»So, Freunde, hier ist jetzt alles egal«

23.09.2007

Uwe Boll versucht mit seinem neuen Film "Postal" eine Satire auf alles

Die Filme von Uwe Boll sind oft von einer hartnäckigen Impertinenz ihres Regisseurs geprägt, die in jeder Einstellung ein "Ist mir doch egal, was ihr denkt" transportiert. Mit "Postal" geht Boll nun zurück zu seinen "komödiantischen" Wurzeln und versucht die "Schere im Kopf" seiner Zuschauer zu beseitigen. Sein Ziel: jedes Tabu brechen aber impertinent bleiben.

Das Licht im Kinosaal wird gedimmt und ein Mitarbeiter des UCI Düsseldorf kündigt das Sneak-Preview zu einem besonderen Film und die Anwesenheit des Regisseurs dieses Films an. Uwe Boll tritt vor die Leinwand und beginnt einen kurzen Monolog über das, was in den folgenden zwei Stunden zu sehen sein wird. Er gibt sich bewusst bodenständig und reißt Zoten. Einige im Publikum lachen; andere, die Boll und seine Filme kennen, sind skeptisch. "Nach dem 11. September haben die Filmemacher eine Schere im Kopf", moniert er und schiebt als Anlass für seinen Film "Postal" vorweg, dass er "extrem angepisst über die Weltpolitik ist." Diese Stimmung habe ihn dazu veranlasst, mal mit allen Tabus aufzuräumen und eine Komödie zu drehen, in der jeder sein Fett wegbekommt – fast jeder.

Bilder: Kinostar

"Postal" erzählt vom arbeitslosen Dude (Zack Ward), dessen fettleibige Ehefrau ihn betrügt, der von der Sozialbehörde um seine Unterstützung geprellt, von Bettlern auf offener Straße angegriffen und von seinem Onkel Dave (Dave Foley) für kleine Gaunereien missbrauch wird. Dude will aus dem Ort, der passenderweise "Paradise" heißt, verschwinden. Dazu benötigt er jedoch die finanzielle Unterstützung von Dave.

Der ist nämlich Guru einer ortsansässigen Sekte, deren weibliche Mitglieder er sexuell missbraucht und die aktuell in Schwierigkeiten mit dem Finanzamt steckt, weil sie seit Jahren keine Steuern mehr abgeführt hat. Das Geld, das Dude und Dave benötigen, wollen sie sich bei einem Raubzug verdienen. Dave hat nämlich herausgefunden, dass ein beliebter Merchandising-Artikel, die penisförmige Puppe Krotchy-Doll, eben auf den Markt geworden wurde und ein Schiffsfrachter aus China, der neue Puppen liefern sollte, gesunken ist. Nur einige Kisten konnten gerettet werden und diese sollen ausgerechnet in Paradise im Vergnügungspark "Little Germany" der Öffentlichkeit übergeben werden.

Für die Puppen interessieren sich aber auch die Taliban. Die haben nämlich – zusammen mit Osama bin Laden (Larry Thomas) – in Paradise dank der freundschaftlichen Beziehung zu George W. Bush (Brent Mendenhall) Unterschlupf gefunden. Sie wollen die Krotchy-Dolls stehlen, mit einem Vogelgrippe-Virus versehen und so unters Volk bringen. Bei der feierlichen Veröffentlichung der Puppen-Ladung treffen nun Dave, Dude und einige weibliche Sektenmitglieder auf die Taliban. Alle sind gut bewaffnet und richten ein Massaker an. Als Dave sich bereits als Sieger des Kampfes sieht, muss er erfahren, dass sich seine Sektenmitglieder gegen ihn verschworen haben und die Puppen selbst dazu missbrauchen wollen, die Apokalypse auszulösen. Nur mithilfe des mittlerweile unerschrockenen Dude kann es gelingen, den Weltuntergang zu verhindern und vielleicht noch mit etwas Kapital aus der Sache zu kommen.

