Solar kann bald mit Kohle- und Atomstrom konkurrieren

12.09.2007

Ein Gespräch mit Phillippe Welter, Redakteur der Solarzeitschrift Photon, die sich für eine Senkung der Mindestpreise für Solarstrom einsetzt

Wie neulich berichtet setzt sich die Solarzeitschrift Photon für eine Senkung der Mindestpreise für Solarstrom ein, so wie sie in der geplanten Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) vorgesehen ist. Angefangen hat alles vor anderthalb Jahren, als die PV-Industrie die steigenden Modulpreise mit dem Siliziumengpass zu rechtfertigen suchte. Photon rechnete daraufhin wagemutig der eigenen Industrie vor, dass das alles nicht stimmen konnte (der Beitrag ist auch im Telepolis-Heft Energie sparen nachzulesen). Seit das Umweltbundesamt die Details für die Novelle des EEG bekannt machte, behauptet die Industrie, man werde die Senkung der Vergütung nicht verkraften können - und wieder rechnet Photon der Branche vor, wie das alles nicht sein kann. Craig Morris sprach mit Phillippe Welter, Redakteur von Photon, über Inhalte der Kritik und die Politik der Zeitschrift.

Herr Welter, Photon lebt doch unter anderem von Werbeeinnahmen der Solarindustrie. Nun wollen Sie, dass eben diesen Firmen die Verkaufspreise gesenkt werden. Sägen Sie nicht den Ast ab, auf dem Sie sitzen?

Phillippe Welter: Diese Frage bekommen wir oft gestellt. Zum Teil gibt es Vertreter aus der Industrie, die mit unserer Berichterstattung nicht zufrieden sind. Aber wenn wir unsere journalistische Freiheit aufgeben, um ein paar Werbekunden zu behalten, würden wir unsere Leser verlieren.

Sie liefern aber auch den Kritikern der Photovoltaik Munition.

Phillippe Welter: Als wir Anfang der 90er Jahre angetreten sind, mit der kostendeckenden Vergütung einen Markt für die Photovoltaik zu schaffen, war es unser erklärtes Ziel, die Solarindusrie zu einer ganz normalen Industrie zu entwickeln. Das ist uns in einem Maße gelungen, wie wir uns das damals noch gar nicht vorgestellt haben.

Der Spiegel machte aber aus Ihrer Studie "The True Cost of Solar" einen Verriss der PV-Branche, die genau so geldgierig sei wie die anderen großen Energiekonzerne.

Phillippe Welter: Der Spiegel hat pointiert auf einer Seite wiedergegeben, was bei uns über 100 Seiten zu lesen ist. In der Studie geht es eben um die Kostenstruktur der Solarindustrie, nicht um die Preisstruktur. Man kann der Studie aber auch positiv entnehmen, dass wir heute sehr weit sind - insbesondere beim Argument der Kritiker, dass die Photovoltaik nie mit herkömmlichem Kohle- oder Atomstrom konkurrieren wird. Wir zeigen, dass das falsch ist.

Die Strategie, bei kleineren Umsätzen höhere Margen zu erzielen, funktioniert nicht

Die Industrievertreter sagen, dass sie die Profite auch nur in den Ausbau rückinvestieren. Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Preispolitik?

Phillippe Welter: Man müsste das Argument, dass die Industrie nicht so schnell ausbauen kann, wenn die Umsatzrendite sinkt, erstmal auf den Prüfstand stellen. Wenn wir uns die weltweite Entwicklung anschauen, sehen wir eher Belege fürs Gegenteil. Insbesondere dort, wo die Industrie große Gewinne macht, fängt sie an, träge zu werden - gerade beim Ausbau. Die chinesischen Hersteller beispielsweise haben eine niedrigere Umsatzrendite, bauen aber schneller aus.

