Klimaerwärmung: Gibt es einen Konsens der Wissenschaftler?

Florian Rötzer 04.09.2007

Konservative Klimaskeptiker gehen von einer verschwörerischen Klimalüge aus und glauben, einen erneuten Beweis für einen fehlenden Konsens gefunden zu haben

Erst kürzlich konnten Klimaskeptiker, die meist aus konservativen Kreisen stammen, einen Erfolg vermelden, weil die Daten der Messstationen in den USA aufgrund der Umstellung eines Berechnungsverfahrens seit ein paar Jahren nicht ganz richtig gewesen waren (Kleine Fehler sorgen für hitzige Debatte). Das Goddard Institute for Space Studies (GISS) der Nasa korrigierte die Daten für die Lufttemperaturen, wodurch sich die Liste der zehn wärmsten Jahre in den USA seit Beginn der Messungen veränderte und das wärmste Jahr nicht mehr 1998, sondern 1938 war. Jetzt kursiert unter den konservativen Bloggern, die es schon immer gewusst haben, eine weitere Meldung, die gerne aufgenommen wird, weil sie erneut die Vertreter der durch Menschen verursachten Klimaerwärmung der Ideologie, des Schwindels oder gar einer Verschwörung bezichtigt.

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Irgendwie hegt man in manchen konservativen und evangelikalen Kreisen vor allem der USA die Überzeugung, dass die Behauptung, die Klimaerwärmung würde entscheidend durch vom Menschen in die Atmosphäre abgegebene Treibhausgase verursacht werden, eine Art von Verschwörung mit antiamerikanischer Ausrichtung sei. Die Bush-Regierung hat, weil sie befürchtete, dass die USA als weltweit größter Treibhausgasemittent durch Verpflichtungen zur Reduzierung wirtschaftlichen Schaden erleiden würden, lange Zeit versucht, die wissenschaftlichen Ergebnisse in Frage zu stellen. Zudem wurde Druck auf Wissenschaftler ausgeübt, deren Texte teils überarbeitet und ansonsten nicht auf Reduzierung des Verbrauchs, sondern auf Entwicklung neuer Techniken gesetzt, um die Folgen der Technik zu kompensieren.

Obgleich die Bush-Regierung zumindest oberflächlich neue Töne angeschlagen und schon aus Gründen der Energiesicherheit den Erölverbrauch senken will, schießt der republikanische Senator James Mountain "Jim" Inhofe, der Vorsitzende der republikanischen Minderheit im Umweltausschuss, weiterhin mit allen Mitteln gegen die von ihm ausgemachte Klimalüge. Inhofe, der auch gerne die Bibel für seine politischen Äußerungen heranzieht, hatte etwa 2003, als die Stimmung nach dem 11.9. gerade günstig war für die Republikaner und Bush, angekündigt, er werde den Schwindel, dass die Klimaerwärmung auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sei, mit wissenschaftlichen Beweisen aufzeigen, weil sich in den letzten 100 Jahren keine nennenswerte Erwärmung ergeben habe.

Inhofe hatte schon einmal das US-Umweltministerium in einen Zusammenhang mit der Gestapo gebracht oder Umweltschützer mit den Nazis. Die von Menschen verursachte Klimaerwärmung sei der zweitgrößte Schwindel (hoax) nach der Trennung von Kirche und Staat. Irgendwie stecken dahinter die Liberalen und Linken, aber auch Hollywood, selbst die Popkultur wird dafür verantwortlich gemacht. Inhofe ist auch bekannt dafür, dass er gegen Abtreibung und Homosexualität ist, aber auch, trotz seines religiösen Hintergrunds, weil er sich eher über die Kritiker des Abu Ghraib-Folterskandals echauffiert hat als über die Folterer. Er war auch in einem wohl nationalen Verständnis des Christentums einer der wenigen Senatoren, die gegen das Antifolter-Gesetz gestimmt haben.

Inhofe betreibt auf der Website des Senatsausschusses einen Blog, in dem alles aufgegriffen wird, was gegen eine Beteiligung des Menschen oder auch überhaupt gegen eine Klimaerwärmung spricht. Der Senator ist auch Herausgeber der Publikation: A Skeptic’s Guide to Debunking Global Warming Alarmism. Hot & Cold Media Spin Cycle: A Challenge To Journalists who Cover Global Warming. Die Konservativen lieben die Medien nicht, weil sich hier ihrer Ansicht nach die Liberalen, manchmal auch mit den Kommunisten oder Linken gleichgesetzt, tummeln und sich gegen die richtige Politik verschwören. Kein Wunder also, dass auch begeistert ein Hinweis von einem Blogger auf einen noch nicht veröffentlichten Artikel eines gewissen Klaus-Martin Schulte aufgenommen wurde, nach dem die Mehrheit der Wissenschaftler angeblich nicht von der von Menschen verursachten Klimaerwärmung überzeugt ist und es damit keinen wissenschaftlichen Konsens gebe, wie er etwa vom IPCC in seinen Berichten unterstellt wird. Die konservative Blogger-Szene war ebenfalls davon getan, dass nun von einem Konsens innerhalb der Wissenschaftlergemeinde nicht mehr gesprochen werden könne und alles ein Schwindel sei.

