Wann ist ein Mann ein Mann?

In der Sportwelt herrscht Streit darüber, ob Laufprothesen unerlaubte technische Hilfsmittel sind

Der Fall des Leichtathleten Oscar Pistorius spaltet die Fachwelt. Der Südafrikaner hat zwei Unterschenkelprothesen – und ist ein Weltklasse-Sprinter. Pistorius geht mit Spezialprothesen an den Start, die nur in ständiger Bewegung zu balancieren sind. In den letzten zwei Jahren brach Pistorius einen Weltrekord nach dem anderen für behinderte Läufer. Das Ganze bliebe eine Randnotiz, würde Pistorius weiterhin nur bei den Paralympics starten wollen.

Aber der Läufer arbeitet auf eine Teilnahme an Olympischen Spielen hin. Experten und der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) sind unsicher: Sind die Prothesen, die Pistorius überhaupt erst das Laufen ermöglichen, technisch unerlaubte Hilfsmittel?

Prothesen von Oscar Pistorius

Spät, erst 2004, beginnt er als 17-Jähriger seine Sportler-Karriere, noch im selben Jahr gewinnt er das 200-Meter-Rennen bei den Paralympics in Athen. Seine schwarzen Karbonfaser-Schleifen tragen den Namen "Gepard". Mit ihnen hält Pistorius mit 46,34 Sekunden den Weltrekord in der Behindertenklasse T43 über 400 Metern. Mit dieser Zeit ist er ein ernsthafter Kandidat für die 4x400 Meter-Staffel seines Landes; der Olympiasieger von Athen, Jeremy Wariner, lief nur zwei Sekunden schneller. Zudem ist sich Pistorius sicher, dass er seine Zeiten weiter verbessern wird. Gerade die langen Sprintstrecken liegen ihm, hier findet er seinen Rhythmus auf den fragilen Karbonfasern besser.

Selbst innerhalb des IAAF ist man uneins: Entwicklungsdirektor Elio Locatelli befürchtet einen unfairen Vorteil durch die Prothesen, der Vorsitzende der medizinischen Kommission, Juan Manuel Alonso, sieht dagegen keine guten Argumente für ein Verbot. Der Generalmanager des südafrikanischen Olympischen Komitees, Leon Fleiser, beruft sich auf das Regelbuch: "Dort steht, dass ein Fuß in Kontakt mit dem Startblock stehen muss." Fleiser muss sich Unkenntnis vorwerfen lassen, denn nicht der Fuß, sondern zwei technisch hoch aufgerüstetes Hilfsmittel berühren den Startblock: die Schuhe.

IAAF Rule 144.2

Relates to the use of "technical aids" during competition.

This rule prohibits:

(e) Use of any technical device that incorporates springs, wheels or any other element that provides the user with an advantage over another athlete not using such a device.

(f) Use of any appliance that has the effect of increasing the dimension of a piece of equipment beyond the permitted maximum in the Rules or that provides the user with an advantage which he would not have obtained using the equipment specified in the Rules.

It is important to underline that the IAAF does not have, nor contemplate, a ban on prosthetic limbs, but rather technical aids.

The aim of the rule change is not an attempt to prevent disabled athletes from using any artificial limbs or competing against able-bodied athletes if they are good enough to do so. For this reason, the IAAF is now compiling research on the technical qualities of prosthetics.

Techno-Doping?

Deren Hersteller buhlen seit Jahren um die Gunst von Athleten und Freizeitsportlern mit dem Versprechen mehr zu schweben als zu laufen. Die bei der Zulassung von Prothesen befürchtete Materialschlacht ist längst in Gang, neben Spikes kommen spezielle Sohlen zum Einsatz. Die IAAF wehrte sich schon einmal gegen aus ihrer Sicht illegale Methoden: Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts traten einige Hochspringer mit einem Schuh an, der eine keilförmige, nach vorn bis auf fünf Zentimeter Breite anwachsende Sohle besaß. Der sogenannte Katapultschuh wurde verboten, die Sohlenstärke ist seither begrenzt.

