Russische Doomsday-Machine

15.09.2007

Eine nukleare Weltvernichtungsmaschine, á la Kubricks "Dr. Strangelove" würde in der heutigen Welt anmuten wie ein übler Scherz. Doch eine solche wurde 1984 von der Sowjetunion in Betrieb genommen – und könnte immer noch aktiv sein

Spätgeborene mögen mit einem gewissen Neid auf die Generation des Kalten Kriegs zurückschauen. In Zeiten von globalem Terror, schmutzigen Bomben und asymmetrischer Kriegsführung kann der Gedanke an die binäre Konstellation der Konfrontation zweier Supermächte schon mal nostalgisch aufgeladen werden. Damals waren die Fronten immerhin klar verteilt. Auf der einen Seite waren die Sowjets, auf der anderen die USA und dazwischen nicht viel zu deuteln. Sollte irgendwer die Contenance verlieren, war alles andere Essig. Für Nostalgiker des Kalten Kriegs gibt es nun jedoch ein echtes Kleinod, auf das Peter D. Smith in seinem neuen Buch "Doomsday Men – The Real Dr. Strangelove and the Dream of the Superweapon" aufmerksam macht. Festhalten kann man schon mal: Die Wahrscheinlichkeit dass die Menschheit durch einen dummen Zufall ausgelöscht wird, ist heute ebenso hoch wie damals.

Szene aus Kubricks Film Dr. Strangelove

Think Again: Dr. Strangelove

In Smiths kürzlich in Großbritannien erschienenen Buch befasst sich der Autor mit der Suche nach der ultimativen Massenvernichtungswaffe, wobei er unter anderem auch ein System beschreibt, das der "Doomsday Machine" ähnelt, die bereits in Stanley Kubricks Dr. Strangelove porträtiert wurde. Bei Kubrick handelt es sich um ein vollautomatisches Computersystem, das im Fall eines nuklearen Angriffs ungeachtet der Umstände den Gegenschlag einläutet. Im Film kommt es dann auch, wie es kommen muss. Ein paranoider Army General weist eine Fliegerstaffel an, die Sowjetunion zu bombardieren, und obwohl selbst der sowjetischen Führung klar ist, dass es sich um einen Unfall handelt, kann die Weltvernichtungsmaschine nicht mehr gestoppt werden.

Was bei Kubrick reine Satire ist, könnte allerdings bis heute Realität sein. Denn Smith beschreibt in seinem Buch ein ähnliches System, welches keine Fiktion geblieben ist: Unter dem Namen Perimetr wurde es von den Sowjets 1984 in den Kosvinsky-Bergen in Betrieb genommen.

Computer wird zur höchsten Autorität

Das Perimetr-System wurde für den Fall konzipiert, dass die sowjetische, bzw. russische Führung durch einen schnell durchgeführten Enthauptungsschlag nicht mehr in der Lage wäre, die massive Vergeltung auszuführen. Ein solcher Fall wurde möglich, da mit Nuklearwaffen bestückte U-Boote einen nuklearen Angriff mit minimaler Vorwarnzeit durchführen konnten. Perimetr verfügt daher, nachdem es aktiviert wurde, über die Möglichkeit das komplette russische Atomwaffenarsenal abzufeuern, sobald es nukleare Explosionen auf russischem Gebiet ortet und keine Kommunikation mit Moskau mehr möglich ist.

Einen Unterschied zur Kubrickschen Doomsday Maschine gibt es allerdings: Das Perimetr-System ist semi-automatisch, das heißt, ein Offizier ist vonnöten, um den letzten Knopf zu drücken. Dieser Offizier hat seinen Posten in einem der tief eingegrabenen Bunker in den Kosvinsky-Bergen. Versetzt man sich in die Lage dieser letzten Kontrollinstanz, gibt das nicht unbedingt Grund zur Entwarnung. Tief in einem Berg eingegraben, jeder Kommunikation mit der Führungsschicht beraubt und von einem dazu autorisierten Computersystem aufgefordert, den Knopf zu drücken, würde dieser Offizier wohl kaum die Friedenstaube in sich entdecken. Im Unterschied zum Gegenschlagssystem, wie es von den USA gegenwärtig praktiziert wird, ist beim Perimetr-System kein Befehl mehr von einer übergeordneten Stelle nötig. Die Rolle dieser Autorität wird kurzerhand vom Computer eingenommen.

Auffälliges Interesse der Bush-Administration an "Bunker-Bustern"

Zwar ist der aktuelle Status des Perimetr Systems unbekannt und unter Analysten umstritten. So wird argumentiert, dass ein "Dead-Hand" System nur dann sinnvoll ist, wenn die jeweils andere Seite von dessen Existenz weiß. Denn nur dann würde der Anreiz sinken, einen schnellen Enthauptungsschlag durchzuführen - aufgrund der Gewissheit, dass die andere Seite immer noch zu einem Gegenschlag in der Lage wäre. Da die Sowjetunion oder die Russische Föderation jedoch nie offiziell die Existenz des automatischen Zweitschlagsystems bekannt gaben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Perimetr-System augenblicklich im automatischen Modus läuft. Dass es dazu allerdings jederzeit in der Lage wäre, wird nicht angezweifelt.

Die Existenz von Perimetr ist nach Ansicht des US-Atomwaffenexperte Bruce G. Blair auch eine mögliche Ursache für das Interesse der Bush-Administration an nuklearen "Bunker-Bustern". Diese Waffensysteme könnten in der Lage sein, Bunker wie die in den Kosvinsky-Bergen zu zerstören und somit das Perimetr-System unbrauchbar zu machen. Doch selbst mit diesen neuartigen Systemen wäre Kosvinsky kaum zu knacken, schließlich sind die Bunker von 300 Metern Granit geschützt.

Immer noch fünf vor Zwölf

Die Existenz von Instanzen wie dem Perimetr-System spiegelt aber nicht nur den Wahnsinn einer längst vergangenen Ära. Vielmehr zeigt sich in solchen Systemen, dass der Kalte Krieg immer noch weiter geführt wird. Trotz der großen Gefahren, die Systeme wie Perimetr bergen, da durch sie auch Unfälle zu einer massiven nuklearen Vergeltung führen können, basteln beide Seiten weiterhin an Strategien für mögliche nuklearen Konfrontationen.

Auch die Abwehrraketen, die in Osteuropa stationiert werden sollen, könnten durchaus dazu dienen, einen russischen Atomschlag zu vereiteln. Und die russische Führung hat vor kurzem beschlossen, regelmäßige Patrouillenflüge ihrer Nuklearbomberflotte wieder aufzunehmen.

Wenn auch in der Öffentlichkeit keine Rede mehr vom Kalten Krieg ist, das Biest erweist sich als renitent. Das sieht auch das "Bulletin of the Atomic Scientist" so. Laut der von dem Magazin regelmäßig aktualisierten Doomsday Clock", welche die Gefahr eines Atomkriegs anzeigt, ist es im Augenblick fünf vor zwölf – nach dem Tiefststand im Jahr 1991. Da stand die Uhr auf 11:43.

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