Auf diesen angeblich bei der Zeitschrift Energy & Environment eingereichten Artikel war schon zuvor in einem vom klimaeerwärmungsskeptischen Science and Public Policy Institute (SPPI) veröffentlichten Artikel des britischen konservativen Journalisten und Wirtschaftsberaters Viscount Monckton of Brenchley hingewiesen worden. In dem bislang ebenso wie sein Autor geisterhaften Artikel wird die 2004 von der Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes in einem bekannten Science-Artikel gemachte Aussage bestritten, dass es einen wissenschaftlichen Konsens über den menschlichen Einfluss auf die Klimaveränderung gebe. Oreske hatte aus 928 Abstracts von Artikeln, die zwischen 1993 und 2003 in wichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind und mit dem Stichwort "globaler Klimawandel" in der ISI-Datenbank aufgelistet werden, versucht, den wissenschaftlichen Konsens über Klimaerwärmung zu eruieren. Das Ergebnis der Studie war, dass 75% der Wissenschaftler mit dem IPCC, der National Academy of Sciences und anderen wissenschaftlichen Organisationen übereinstimmen und überwiegend im- und explizit die Position vertreten, dass es einen Einfluss menschlicher Aktivitäten auf das Klima gibt. Und es gab keinen einzigen Widerspruch zu der vom IPCC 2001 gemachten Aussage, dass "sich wahrscheinlich ein Großteil der seit 50 Jahren beobachteten Erwärmung der Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen verdankt".

Wie sinnvoll diese von Oreske durchgeführte Beweisführung anhand von Abstracts ist, sei dahingestellt. Allerdings hatte das Ergebnis einige Wirkung und wurde daher auch auf- sowie angegriffen. Allerdings mussten Kritiker wie Benny Paiser ihre Widerlegung zumindest teilweise wieder zurücknehmen. Jetzt hat ein Klaus-Martin Schulte, der als Mediziner bezeichnet wird, das Thema noch einmal aufgerollt und, wie es heißt, 539 Abstracts von Artikeln aus wissenschaftlichen Zeitschriften durchgesehen, die zwischen 2004 und 2007 erschienen sind. Hier wurde angeblich ein Trend der Wissenschaftler hin zu den Skeptikern der globalen Erwärmung festgestellt. Es gäbe kaum Belege für einen Konsens im Hinblick auf "katastrophale" Klimaveränderungen (wovon freilich bei Oresme auch gar nicht die Rede war).

Nach Schulte würden nur 7% der Wissenschaftler dem Konsens explizit zustimmen (in den Abstracts wohlgemerkt), 45% würden dies explizit oder implizit machen. Nur ein Wissenschaftler beziehe sich auf einen "katastrophalen" Klimawandel. 1,3% würden den Konsens explizit, 6% explizit oder implizit zurückweisen. Schulte macht in seinem nicht veröffentlichten und nur kolportierten Artikel so die Feststellung, dass weniger als die Hälfte der Wissenschaftler jetzt die Konsensposition unterstützen würde. Das ist denn auch die Auswsage, die in vielen Blogs weitergereicht wird. Selbst wenn Schultes Analyse stimmen sollte, ist mit einer Ablehnung in Höhe von 6% kein großer Staat zu machen, weswegen zu einer Argumentation gegriffen wird:

In the present review, 32 papers (6% of the sample) explicitly or implicitly reject the consensus. Though Oreskes said that 75% of the papers in her sample endorsed the consensus, fewer than half now endorse it. Only 7% do so explicitly. Only one paper refers to "catastrophic" climate change, but without offering evidence. There appears to be little evidence in the learned journals to justify the climate-change alarm that now harms patients.

Klaus-Martin Schulte

Der Blogger von DailyTech, auf den sich der Blog des konservativen Senators wohlwollend bezieht, schreibt:

Auch wenn nur 32 Artikel (6%) die Konsensposition explizit zurückweisen, stellen die neutralen Artikel (48%), die sich weigern, die Hypothese entweder zu akzeptieren oder abzulehnen, den größten Teil dar. Das ist kein "Konsens".

Naomi Oreske hat auf die erneuten Vorwürfe aus den konservativen Kreisen bereits eine Entgegnung verfasst. Aber die ganze aufgeregte Diskussion um Positionen, die sich in Abstracts von wissenschaftlichen Artikeln finden lassen, mutet auf beiden Seiten ein wenig seltsam an.

Möglicherweise haben die Klimaskeptiker tatsächlich Aufwind, auch wenn sich ihnen nur relativ wenige Wissenschaftler vom Fach anschließen, vermutlich dürfte es aber sowieso schicker werden, eine Gegenmeinung zum Mainstream zu entwickeln, zumal die "Rebellen" auch gegen das moralische und wenig modernistische Gebot des Bewahrens aufbegehren und ein munteres "Weiter so!" propagieren. Allerdings haben die Wissenschaftler, die auf wirkliche Fehler der Klimaforscher aufmerksam machen, auch eine wichtige Rolle als wissenschaftliches Korrektiv. Ähnlich wie bei der Evolutionstheorie wird freilich die ideologische Debatte weitergehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26116/1.html
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