Witzigkeit kenn keine Grenzen?

Was beim Blick auf die obige Plotzusammenfassung reichlich hanebüchen wirkt, ist es auch. Boll nutzt diesen Plot, der sich äußerst grob am hierzulande indizierten Computerspiel "Postal" orientiert, um in episodenhaftem Stil Witze zu reißen. Diese Witze richten sich angeblich gegen alle und alles: Boll persifliert mehrfach die NS-Zeit (die Gags in seinem "Little Germany"-Vergnügungspark reichen vom Tragen von Hakenkreuzabzeichen und aufgeklebten Hitler-Bärtchen aller Anwesenden bis hin zu Attraktionsschildern, auf denen "Concentration Camp Playground" steht), macht sich über die Opfer des 11. September lustig (Boll: "Warum, die meisten sind doch tot?"), verspottet Juden, Araber, Asiaten, Schwarze, Obdachlose, Behinderte, gibt sich sexistischen Frauendarstellungen hin, lässt Kinder, Rollstuhlfahrer und Besucher eines Sozialamtes im Kugelhagel sterben und zieht den Entwickler des "Postal"-Games, Vince Desiderio, durch den Kakao.

"Postal" ist keineswegs Bolls erster Versuch eine Komödie zu drehen. 1990 lieferte der häufig als schlechtester Filmemacher der Welt apostrophierte Regisseur mit "German Fried Movie" sein Debüt ab. Der Episodenfilm versuchte das Konzept von John Landis’ "The Kentucky Fried Movie" (USA 1977) zu imitieren und dabei die deutsche TV-Landschaft aufs Korn zu nehmen. Für "German Fried Movie" interessierten sich damals jedoch weder die Verleiher noch die Zuschauer; der Film verlief aufgrund seiner amateurhaften Machart und der völlig unkomischen Satire-Sequenzen nach wenigen Wochen im Sande. "Postal" hat jedoch nicht nur das Genre mit "German Fried Movie" gemeinsam. Beide Filme verfügen über einen ähnlichen Aufbau und Humor und in beiden Filmen sieht ihr Macher sich als verkanntes Genie – eine Sichtweise der Boll durch Cameo-Auftritte sowohl in "German Fried Movie" als auch in "Postal" Gültigkeit zu verschaffen hofft.

"Ich finanziere meine Filme mit Nazi-Gold."

In "German Fried Movie" besucht Boll während einer Episode eine Preisverleihungsgala, in der "Manta – Der Film" prämiert wird. Boll, der als "Danger Seeker" agiert und sein Kameramann stürmen auf die Anwesenden ein, fragen eine Schauspielerin, ob sie durch Sex mit dem Produzenten an die Rolle gekommen sei und versuchen die Veranstaltung durch Störung und lautstark geäußerte Provokationen zu unterbrechen. Was zunächst wie eine dokumentarische Realsatire wirkt, bekommt einen anderen Geschmack, wenn man in Bolls Buch "German Fried Movie / Barschel – Mord in Genf oder Wie man in Deutschland Filme drehe muss" liest, welchen Groll der Regiedebütant damals (und nach eigener Aussage auch heute noch) auf die Filmlandschaft in Deutschland hatte.

Boll war von allen Filmhochschulen abgelehnt worden, sämtliche seiner Filmförderanträge waren gescheitert, Verleiher wollten nichts von seinem Film wissen und auch als Praktikant bei Fernsehsendern konnte er nicht Fuß fassen. Erst durch trickreiche Fälschungen von Presseausweisen und Anmaßung von Redakteurs-Posten wurden ihm die Türen geöffnet. Das alles hat ihn nicht etwa zu der Erkenntnis geführt, dass es vielleicht an ihm und seinem Talent liegen könnte, wenn er nicht vorankam, sondern daran, dass die Medienbranche in Deutschland eben korrupt und ahnungslos ist. Aber zurück zu "Postal"

