Grenzenlos nah

09.09.2007

Drei Hollywood-Produktionen rücken mit ihren Katastrophen-Szenarien nahe an ihre Zuschauer heran. Der dokumentarische Blick kommt im Mainstream an

Kein Wunder, dass Roland Emmerich mit 10,000 B.C. sehr weit nach hinten in der Menschheitsgeschichte geht. Seine Filme haben spätestens mit Independence Day das Feldherrenhügel-Kino wiederbelebt. Hautnah werden seinen Filme nicht einmal, wenn der Vater seinen Sohn in einer tiefgefrorenen Bibliothek wieder findet. Mussten sie vergangenes Jahrhundert auch nicht sein: Die Aufgabe der Filme war pures Entertainment. Wenn Katastrophen wie etwas zu groß geratene Echsen in New York oder Volksaufstände im Parallel-Ägypten auf der Leinwand tobten, schmeckte das Popcorn. Damit sind diese Streifen von gestern.

Merklich öffnen sich neue Sichtweisen für das Mainstream-Kino, die ihre Anleihen aus Horrorfilm und ihre Kameraführung aus Projekten wie dem Blair Witch Project holen. Was in The Last Winter noch wie ein klaustrophobisches Kammerspiel daher kommt, nähert sich in Right at your Door beklemmend. Was wäre, wenn die großen Katastrophen, beispielsweise eine Naturkatastrophe oder die Explosion der Bombe über Los Angeles, nicht wie in Terminator III aus der Vogelperspektive zu sehen wäre? Brad und Lexi haben keine Verbindung mehr zur verseuchten Außenwelt. Und die Zuschauer haben ihre Allwissenheit verloren. Sie bleiben mit den Protagonisten am Ort des Geschehens gefesselt.

Last Winter

"Lost"-Produzent J.J.Abrams spitzt dieses Wahrnehmungsverfahren noch weiter zu und dreht einen Monsterfilm im Stil eines YouTube-Videos. Die verwackelte Kamera fängt Partybilder ein und bleibt das einzige Auge, das die Zerstörung einer Stadt aufzeichnet. Konsequenterweise verweigert sich der Film aller Vorabinformationen. Nicht-Wissen gehört zum ästhetischen Kalkül des Films. Die dadurch höhere Komplexität in der Rezeption trägt einem Vermarktungsprinzip Rechnung, das Steven Johnson als Konsequenz der medialen Mehrfachverwertung sieht. Was nicht bei einem ersten Sehen komplett entschlüsselbar ist, kann sich Chancen auf dem DVD-Markt ausrechnen.

Klar ist, dass nicht alle Filme diesen Schwenk brauchen. Es gibt natürlich weiterhin Evan Almighty. Hier fehlt der Abstand zu Bambi-Filmen, um wirklich als Satire ernst genommen zu werden oder mit der genannten Stimmung Nähe zu erzeugen. Solche Filme wenden sich auch eher an grölende Achtjährige.

Abseits vom Modischen des Sichtweisenwechsels und dessen besserer Verwertung drängt sich aber bei diesen Filmen noch eine andere Leseart auf. Formuliert man sie, klingt sie schon zu dick aufgetragen. Aber sie ist gut zu sehen, nimmt man ihre Spuren in den Bildern auf. Ein Hinweis auf den angeblichen Krieg gegen den Terror mit seinen Nahaufnahmen von Gewalt klingt ausgelatscht. Aber diese Bilder haben die auffällige Distanzlosigkeit ermöglicht. Die USA fühlen sich im Krieg. Direkt und auf eigenem Territorium, medial präsent und verzweifelt wie in der Endphase von Vietnam. Gewalt und der Einfluss auf die eigene Person verlieren dabei an Distanz, je mehr Bürger unter Waffen stehen. Aber auch die von Al Gore angeregte Einsicht, die eigene Welt über Abgase zu zerstören, lässt globale Themen sehr persönlich werden. Jeder ist Schuld. Jeder ist betroffen.

In The Last Winter rächt sich die Natur und das Verderben in Right at your Door verschafft sich durch die Atemwege Eintritt. Was waren das noch für Zeiten, als Will Smith die Haube eines Ufos aufriss, um dem Alien wütend eine zu scheuern. Das geht mit Wolken nicht. Und dieses Bewusstsein in Verbindung mit einer durch YouTube forcierten neuen Bildsprache lassen Unterhaltung durch Angst unangenehm nahe kommen.

Auf der Jagd nach dem Kick für Zuschauer und damit seiner Bereitschaft, das Medienbudget zu öffnen, geht das Kino hier in eine nächste Runde. Sie beinhaltet vermutlich eine zunehmende Unempfindlichkeit gegen das, was uns direkt bedroht. Zu oft haben wir das dann gesehen. So wie CNN-Bilder von Attentaten. Da kann dann selbst im Rolling Stone ein noch so direkt und aggressiv geschriebener Artikel über den Irak-Krieg Nähe aufbauen wollen. Er bekommt sie, aber sie löst dank entwickelter Adaptions-Strategien nichts mehr aus.

Die Gegenstrategie für höher werdende Reizschwellen hat dann vielleicht Roland Emmerich in der Tasche.

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