latour), da vermied man ihn in den USA anfangs nicht nur bei Fox, Ann Coulter und im Talk Radio, sondern auch bei den regierungskritischen Medien.

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Das hat sich seit letzter Woche geändert – und es war ausgerechnet Präsident George Bush, der den Bann endgültig brach: In einem von vielen Beobachtern als verzweifelt angesehenen Versuch, seine Irak-Politik zu verteidigen und einen Truppenabzug hinauszuzögern, beschwor er das "Blutvergießen" und das "Chaos", das angeblich dem Abzug aus Vietnam folgte. Im Besonderen nannte er dabei die "killing fields" und die "boat people".

Nun entstanden die "killing fields" aber nicht in Vietnam, sondern im benachbarten Kambodscha, das (ebenso wie Laos) durch völkerrechtswidrige amerikanische Bombardements in den Krieg hineingezogen wurde, worauf dort eine Gruppe an die Macht kam, die zwar Intellektuelle und Brillenträger durch Landarbeit ausrotten wollte, aber mit den in Vietnam siegreichen Kräften herzlich wenig zu tun hatte. So wenig, dass Vietnam sogar in Kambodscha einmarschierte und die Khmer Rouge in den Dschungel vertrieb – was wiederum von den USA als völkerrechtswidrige Besatzung gebrandmarkt wurde.

Ähnlich problematisch ist der Verweis auf die "boat people". Der Großteil von ihnen kam nicht – wie man vermuten würde – direkt nach dem Abzug 1975, sondern vor allem 1979. Und sie waren weniger freiheitsliebende Vietnamesen, die womöglich noch für die Amerikaner gearbeitet hatten, sondern ethnische Chinesen, die aufgrund des "Erziehungskrieges", den Vietnam 1979 mit China führte, Repressalien ausgesetzt waren und deshalb das Land verließen. Im Westen wurde das wenig bekannt – allerdings eröffneten die bald gut integrierten Flüchtlinge trotzdem weniger Vietnam- als China-Restaurants.

Begonnen hatten die USA den Vietnamkrieg aufgrund der so genannten "Domino-Theorie", der zufolge im Falle einer kommunistischen Machtübernahme – wie bei aufgestellten Dominosteinen – auch die Nachbarländer "umfallen" und so bald ganz Asien unter dem Einfluss Moskaus stehen würde. Die Theorie erwies sich gleich in zweierlei Hinsicht als falsch: Zum einen führte nicht in erster Linie die Machtübernahme in Vietnam, sondern die Ausweitung des Krieges zur Destabilisierung von Laos und Kambodscha, zum anderen zeigte sich bald, dass die Einigkeit der kommunistischen Länder eine Chimäre war, der man in Washington nicht weniger realitätsblind Glauben geschenkt hatte als in Moskau.

In anderen Bereichen, die Bush nicht erwähnt, erinnert der Irakkrieg dagegen tatsächlich ein bisschen an Vietnam: Richard Nixon etwa wurde 1968 deshalb gewählt, weil er groß hinausposaunte, er habe einen "Geheimplan" zur Beendigung des Krieges in Vietnam. Tatsächlich wusste er, dass der Kampf nicht mehr zu gewinnen war, zögerte aber zusammen mit seinem Außenminister Kissinger den Abzug noch gute sechs Jahre hinaus, um einen "ehrenhaften" Frieden zu erreichen.

Es scheint fast, als ob Bush sich mit seinen Vietnamvergleichen tatsächlich einmal in der deutschen Geschichte bedienen will. Nicht bei Hitler – Gott bewahre! Nein - bei der Dolchstoßlegende, die nach dem Ersten Weltkrieg genutzt wurde, um eine sichere – aber nicht totale – militärische Niederlage als "Dolchstoß" einer Regierung der "Novemberverbrecher" in den Rücken einer eigentlich unbesiegten Armee darzustellen. Immerhin standen im November 1918 ebenso wenig alliierte Truppen auf Reichsgebiet wie 1975 nord-vietnamesische Truppen in Hawaii oder anderswo auf amerikanischem Boden.

Doch Bush verblüffte mit seinen eigenwilligen Vergleichen nicht nur Historiker, sondern auch Literaturwissenschaftler: So bezog er sich auf die Graham-Greene-Erzählung "The Quiet American", aus der er den Satz "I never knew a man who had better motives for all the trouble he caused" zitierte. In der Erzählung geht es um die amerikanische Indochinapolitik in den frühen 1950er Jahren. Doch der Held ist nicht der mit dem von Bush zitierten Satz beschriebene Neocon-Gutmensch Alden Pyle, sondern der Noir-Held-artige, vermeintlich zynische britische Reporter Thomas Fowler. Er ist eine Art "der-stets-das-Böse-will-und-stets-das-Gute-schafft-Charakter", während es sich bei der von Bush gelobten Figur genau umgekehrt verhält. Aber vielleicht trifft das ja auch für Bush-Reden zu.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26100/1.html
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