Robert Gailey von der Universität Miami wirft der IAAF vor, weniger an fairen Spielen interessiert zu sein als vielmehr antiquierte Vorstellungen von der Reinheit des Sports zu haben. Man wolle weiterhin Sportler gewinnen sehen, die durch perfekte Körper glänzen.

Um der Diskussion eine physikalische Grundlage zu geben, hat das IAAF nun den Kölner Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann mit einer Expertise beauftragt. Er soll feststellen, ob sich Pistorius tatsächlich mit modernen Siebenmeilenstiefel fortbewegt. Sollte beispielsweise die Schrittlänge des Südafrikaners in vollem Lauf über jede bekannte eines nichtbehinderten Sportlers hinausgehen, dürfte das IAAF sich bestätigt sehen.

Brüggemann wird auch den Sauerstoffverbrauch messen, sollte dieser erheblich geringer sein dürfte dies vom IAAF ebenfalls als Hinweis auf ein unerlaubtes Hilfsmittel interpretiert werden. Geklärt werden muss auch die Frage, ob Pistorius einen Vorteil hat, weil seine Wadenmuskeln nicht übersäuern. Brüggemann startet erst jetzt mit den Versuchen, mit Ergebnissen ist nicht vor November zu rechnen.

Energiebilanz

Glaubt man dem Sportwissenschaftler Gailey, so liefert eine Prothese nur rund 80 Prozent der Energie, die ein Läufer in sie steckt, wieder zurück. Bei einem natürlichen Bein würde dies bis zu 240 Prozent sein.

"Rheo-Knee" der Firma Össur

Beim Hersteller der Prothesen von Oscar Pistorius, der isländischen Firma Össur, sieht man das ähnlich. Der Direktor der "Össur Akademie", Knut Lechner, sagt auf Nachfrage von Telepolis:

Die passiven Prothesenpassteile, zu denen auch die Sprint-Prothesen gehören, können maximal die eingebrachte Energie zurück geben, während der Mensch mit aktiver Muskelkraft arbeiten kann. Das heißt:Nnur wenn ein aktives Bauteil wie ein Motor eingebaut würde, kann die Prothese mehr Energie ausstoßen als eingewirkt hat.

Aber die Prothetik entwickelt sich. Össur führt neuerdings ein prozessorgesteuertes Knie, das durch den Einsatz einer viskosen, magnetorheologischer Flüssigkeit die Widerstände bei der Schwung- und Standphase steuern kann. Das bionische, etwa 23 Zentimeter lange Gelenk wurde zusammen mit Hugh Herr vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt. Wird die Flüssigkeit in dem Knie einem magnetischen Feld ausgesetzt wird sie zu einem halbfesten Material mit regulierbarer Fließfestigkeit. Mit einer Rate von 1.000 Signalen pro Sekunde erkennt das künstliche Knie die jeweilige Laufphase und richtet den optimalen Gelenkwiderstand darauf ein. Der Hersteller schreibt: "Die Reaktionszeiten sind mit dem Verhalten menschlich-neurologischer Reaktion zu vergleichen."

Erste Weitspringer haben schon jetzt vom gesunden Bein auf die Prothese als Absprungeinheit gewechselt. Es braucht keine blumige Fantasie, um die weitere Miniaturisierung und Perfektionierung prothetischer Hilfsmittel vorherzusagen, die in nicht allzu ferner Zukunft dem behinderten Techno-Anwender einen physikalisch messbaren Vorteil gegenüber seinen Mitbewerbern verschaffen. Die Grenzziehung zum "unerlaubten Hilfsmittel" ist damit aber noch lange nicht einfach. Schon heute dürfen Sportschützen Brillen, aber keine Ferngläser tragen. Die sensible Diskussion um den Einlass der dann nicht mehr "Behinderten" in den internationalen Spitzensport steht am Anfang.

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Vielen Dank!
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