Gesundheit und soziale Schicht

06.09.2007

Erstmals liegen für ein Bundesland detaillierte Erkenntnisse zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen vor. Die sozialen Ursachen und Folgen spielen dabei eine wichtige Rolle

Im Rahmen des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS) hat das Robert-Koch-Institut von Mai 2003 bis Mai 2006 insgesamt 17.641 Jungen und Mädchen in 167 Städten und Gemeinden befragt, medizinisch untersucht und ihre Lebensumstände eingehend analysiert. Ziel des bis dahin beispiellosen Unternehmens ist die Erfassung und Dokumentation grundlegender Daten zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, aber auch die Weitergabe der Ergebnisse "an die Politik, die Fachwelt und die allgemeine Öffentlichkeit".

Letzteres ist im Februar dieses Jahres bereits geschehen, aber erst jetzt liegen umfassende und repräsentative Erkenntnisse vor, mit deren Hilfe die Situation eines einzelnen Bundeslandes genauer eingeschätzt werden kann. An der regionalen Modulstudie Schleswig-Holstein nahmen 1.931 Kinder und Jugendliche (962 Mädchen, 969 Jungen) im Alter von 11 bis 17 Jahren teil. Neben den medizinischen Aspekten standen auch hier Fragen nach der sozialen Situation, den persönlichen Lebensumständen, dem psychischen Befinden und dem Migrationshintergrund im Mittelpunkt, der bei der Analyse erstmals eine wichtige Rolle spielte, in Schleswig-Holstein aufgrund des vergleichsweise geringen Migrantenanteils aber nicht sonderlich zum Tragen kam.

Im dem nördlichen Bundesland, in dem der Anteil von Kindern und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung 18,8 Prozent beträgt, ist die Säuglingssterblichkeit in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken und gleichzeitig die allgemeine Lebenserwartung von Kindern und Jugendlichen gestiegen. Dabei unterscheidet sich die "Todesursachenstruktur" nicht grundlegend von den bislang bekannten Werten, doch zivilisatorische Einflussfaktoren sind insofern unverkennbar, als ausgerechnet in dem ländlich geprägten Gebiet der Anteil verletzter und getöteter Kinder unter 15 Jahren im Straßenverkehr "deutlich" über dem Bundesdurchschnitt liegt. Das gilt auch für die Rate der Schul- und Schulwegunfälle.

Kindheit und Schule

Wie die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinflusst wird, zeigt sich allerdings nur bedingt durch die Auflistung von Unfall- und Kriminalstatistiken oder natürlichen Krankheiten, obwohl auch diese nicht selten auf soziale, ökonomische oder ökologische Ursachen zurückgeführt werden können. Für die gesellschaftliche Standortbestimmung ist allerdings die Frage wichtiger, ob und inwieweit der soziale Status eines jungen Menschen seine Bildungs- und Karrierechancen und darüber hinaus sein körperliches Wohlbefinden beeinträchtigt.

In Schleswig-Holstein hat jede dritte Familie mit Kindern unter 18 Jahren weniger als 2.000 Euro Nettoeinkommen zur Verfügung, jede zehnte muss mit 900 bis 1.300 Euro auskommen. Für die Kinder und Jugendlichen entstehen daraus nicht nur finanzielle Probleme.

Bereits im Kindesalter resultieren aus dem Aufwachsen in einem Haushalt mit finanziellen Engpässen zahlreiche Einschränkungen: Die Kinder leben in kleineren und schlechter ausgestatteten Wohnungen, ihr Wohnumfeld bietet weniger Spiel- und Freizeitmöglichkeiten, sie fahren seltener in den Urlaub, erhalten weniger Taschengeld und können sich kostspielige Kleidung, Hobbys, Freizeitmittel und -aktivitäten oftmals nicht leisten. Angesichts des allgemein hohen Wohlstands nehmen sie ihre eigene unterprivilegierte Lebenssituation besonders stark wahr. Eine benachteiligte Lebenslage in der Kindheit kann nachhaltige Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Heranwachsenden haben.

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein

Die Autoren der Studie legen allerdings Wert auf die Feststellung, dass es sich hier nicht um eine abschüssige Einbahnstraße handelt.

Die Eltern können dem entgegensteuern, wenn es ihnen trotz knapper finanzieller Ressourcen gelingt, ein positives Familienklima herzustellen und den Kindern Entwicklungs- und Erfahrungsanreize zu schaffen. Ebenso können positive Erfahrungen im Kreis von Freunden und Mitschülern dazu beitragen.

