Liebe in Zeiten der Heuschrecken

Rüdiger Suchsland 15.09.2007

Eine Reise durch Deutschland, das von der New-Economy geprägt ist: Christan Petzolds dokumentarisch-surreales Passagenwerk "Yella"

Eine Frau mit Geheimnis: Yella ist Verführerin und Verführte, und so ist "Yella" ein Film über Illusionen und ihre Enttäuschung, über Desillusionierung und Märchen. Die Täuschungen spiegeln sich hier gegenseitig. Lange Zeit sieht sich das an wie eine Prinzessinnengeschichte: Aschenputtel wird gerettet, wird brillant, und bekommt einen Mann. Doch dann wird es doch etwas ganz anderes: Ein Film darüber, dass die Verhältnisse, die Institutionen und das System stärker sind als die Menschen, und dass nicht nur die an ihnen zugrunde gehen, die sich ihnen widersetzen.

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Ich mag keine Filme, die sich erst erschließen, wenn man das Ende gesehen hat. Solche 'Geheimnisse' sind ja wie früher bei einem Francis Durbridge-Vierteiler in den 60er Jahren. Da hat der Kabarettist Wolfgang Neuss das Ende verraten, und sich den Hass aller aufrechten Deutschen zugezogen. Die ganze Bundesrepublik verfiel in einen Zustand furchtbarster Aggression auf Wolfgang Neuss.

Ich mag ein Kino, das gegenwärtig ist in jeder Filmsekunde und nicht nur vom Ende und vom Plot her lebt. Darum habe ich bei einer Voraufführung einfach vorher den Zuschauern gesagt: Was wir jetzt sehen, das ist der Traum einer Sterbenden. Das hat dem Film überhaupt keinen Abbruch getan, und deswegen werde ich in Zukunft den Zuschauern immer das Ende des Films verraten. Ich habe den gar nicht dramaturgisch so angelegt, dass man am Schluss erstaunt sagt: "Boah, die ist ja tot!" Im ganzen Film sind so viele Zeichen offen präsentiert, nicht einmal versteckt, dass jeder etwas aufmerksame Zuschauer begreift: Hier stimmt etwas nicht.

Christian Petzold
Alle Bilder: Piffl Medien

Auch im Kino gibt es keine Metaphysik und keinen transzendenten Kern mehr, und wer da dennoch auf die schöne Irritation des unbedarften, unaufmerksamen, nichtdenkenden Zuschauers pocht, der kratzt in Petzold-Filmen gerade mal an der Oberfläche. Petzolds Filme handeln von prekären Verhältnissen, und das ist eben nicht unbedingt ökonomisch gemeint: Alles steht auf schwankendem Boden, die Realität selbst hat Risse, und das kann ein Grund zur Angst sein, aber auch das Glück der Freiheit.

Passagiere zwischen Geisterstadt und Imagination

"Wenn es Unfälle gibt, dann beginnt das Kino." - auch das hat Christian Petzold mal gesagt, um zu erklären, warum in seinen Filmen - "Die innere Sicherheit", "Wolfsburg" - Unfälle, vor allem welche mit dem Auto, eine so große Rolle spielen. Und nur ein Scherz war diese Antwort nicht. Denn wenn Fernsehen vom Immergleichen des Alltags handelt, dann dreht sich Kino um das Außergewöhnliche, um den Einbruch des Schicksals in den täglichen Trott.

Tatsächlich gibt es in "Yella" schon kurz nach Beginn einen Autounfall. Das Auto als Kinomaschine, als Druckkammer, das ist - dem US-Road-Movie entlehnt - ein weiteres Petzold-Leitmotiv. Nicht nur im amerikanischen Kino handeln die besten Filme vom in-Bewegung-sein, vom Zustand des Transit. Die Menschen sind Passagiere des Lebens. Auch die Titelfigur Yella ist ein solcher Passagier, eine Frau, die sich in einem Traumzustand befindet. Und Autos, Züge, Brücken, Hotels sind die Schauplätze dieses wunderbaren Films.

In 90 Minuten zeigt Petzold Yellas Reise zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Wittenberge, das hier aussieht wie eine Geisterstadt in einem Traum des 19. Jahrhunderts, und Hannover, das hier vor allem aus der kühlen fuktionalistischen Architektur des Expo-Geländes besteht, einer völlig künstlichen, ganz und gar imaginären Landschaft - eine "documenta" des Kapitalismus.