Die Frage, wie schnell man heute ausbaut, ist aber keine Frage der Gewinne, die man heute erwirtschaftet, sondern der Gewinne, die man morgen Investoren anbieten kann. Diese Gewinne hängen eher vom Umsatz ab als von der Umsatzrendite. Das heißt, die Linie, die manche deutschen Hersteller heute fahren - lieber bei kleineren Umsätzen höhere Margen zu erzielen als bei großen Umsätzen und kleineren Margen insgesamt größere Gewinne zu erzielen - entpuppt sich gerade als eine Strategie, die nicht funktioniert.

Aber die deutschen Hersteller sagen seit ein paar Jahren, sie würden gerne mehr produzieren, wenn sie mehr Silizium hätten…

Phillippe Welter: Das behaupten einige Leute aus der Industrie. Dieses Argument bringen vor allem die Leute, die ihre Rohstoffversorgung nicht gesichert haben. Wir bei Photon weisen seit 1996 auf den drohenden Engpass in der Siliziumkette. Wir sind anfangs für diese Prognose ausgelacht worden, heute zeigt sich aber: Wer sich rechtzeitig um die sichere Siliziumversorgung gekümmert hat, wird heute kein Problem haben, beliebige Ausbauszenarien durchzufahren. Wer aber gesagt hat: "Ach komm, das wird alles nicht so schlimm", hat die erwähnten Probleme. Das ist aber weder ein Problem von Photon noch von der Politik, sondern das der Leute, die das Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Dann senken wir die Einspeisetarife in Deutschland und der Markt wandert aus - beispielsweise nach Spanien, das mittlerweile ähnliche Preise bietet wie das deutsche EEG, aber eine viel bessere Sonneneinstrahlung vorzuweisen hat.

Phillippe Welter: Die Installationszahlen wären hierzulande rückläufig. In der Tat ist an diesem Argument ein Körnchen Wahrheit. Wenn man sich aber auf eine Diskussion einlässt, die lautet: "Welches Land bekommt wie viel von der weltweit produzierten Solarmodulmenge", dann muss man aus ökologischer Sicht auch sagen, dass es entweder irrelevant ist, wo diese Mengen hingehen, oder man sagt, es ist sogar gut, wenn mehr nach Spanien geht, weil dort mehr Watt pro Modul erzeugt wird.

Aber die Frage ist trotzdem falsch gestellt. Wichtiger ist, dass die weltweit produzierte Menge auch unterkommt. Der spanische Markt ist derzeit eine Art schwarzes Loch. Innerhalb dieser 12 Monate oder bis der Deckel erreicht ist, gehen sehr große Mengen nach Spanien. Wenn aber der Deckel erreicht ist, ist der Markt vermutlich wieder dicht. Dann wird sich die Solarindustrie nach einem anderen Markt umschauen müssen. Wer nimmt dann die Gigawatts auf? Dann gibt es nur den deutschen Markt.

Wenn der deutsche Markt diese Funktion weiterhin erfüllen soll, - es ist ja die wichtigste Funktion im weltweiten Spiel der Märkte, denn Deutschland ist das einzige Land auf der Erde, das unlimitiert Solarmodule aufnehmen kann -, dann muss dieser Markt politisch stabil sein. Die Kosten, die der Verbraucher zu tragen hat, müssen so sehr im Rahmen bleiben, dass es nicht auf einmal politischen Gegenwind gegen die Solarenergie gibt.

Deshalb hat das Umweltbundesamt mit der vorgeschlagenen Novelle des EEG aus unserer Sicht genau in die richtige Ecke getroffen. Die Mehrkosten werden in dem Rahmen bleiben, den die Verbraucherverbände für vertretbar halten, und auf der andere Seite bleibt der Industrie weiß Gott genug Spielraum, um ihre Margen zu halten und weiterhin ausbauen zu können. Wir finden von daher, dass der Vorschlag des Ministeriums sehr ausgewogen ist.

Dann hoffe ich, dass Sie recht behalten und danke Ihnen fürs Gespräch.

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