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein

De facto scheint ein positives Familienklima jedoch nichts daran zu ändern, dass Kinder aus Familien "mit niedrigem Bildungsstand oder Migrationshintergrund" schon in jungen Jahren deutlich geringere Chancen auf eine Förderung durch fachliche Betreuung – etwa in Form von Kita-Plätzen - haben und dadurch "ein deutlich höheres Risiko für Schwierigkeiten in ihrer Schullaufbahn" entsteht. Ihnen fehlen nicht selten wichtige Bildungsvoraussetzungen und Sprachkompetenzen, die sich in den folgenden Jahren nicht nur auf die Berufsperspektiven negativ auswirken.

Der Besuch eines Gymnasiums geht ebenfalls mit einem höher berichteten subjektiven Wohlbefinden einher als der Besuch anderer Schulformen. (...) Eine Tendenz zu geringerem subjektiven Wohlbefinden ist bei niedrigerem Sozialstatus erkennbar, insbesondere bzgl. des schulischen Wohlbefindens.

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein

Kein Wunder also, dass sich in Folge dieser Umstände zunehmend auch psychische Auffälligkeiten bemerkbar machen. Insgesamt waren 28,4 Prozent der 11- bis 17-Jährigen von mindestens einem der Problembereiche "Emotionale Probleme", "Hyperaktivitätsprobleme", "Verhaltensprobleme" und "Probleme mit Gleichaltrigen" betroffen. Die Unterschiede nach sozialem Status und Schultyp halten die Autoren der Studie für "erheblich", Verhaltensprobleme und Probleme mit Gleichaltrigen treten bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit geringerem sozialem Status überdurchschnittlich häufig auf.

Tabak-und Drogenkonsum

Der soziale Status der Kinder und Jugendlichen hat allerdings noch unmittelbareren Einfluss auf die gesundheitliche Konstitution. So kann die Studie am Beispiel des Tabak- und Drogenkonsums direkte Zusammenhänge nicht nur vermuten, sondern prozentual nachweisen.

In Schleswig-Holstein rauchen insgesamt 22,3 Prozent der 11- bis 17-Jährigen, die aus Familien mit niedrigem sozialem Status kommen, im Mittelstand sinkt ihr Anteil auf 17 Prozent und bei Familien mit hohem sozialem Status und gesichertem Erwerbseinkommen auf 14,5 Prozent. Aus dieser Gruppe halten sich folglich nur 11,2 Prozent täglich in verrauchten Räumen auf, während ihr Anteil mit sinkendem sozialen Status auf 24,7 beziehungsweise 39,6 Prozent ansteigt.

Beim Drogenkonsum – neben Alkohol wurde unter anderem nach der Bekanntschaft mit Cannabisprodukten, Ecstasy, Amphetaminen oder Speed – gefragt, zeigten sich übrigens "keine signifikanten Unterschiede". Wenn eine Tendenz ablesbar ist, deutet sie sogar eher in die entgegengesetzte Richtung. Nach Einschätzung der Autoren haben Jugendliche aus Familien mit hohem Sozialstatus "etwas häufiger Drogenerfahrungen" als ihre weniger begüterten Altersgenossen.

Ernährung

In kaum einem anderen Untersuchungsbereich zeigt sich deutlicher, wie unmittelbar die familiäre Herkunft, das soziale Umfeld und die persönlichen Lebensgewohnheiten die Gesundheit eines Menschen positiv oder negativ beeinflussen. Dass die durchschnittlichen Verzehrmengen von Brot und anderen Getreideprodukten, Obst, Gemüse, Fisch und Hülsenfrüchten nicht den Empfehlungen von Gesundheitsexperten entsprechen, mag ebenso wenig überraschen wie der Umstand, dass Cola und Limonadegetränke beliebter sind als Wasser oder Tee. Ernährungsgewohnheiten sind in hohem Grade altersabhängig, aber gleichzeitig aussagekräftige Spiegel der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Das gilt auch und gerade im Kindes- und Jugendalter.

