Tourismus in Portugal: Strategische Investitionen in die Zukunft?

30.09.2007

Nach Flaute-Jahren im Tourismus wird an der Algarve wieder Beton angerührt

Mehr als die Hälfte der neuen Tourismus-Projekte an der Algarve, deren Entstehung der portugiesische Staatschef José Sócrates Ende Juli des Jahres ankündigte, werden in ausgewiesenen Schutzgebieten errichtet – ganz legal. Um die Verfahren zur Erlangung einer Baugenehmigung abzukürzen, hat die Regierung ein schon bekanntes Instrument, das "Projekt mit potentiellem nationalen Interesse", investorenfreundlich runderneuert.

PIN+ und der Traum vom Fortschritt

Im Juni 2007 beschloss der portugiesische Ministerrat Maßnahmen, die Investitionen und "Qualitätsprojekte" heimischer und ausländischer Herkunft anziehen sowie "vermehrt Werte schaffen, das Exportprofil des Landes verändern und über die Modernisierung von Unternehmen einen verstärkenden Effekt auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung potenzieren" sollen. Die Regierung träumt hier nicht nur von der Schaffung einfacher Arbeitsplätze an sich, sondern von "qualifizierter" Beschäftigung. Außerdem verspricht sie sich positive regionale Auswirkungen sowie die Ankopplung an neue Märkte und neue Technologien – ein leiser Widerhall des "technologischen Schocks" aus José Sócrates’ Wahlkampf, von dem nicht viel mehr geblieben zu sein scheint als Pressekonferenzen mit Powerpoint-Präsentationen.

PIN+ steht nun als Kürzel für "Projekte mit potentiellem nationalen Interesse und strategischer Bedeutung". Bei Investitionssummen ab 200 Millionen Euro (in Sonderfällen auch schon ab 60 Millionen Euro) wird den Investoren in spe eine Entscheidung über das entsprechende Vorhaben innerhalb von zwei bis vier Monaten versprochen, bei kaum fühlbarer bürokratischer Behelligung. Die kurzen Bearbeitungsfristen sollen durch die gleichzeitige Durchführung aller nötigen Schritte bis zur Erteilung der Genehmigung erreicht werden. Bisher stellten die jeweils zuständigen Behörden separat Gutachten aus – das soll nun alles gleichzeitig in einer einzigen abschließenden Sitzung erledigt werden, die in einem Einzeldokument mit allen nötigen Gutachten resultiert. Am Ende des Verfahrens erklärt der Ministerrat sein Einverständnis mit dem jeweiligen Projekt.

Kritikern geht das entschieden zu weit. Die faktische Ausschaltung des Umweltministeriums, von Raumplanung und regionaler Entwicklung öffnet noch weiter Tür und Tor für eine neue Form des Vandalismus, die mit dem Vorläufer PIN ihren Anfang nahm. Willigen Groß-Investoren würden nun per Dekret die Filetstücke verbliebener unbebauter Landschaft steuerbegünstigt in den Rachen geschleudert werden, von jeglichen regulierenden Auflagen unbehelligt. Dass es sich hierbei oft um Naturschutzgebiete handelt, scheint völlig unerheblich zu sein.

PIN+: Grosse Pläne an der Algarve

Die allgemeine Tourismusflaute nach dem Jahrtausendwechsel war an der Algarve auch von einer gewissen Mäßigung hinsichtlich der Ausführung von Groß-Bauprojekten begleitet. Im August trat nun der neue Raumordnungsplan der Algarve (PROTAL) in Kraft. Damit will die Regierung die Bebauungsdichte in der Küstenregion normalisieren; einige der dort gelegenen Bettenburgen sollen durch Umgestaltungen attraktiver gemacht werden. Für die nächsten zehn Jahre wurde eine Obergrenze von 30,000 Aufbettungen gesetzt - wenigstens theoretisch. Denn das entspricht nicht dem durch die Tourismus-Unternehmen angemeldeten Bedarf von 60,000 Betten.

Ein freudig erregter Wirtschaftsminister Manuel Pinho erklärte jüngst die Krise des Tourismus für beendet. Nun beschwört er ein großes Potential, das es auszuloten gilt: Das Tourismus-Amt geht davon aus, dass sich bis 2015 die Zahl der ausländischen Touristen im Land bis auf 21 Millionen fast verdoppeln wird (Vergleichsjahr: 2006).

Ende Juli 2007 kündigte Sócrates den Bau von zehn neuen Tourismus-Großprojekten an der Algarve an, mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von über 1.5 Milliarden Euro. Eine Auswahl:

  1. Amendoeira Golfe in der Nähe von Silves: innerhalb einer nationalen landwirtschaftlichen Schutzzone sind auf 259 Hektar unter anderem ein Fünf-Sterne-Hotel, Eigenheime, zwei Golfplätze, Spa und Country Club geplant. Investitionssumme: 400 Millionen Euro
  2. Palmares Resort, Meia Praia, Lagos. Sonae Turismo und die Onyria-Gruppe bauen auf 200 Hektar ein Fünf-Sterne-Hotel, Apartments und Golfplatz, in nächster Nähe zur Ria de Alvor, Bestandteil des Lebensraum- und Artenschutz-Netzwerks Natura 2000. Investitionssumme: 300 Millionen Euro
  3. Hilton Conrad Palácio Valverde, Vilamoura. Portugals erstes Sechs-Sterne-Hotel, Apartments, Eigenheime, Geschäfte, 1000 Quadratmeter-Spa. Der Ministerrat setzte zu Gunsten des Projekts der Gruppen Hilton und IMOCOM den Raumordnungsplan der Gemeinde Loulé außer Kraft. Investitionssumme: 89 Millionen Euro
  4. Terras de Verdelago, Castro Marim: In einem ökologischem Schutzgebiet/ NATURA 2000 werden ein Fünf-Sterne-Hotel, Eigenheime, Golfplatz, Apartments und ein Shopping-Center errichtet. In den 1990er Jahren war hier noch jegliche Bauaktivität verboten. Mittlerweile wird das Vorhaben von Benfica Lissabon-Chef Luís Filipe Vieira neben Vale do Lobo III und Vilamoura XXI von der Regierung als essentiell für die Region angesehen. Investitionssumme: 100 Millionen Euro
  5. Almada De Ouro, ein Fünf-Sterne-Hotel, Aparthotel, Touristendorf, Golfplatz, in ökologischem Schutzgebiet/ NATURA 2000 am Rio Guadiana gelegen. Investitionssumme: 100 Millionen Euro

Das Stichwort der Stunde ist "Qualitäts-Tourismus". Mit dieser Parole wollen die Tourismus-Unternehmen vor allem die Pro-Kopf-Ausgaben der Urlauber nach oben treiben, wie José Roquette, Chef der Pestana-Gruppe, in einem mit Nachhaltigkeits-Kauderwelsch durchwirkten Expresso-Interview erklärte. Das Zielpublikum sollen nun also "qualifizierte" Touristen sein, und zwar ganzjährig. Als Köder im Kampf gegen die saisonal bedingten Schwankungen der Urlauberzahlen setzt man verstärkt auf das Produkt "Golf". Von den landesweit existenten 70 Golfplätzen befinden sich 31 an der Algarve. Längst wird der Golf-Tourismus als Goldesel der Branche gepriesen, liegen die Pro-Kopf-Ausgaben der Gäste doch um 66% (Schätzungen gehen von mehr als 260 Euro pro Tag und Kopf aus - für Einheimische eine aberwitzige Summe) über denen jener, die an Maßnahmen des traditionellen Tourismus teilnehmen. Eine Million Reisen pro Jahr sollen durch Golf motiviert sein, 50% davon teilen sich Briten und Deutsche.

Direkt angekoppelt und in Mode gekommen ist ein weiteres Markt-Segment – der Wohntourismus. Eine Studie der BES-Gruppe (Banco Espírito Santo) wies im Juli 2007 darauf hin, dass allein 23% der in ganz Portugal geplanten 38,000 neuen Wohneinheiten (Gesamtinvestition: mehr als 12 Milliarden Euro) an der Algarve platziert würden. Vorhandene Kapazitäten sollen bis 2015 verdoppelt werden. Das geht natürlich nur, wenn bis dahin auch neue Golfplätze angelegt werden: der Strategische Nationalplan Tourismus des dem Wirtschafts-und Innovationsministeriums untergeordneten Tourismus-Amts (Plano Estratégico Nacional do Turismo, PENT) empfiehlt die Aufstockung auf wenigstens 40 Plätze. Tourismus-Amt, öffentliche Hand und der lokale private Sektor wollen bis 2009 25 Millionen Euro in Golf investieren, wobei das Tourismus-Amt mit 52% den größten Anteil übernimmt. Fünf Millionen Euro sind dabei für Promotionszwecke vorgesehen, der verbleibende Anteil fließt in die Durchführung von Veranstaltungen. Zu diesem Zeitpunkt sollen dann allein 1.4 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste dem Golfspiel zu danken sein.

Das Tourismus-Amt geht in diesem Sommer an der Algarve noch weiter – mit seinem "integrierten Event-Promotion und Planungsprogramm, das sich auf Lifestyle, Glamour und Kosmopoliten-Geist konzentriert" - und pseudo-modern verballhornt "Allgarve" genannt wird.

Herdade dos Salgados in der Nähe von Albufeira. Hier werden 450 Millionen Euro investiert. Der Golfplatz der Herdade dos Salgados wirbt mit anspruchsvollem Terrain, vielen Wasserhindernissen – und seinem Naturschutzgebiets-Flair: "A golf course like Salgados can serve almost as a nature reserve, providing shelter, water and food for its birds. The golf course occupies half of the old marsh offering the birds two different habitats from which to choose. The little creek, with its diversity of vegetation, is very useful to wildlife, while the remains of the dunes are ideal for Plovers and nesting Terns." Die Wasserknappheit an der Algarve scheint angesichts der geplanten neuen Golfplätze vergessen. Quelle: google earth, 37° 5'38.46"N, 8°19'23.54"W.

Ob immer neue Hotelanlagen oder Golfplätze automatisch zu "Qualitätstourismus" und dieser dann das Land aus der Wirtschaftskrise führen werden, bleibt fraglich. Die eigentliche Aufgabe von PIN+ wird dadurch konterkariert. Ebenso bedenklich ist die Tendenz, dass sich der Staat die Ausweisung von "Projekten mit potentiellem nationalen Interesse und strategischer Bedeutung" von starken wirtschaftlichen Interessenverbänden diktieren zu lassen scheint. Vorzugsweise in ausgewiesenen Schutzgebieten, nun völlig ungestört von jeglicher Form der Regulierung.

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