Erhebliches Gefährdungspotential

Thomas Pany 13.09.2007

Konvertiten-Register und moslemische Mengenlehre

So habe er das nicht gesagt. Niemals habe er ein Zentralregister für Islam-Konvertiten in Deutschland gefordert, weist Wolfgang Bosbach alle anderslautenden Berichte zurück.

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Auf der Webseite des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union wird die Wahrheit von der Dichtung in dieser Sache genau geschieden. Zwar räumt Bosbach demzufolge ein, dass die "Konvertitenproblematik" eine Problematik ist, zwar "nicht die alleinige, aber wir wissen nicht erst seit der vergangenen Woche, dass hier ein erhebliches Gefährdungspotential ist."

"Bosbach", so heißt es auf seiner Webseite weiter, "hat sich jedoch ausdrücklich dagegen ausgesprochen, radikalisierte Islamisten in einen Topf zu werfen mit Konvertiten, die etwa wegen der Eheschließung mit einem Moslem zum Islam übertreten. Der Glaubenswechsel sei nur dann eine sicherheitsrelevante Information, wenn der Konvertit etwa gleichzeitig Kontakt zu bekannten Gefährdern habe oder eine Moschee besuche, in der Hass gepredigt werde".

Darauf folgt dann der Satz, der wahrscheinlich den Zünder für die Debatte um das Konvertiten-Register gab:

Dann kann man die Information in der Anti-Terror-Datei festhalten.

Der Ruf nach stärkerer Überwachung dürfte niemanden überraschen, ebensowenig dass in der Diskussion, die auf den Satz in der Fernsehsendung unweigerlich folgte, dann Beckstein Bosbach beisprang und seinerseits deutlich machte, dass "gerade unter Konvertiten die Gefahr der Radikalisierung und Hinwendung zum islamistischen Extremismus besonders groß" sei.

Ob das so stimmt, weiß niemand ganz genau, aber das ist halt der Satz, der von einem Innenpolitiker der Union erwartet wird; genau wie die übliche Distanzierung und Höflichkeitsadresse an die moderaten Muslime: Es gehe nicht darum, Menschen, die zum Islam konvertiert seien, unter Generalverdacht zu stellen.

Aber läuft es letzlich nicht genau darauf hinaus, trotz der nachgetragenen Einschränkung? Vor dem letzten Dienstag interessierte sich kaum jemand für Menschen, die zum Islam konvertierten. Seither aber rücken sie zunehmend in ein Interesse, das grundlegend durch den Verdacht gekennzeichnet ist, wonach Muslime den Westen und seine Werte verachten und deswegen leicht für radikale Strömungen zu gewinnen sind.

Double-Use-Rhetorik

Zwar hat diese Annahme gegenüber Muslimen in konkreten Erfahrungen in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis wahrscheinlich nur für die allerwenigsten Auswirkungen; in der medial vermittelten, abstrakteren und pauschalen Rezeption der Muslime ist sie dagegen durchaus von Bedeutung. Dass dieses Vorurteil nicht ohne Grundlage bleibt, dafür sorgen die Attentäter und Terroristen, die ihr "bismillah" ("im Namen Gottes") und ihr "allahu akbar" ("Gott ist groß") auch in Bekennerschreiben laut hinausschreien.

So gesehen stimmt die Generalsverdachts-Distanzierung von Bosbach und Beckstein eben nicht. Sie ist ein unaufrichtiges öffentliches Beruhigungsmanöver, das einer Stimmung gilt, die man gleichzeitig am Leben hält und nährt. Die Muslime in Europa stehen dauernd unter Generalverdacht. Das wissen die Innenpolitiker und sie arbeiten mit diesem Verdacht. Verdächtigt wird selbstverständlich nicht der brave türkische, pakistanische, syrische, libanesische, afghanische Händler, der einen Namen hat und dem wir täglich begegegnen, verdächtigt wird die namenlose unbekannte Teilmenge, die sich in der großen Gesamtmenge der Muslime findet.

Die Angst: Registrieren ist nur der erste Schritt

Wer zur Schnittmenge der Muslime, die verdächtige Internetseiten liest, Hasspredigern zuhört etc. und die Sympathtie für radikale Auslegungen auch in radikale Handlungen übersetzt, gehört, weiß man aber meist erst nachher. Dass die vor Zeugen gesprochene Schahada deswegen prophylaktisch als Eintritt in eine verdächtige Teilmenge gewertet werden soll, ist allerdings sehr bedenklich. Sulaiman Wilms, ein Muslim deutscher Herkunft, wertet Versuche, Konvertiten datenmäßig genau zu erfassen, als angstmachenden Schritt: "Erst will man die Registrierungspflicht und dann die Kennzeichnungspflicht." Die Logik, die hinter solchen Vorschlägen stecke, lasse fürchten, dass man Personen, die zum Islam übergetreten sind, künftig bloßstellen würde wie Pädophile in den USA.

Wie groß die Menge der zum Islam übergetretenen Deutschen ist, weiß niemand genau zu sagen; Schätzungen schwanken zwischen 18.000 und 400.000. Ähnlich diffus ist die Einschätzung der Motive. Umfassende Forschung zu diesem Thema gibt es nicht, wie der FAZ-Fachmann Günter Lerch heute feststellt.

Nähe zum linken Spektrum

Eine Befragung von zwei deutschen Konvertiten brachte zwei völlig unterschiedliche Haltungen zu jenen, die diesen Schritt machen, ans Licht.

Während dem einen, Chefredakteur einer islamischen Zeitung, jede Spekulation über die Motive zum "Übertritt" widerstrebt, da sie meist mit banalen psychologischen Argumenten hausieren geht ("Nestwärme"), gab der andere, ehemals Herausgeber einer regionalen muslimischen Zeitung, zu bedenken, dass man durchaus Konvertiten beobachten könnte, die mit dem Übertritt bewußt auch in ein "politisches Spannungsfeld gehen".

Die Aufmerksamkeit in den letzten Jahren habe dem Islam auch in neue politische Schwingungen versetzt, was ihn für Oppositonelle und Aussteiger besonders interessant mache. Wer früher Punk geworden wäre, der würde sich jetzt vielleicht für den Islam interessieren. Die muslimischen Gemeinschaften müssten sich auf jeden Fall auch darüber Gedanken machen, wer zu ihnen übertreten wolle. Politische Haltungen würden auch zum Mortivbündel dazugehören und es sei kein Zufall, dass man bei vielen eine Nähe zum "linken Spektrum" beobachten könne.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26181/1.html
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