Dieser wartet mit einer ganz ähnlichen Cameo-Szene auf. Kurz bevor die lang ersehnten Puppen der Öffentlichkeit präsentiert werden, tritt Boll als er selbst in bayrischer Volkstracht auf die Bühne, stellt sich einem dort wartenden Journalisten als "Uwe Boll" vor und möchte die Gelegenheit nutzen, etwas über sich, seine Filme und seine Budget-Politik loswerden: "Ja, ich finanziere meine Filme mit Nazi-Gold", sagt er höhnisch in ein Mikrofon und steckt ein wenig später einem extra für die Show bestellten Prominenten (Verne Troyer) ein paar Goldzähne als Gage zu. Worauf Boll damit anspielen will, dürfte denjenigen, die die Debatten um ihn und sein Werk kennen, klar sein: Die "Boll Kino Beteiligungs GmbH & Co. KG" hatte ihre Filme in den USA mit Medienfonds (so genanntem "Dumb German Money") finanziert – ein für deutsche Unternehmer rentables Abschreibungsgeschäft, das bei im Ausland produzierten Filmen deutsche Steuergelder verschwendet (zumal, wenn es solche Verlustprojekte, wie einige Filme Bolls sind).

"Jetzt ist mir alles scheißegal"

Die Frage ist nun, warum sich Uwe Boll in den beiden hier genannten Filmen überhaupt vor die Kamera begibt. In "German Fried Movie" – das kann man aus jeder Zeile seines dazugehörenden Buches herauslesen – ist es Rachsucht gegenüber denjenigen, die bekommen haben, was er gern hätte: Erfolg und Geld. Nun mag man sich zwar darüber streiten, ob ein Werk wie "Manta – Der Film" den Erfolg verdient hat, der ihm zuteil wurde. An dem Maßstab, den Boll selbst aufstellt, ist er jedoch unzweifelhaft abzumessen: Kassenumsatz. Während Boll penibel darüber Auskunft gibt, dass sein "German Fried Movie" nur ein paar Tausend Besucher in die Kinos lockte (die Besucherzahlen, gibt er freimütig zu, hat er dann bei der Suche nach weiteren Verleihern, nach oben gefälscht) bis er endgültig von der Bildfläche verschwand, hatte Peter Timms Komödie beinahe 900.000 Besucher. Für Boll ist das kein Gradmesser des Publikumsgeschmacks, sondern allein ein Beleg dafür, dass die deutschen Verleiher "keine Ahnung von guten Filmen haben."

In "Postal" versucht Boll durch den Nazi-Gold-Witz seinen Kritikern im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen: Wer ihm jetzt noch mit dem Finanzierungsvorwurf kommt, dem kann er Unoriginalität entgegenhalten. Und denjenigen Kritikern, die in seinen Computerspiel-Adaptionen (Boll hat bereits sechs Spiele als Grundlage für Filme benutzt und adaptiert bereits die nächsten) vorwerfen, unoriginell und schlecht inszeniert zu sein, schiebt er in der selben Szene noch nach: "Ich hasse Video-Games!" – kurz nachdem ihn der Entwickler des "Postal"-Spiels auf der Bühne anschreit "Was hast du aus meinem Spiel gemacht?" und in eine Schlägerei verwickelt. Boll will sich also offenbar gegen Kritik panzern und begibt sich durch sein Cameo auf eine Meta-Ebene, auf die ihm seine Kritiker augenscheinlich nicht mehr folgen können, ohne die ästhetische Ebene des Films zu verlassen. Ob man sich auf dieser Meta-Ebene allerdings nicht auch einmal über die seit "German Fried Movie", dem Buch dazu und den oft mehr als peinlichen öffentlichen Auftritten Bolls, unverkennbare narzisstische Attitüde unterhalten sollte, wäre noch eine andere Frage.