Gefühle als Handelsgut

Yella macht etwas, was man bei uns eigentlich nicht macht: Im Abendland steht die Liebe über allem. Sie schlägt die Klassengegensätze, sie kann zwischen Arm und Reich stattfinden, jüdisch und islamisch, es gibt im Westen tausende von solchen Romeo-und-Julia-Geschichten. Yella aber ist eine Frau, die einen Mann verlässt, weil er nichts mehr hat. Weil er sie nicht mehr ernähren kann. Nicht weil er sie schlecht behandelt, weil er sie schlägt oder so… In der gesamten Ex-DDR gibt es einen wahnsinnigen Frauenmangel, weil die Frauen da weggehen. Die sind Glückssucherinnen, die wollen alle weg. Die Männer sind träger. Die wollen bleiben, das sind Söhne.

Christian Petzold

Dieser Gatte, seine Besetzung genauer gesagt, ist der einzige Schwachpunkt des Films. Man nimmt Nina Hoss dieses große Kind, dieses Riesenbaby Hinnerk Schönemann einfach nicht ab. Oder nur unter dem Gesichtspunkt, dass sie einen Ernährer suchte - was sie aber kleiner und kälter macht.

"Glückssucher" ist das Stichwort, um sie zu beschreiben. Denn so sehr dies ein Märchen ist - "von einer die auszog…" - so sehr ist es auch ein Western, eine Auswanderergeschichte. Alles an dieser Figur ist voller Sehnsucht. Wasser wird zum Symbol einer Taufe, einer Neugeburt, nach der Yella Momente des Glücks empfinden kann, obwohl das Schicksal seinen Lauf nimmt.

Yella entflieht ihrer Herkunft, verlässt ihren Mann, verliebt sich neu, und reist durch ein Deutschland, das von den Menschen, Gesten und der Sprache der New-Economy geprägt ist. Sie alle wollen etwas kaufen oder verkaufen und auch die Gefühle scheinen in dieser Welt mitunter zum Handelsgut geworden.

Ein Horrorfilm

Dieses untergründig pessimistische Lebensgefühl wird von Petzold und seinem Stamm-Kameramann Hans Fromm in sorgfältig komponierte, minimalistische, hypnotische Bilder getaucht, und umrahmt mit der Musik von Beethovens "Mondscheinsonate". Präzis voller Stilwillen erzählt und inszeniert Petzold, mit Liebe, Subtilität und einer Ironie, die immer dort einhält, wo sie ihre Figuren preisgeben könnte.

Im Zentrum aber steht Yella, eine rätselhafte Frau, die immer nur ein rotes Kleid trägt, und deren Leben mitunter von kurzen, merkwürdigen Unterbrechungen gestört wird - eine romantische Figur. Mitunter kreisen Raben über ihr am Himmel. "Yella" ist das Portrait einer Träumerin, einer Frau, die nicht an das Scheitern glaubt, sondern die auf der Suche nach Neuem ist, angetrieben von der Sehnsucht nach etwas Wirklichem.

Der Film markiert visuelles Terrain und einen ästhetischen Anspruch, wie er im unterhaltungsfixierten, deutschen Film bislang selten betreten wird. Und wer die berühmte US-Short-Story "Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke" von Ambrose Bierce (1842-1914) kennt, der begreift, dass sie hier Pate stand: Bierce, der viele, oft mysteriöse Novellen zum Amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben hat, erzählt hier von einem Mann, der über einer Brücke hingerichtet wird. Er soll gehenkt werden, das Seil reißt, er fällt in den Fluss, die Henker schießen, doch die reißende Strömung trägt ihn davon, er kann sich ans andere Ufer retten. Er kann an Land gehen, und versucht, nach Hause zu kommen - also auch den Krieg zu verlassen. Es geht also auch darum, dass einer aus Verhältnissen weg will, die er nicht mehr versteht. Nach Hause, in die Normalität.

Doch die Verhältnisse erweisen sich als stärker. Denn die Bierce-Figur orientiert sich auf dem Weg nach Hause an Sternen, die er kennt, aber auch nicht kennt, an Pflanzen, die er schon mal gesehen hat, die ihm nun aber anders vorkommen. Und er erreicht die Ranch seiner Familie auf eine Weise, wie er sie noch nie betreten hat… Alles hat verzerrte Perspektiven. Und dann objektiviert der Erzähler die Erzählung, und man begreift, dass er immer noch hängt und nun stirbt.