Bei den 11- bis 13-jährigen Mädchen sind statistisch bedeutsame Unterschiede beim Konsum von Fleisch/Wurst (mehr bei Mädchen mit niedrigem Sozialstatus) sowie von Milch und Milchprodukten (mehr bei Mädchen mit hohem Sozialstatus) zu beobachten. 14- bis 17-jährige Mädchen mit hohem Sozialstatus essen signifikant weniger Beilagen (Kartoffeln, Reis und Nudeln) und Fleisch/Wurst, dagegen signifikant mehr Obst als gleichaltrige Mädchen aus Familien mit niedrigem sozialem Status. Auch bei den Jungen zeigen sich unterschiedliche Verzehrsmengen nach Sozialstatus. So konnte bei den Jüngeren ein signifikant höherer Konsum von Obst bei Jungen mit hohem Sozialstatus ermittelt werden. (...) 14- bis 17-jährige Jungen mit niedrigem Sozialstatus essen mehr Beilagen als gleichaltrige Jungen aus den höheren Statusgruppen. Diese trinken dagegen signifikant mehr empfohlene Getränkesorten.

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein

Dass es hier nicht darum geht, den Chips- oder Müsliverbrauch nach sozialen Gruppen zu verteilen, liegt auf der Hand. Schließlich können sich die Ernährungsgewohnheiten in Form von Beeinträchtigungen des persönlichen Wohlbefindens über Rücken-, Magen oder Gelenkschmerzen bis hin zu chronischen Erkrankungen direkt auf den Gesundheitszustand auswirken. Das Beispiel der vermeintlichen Zivilisationskrankheit Adipositas (Fettleibigkeit), für die neben einer möglichen genetischen Disposition vor allem Ernährungsfaktoren sowie mangelnde körperliche Bewegung und psychische Einflüsse verantwortlich gemacht werden, zeigt deutlich, dass allgemeine, historisch oder technisch bedingte Veränderungen im Lebenswandel nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betreffen. Zwar sind in Schleswig-Holstein mittlerweile 11,3 Prozent der Mädchen und 10,8 Prozent der Jungen übergewichtig oder adipös – der Anteil von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem sozialen Status ist allerdings rund drei Mal so hoch wie der ihrer Altersgenossen.

Vergleiche

Was für Schleswig-Holstein repräsentativ ist, muss es nicht für das gesamte Bundesgebiet sein. Und tatsächlich halten die Autoren des Robert-Koch-Instituts die möglichen Ursachen von Unterschieden in der Häufigkeit gesundheitsbezogener Merkmale für "grundsätzlich vielschichtiger Natur". Selbst die nun ermittelte Unzahl von Daten, Fakten und Statistiken könne den Grund für die Differenzen zwischen manchen Länder- und Bundesdaten "nicht sicher" ermitteln, insofern sei beim Versuch einer Ursachenerklärung "Zurückhaltung geboten".

Wer die aktuellen Ergebnisse unvoreingenommen betrachtet, wird allerdings auch kaum auf den Gedanken kommen, etwa aus dem Umstand, dass in Schleswig-Holstein 75,9 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen angaben, in den letzten drei Monaten Schmerzen gehabt zu haben, während es in ganz Deutschland 77,6 Prozent waren, besondere Rückschlüsse auf die Qualität der Gesundheitspolitik im hohen Norden zu ziehen. Denn dann müsste umgekehrt auch das Faktum zu denken geben, dass 53 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren zu Protokoll gaben, in den letzten sieben Tagen mindestens ein Arzneimittel angewendet zu haben, während bundesweit nur 47 Prozent zur Hilfe von Medikamenten griffen.

Für "Politik, die Fachwelt und die allgemeine Öffentlichkeit" ergibt sich ein sehr viel interessanterer Ansatz. Zeigt doch die aktuelle länderbezogene Auswertung im Detail, wie der soziale Status die gesundheitliche Entwicklung eines Menschen beeinflussen kann. Das ist zweifelsohne keine neue Erkenntnis, aber sie besagt in diesem Zusammenhang mehr als die schlagzeilenträchtige Behandlung des Themas, die seit Jahren von der Beeinträchtigung des individuellen Wohlbefindens, des Krebsrisikos, der Gefahr schwerer Herz- und Kreislauferkrankungen oder der Lebenserwartung durch Herkunft, Familie und soziales Umfeld berichtet.

Die regionale Modulstudie des KIGGS zeigt die soziale Deklassierung in kleinen Schritten – vom fehlenden Kita-Platz und schlechter Ärzteversorgung über Schul- und Freizeiterlebnisse bis hin zu Krankengeschichten und Mortalitätsraten. Von hier aus können – sofern das gewollt und gewünscht ist - durchaus Handlungsoptionen für die Sozial- und Gesundheitspolitik auf Landes- oder Bundesebene ermittelt werden. Grundsätzlich wäre allerdings eine noch weitergehende Ausdifferenzierung wünschenswert, um die Situation in den verschiedenen Städten und Gemeinden eingehender analysieren und die Kommunalpolitik stärker mit einbinden zu können.

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