Na(r)zis(s)mus oder "equal opportunity"?

Eine ästhetische Kritik von "Postal" ist dennoch oder gerade deshalb keineswegs ausgeschlossen, weil man als Zuschauer ja zum Glück nicht vom Autor/Regisseur gezwungen werden kann, seiner Sehanleitung zu folgen. "Postal" ist filmisch weitestgehend misslungen – sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene. Boll besitzt kein Gespür für Timing, das hat man bereits bei "Alone in the Dark" oder "House of the Dead" mit ansehen müssen. Die Action-Sequenzen sind über die Maße lang geraten, die Schießereien erinnern in ihrer Statik oft mehr an Jahrmarktsbuden-Ballereien. Als Komödie ist "Postal" nicht in der Lage, die notwendige Fallhöhe herzustellen, die als Vorbereitung auf eine Pointe unabdingbar wäre. In einer einzigen Szene (jener, die wohl bewusst deshalb als Teaser seit ein paar Wochen durch das Internet geistert und sogar die Zeitschrift Titanic zu Lob veranlasst hat) gelingt ihm dies. Der Rest des Films zerrt einfach Plattitüden, die Boll als "politisch unkorrekt" annimmt, vor die Kamera und formuliert sie aus. Das ist ungefähr so witzig, wie allen Obdachlosen zu raten: "Geht mal arbeiten, ihr faulen Schweine! Euer Uwe Boll" (so notiert in einem Autogrammbuch)

Überhaupt scheint die "equal opportunity"-Agenda, die Boll für seinen Film proklamiert, auf dem rechten Auge blind zu sein. Die Szenen im "Little Germany"-Freizeitpark quellen zwar über vor Nazi-Zoten, deren Stoßrichtung scheint sich jedoch eher auf das Tabu, nicht über die NS-Zeit lachen zu dürfen, zu konzentrieren. Vor der Vorführung fragte Boll sich selbst noch genervt: "Wie viele Sophie-Scholl-Filme sollen denn noch gedreht werden?" und quittiert die Frage gegen Ende von "Postal" mit einem Konsens-Judenwitz, bei welchem sich alle verfeindeten Parteien des Films gestehen, dass sie als Gemeinsamkeit hätten, "die Juden" zu hassen. Auch damit greift Boll in eine Kiste, aus der er schon die rechtspopulistischen Gags in "German Fried Movie" gezogen hatte. Damals hatte er Bedenken "den Judenspott ‚American Exzess’" einem potenziellen Verleiher von Warner vorzuspielen – nicht aus Rücksicht auf den guten Geschmack, sondern, weil er aufgrund des Nachnamens glaubte, der Warner-Mann sei Jude und würde dann seinen Film nicht mehr in den Verleih nehmen.

Solche Bedenken hat Boll bei "Postal" nicht mehr, denn er versucht ja derzeit seinem Film ein unübersehbares Augenzwinkern vorauszuschicken. Damit und mit der Streichung der angekündigten Pressevorführungen (nachdem sich laut Aussage einer Verleih-Mitarbeiterin bei den wenigen stattgefundenen die Journalisten "gegenseitig runter gezogen haben") versucht Boll im Vorfeld (s)eine Sichtweise auf "Postal" verbindlich zu machen. Nun reist er also durch Deutschland und leitet seinen Film persönlich auf Sneak-Previews ein, um seine Intentionen bloß korrekt transportiert zu wissen. Dumm nur, wenn man sich auf die Sehanleitungen des Regisseurs nicht einlässt und "Postal" trotzdem als ästhetische Katastrophe und rechtspopulistisches Boll-Werk wahrzunehmen erlaubt.

Quelle: Uwe Boll: German Fried Movie & Barschel-Mord in Genf. Oder: Wie man in Deutschland Filme drehen muss. (Mit Anmerkungen von Frank Lustig). Leverkusen: Mañana-Verlag 1992.

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