Auch zum hieran angelehnten Film Herk Harveys "Carnival of Souls" von 1962 findet man viele Ähnlichkeiten: Die kreischenden Krähen, der Sturz von der Brücke in einen Fluss, ein Leben auf dem Grad zwischen Realem und Irrealem. So liegt in diesem Film auch ein veritabler Horrorfilm verborgen, eine Geistergeschichte, der Petzold eine ganz eigene, persönlich Färbung und Aktualität gibt.

Tatsächlich werden die Zeichen des Realitätsrisses, der Irrealität des Erlebens der Hauptfigur offen präsentiert: Der Mann, den Yella in Hannover kennenlernt, trägt denselben Anzug wie ihr Mann. Der Wagen den er fährt, hat die gleiche Lackierung.

Hoss arbeitet nach "Toter Mann" und "Wolfsburg" nun bereits zum dritten Mal mit Petzold. "Toter Mann" war die Geschichte einer kalkulierten Verführung. Sie hieß dort Leyla und kämpfte mit den Dämonen ihrer Erinnerung. Sie glaubte sie nur durch Blut abwaschen zu können, und der Film war eine moralische Tragödie in der Form, in der er die Verabschiedung dieser alttestamentarischen Auge-um-Auge-Motral zelebrierte.

Allerdings blieb Leyla hier immer eine aktive Figur, eine Täterin auf ihre Art. Hoss' Laura in "Wolfsburg" war hingegen eine Passive. Yella verbindet beide Elemente. "Eine Frauenfantasie" hat Petzold den Film genannt. Hoss' Frauenrollen haben bei allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten: Es sind Geschichten über das Verhältnis von Kapital und Emotion.

Yella in den Städten

Eine überfällige Anerkennung dieser seit Jahren konstanten Leistung, besonders in Petzolds Filmen, war im Februar der Silberne Bär den Hoss für "Yella" bei der diesjährigen Berlinale gewann. Hoss begründet ihre Liebe zu Petzolds Arbeit mit der Freude, die es macht, mit ihm zu arbeiten: "Er ist einer von wenigen, die beim Dreh einen Raum und eine Atmosphäre schaffen, in der man als Schauspielerin nie in ein Leere fällt."

Petzold nennt das "kleine Seminare", er zeigt den Schauspielern Filme liest mit ihnen Literatur, "ich lüfte gewissermaßen mein Büro". Gezeigt hat er "Marnie" von Hitchcock, eine Frau, die immerzu von Erinnerungsfetzen heimgesucht und irritiert wird. Auch "Wanda" von Barbara Loden und "Stromboli" von Roberto Rossellini. Alles Frauen auf Wanderschaft zwischen den Welten. Vor allem "Stromboli" und Ingrid Bergmans Auftritt kann man in der Betrachtung von Nina Hoss' Körperlichkeit, ihrem starren angespannten Gang - wie aus einer anderen Welt – wiedererkennen.

"Yella" steht in vielerlei Hinsicht im Dialog mit der Filmgeschichte. Zunächst einmal - dies ist wohl vor allem ein Spiel - mit der eigenen von Petzold: Dieser seltsame, seltene Name Yella ist ein Anagramm des Namens Leyla, den Hoss wie gesagt in ihrem ersten Petzold-Film trug. Der Vornahme ist auch eine Art Zitat aus der Filmgeschichte: Yella Rottländer hieß das Mädchen, dass 1974 ganz wunderbar die Titelrolle in Wim Wenders' "Alice in den Städten" spielte - davor und danach, eigentlich nichts, was sie zu einer Art Phantom der deutschen Filmgeschichte werden ließ.

Nicht ohne Risiko: Im Mondschein der New Economy

Der Film taugt auch als soziologische Analyse. Harun Farockis bizarr-brillanter Dokumentarfilm "Nicht ohne Risiko" über die Verhandlung eines mittelständischen bayerischen Unternehmens mit einer britischen Hedge-Fonds-Firma, bildet die Quelle.

Jeder Satz, der in den Verhandlungen in meinem Film gesprochen wird, stammt aus diesen zwölf Stunden Aufzeichnungen. Nur was Devid Striesow im Auto sagt, habe ich hinzuerfunden.

Petzold kritisiert und analysiert diese Welt, aber er verachtet sie nicht:

Das ist sehr hart. Wenn Franz Müntefering von "Heuschrecken" spricht, denkt man immer noch an die SPD der 20er Jahre. An dickbäuchige Zylinderträger mit Pfeife und ausgemergelte Arbeiter. In der Wirklichkeit spielt sich eine andere Erzählung des Kapitalismus ab: Mozart, Tageslicht und zwischen sehr sehr gebildeten Menschen. So wie wir uns das gar nicht vorstellen können.

"Yella" erfasst die sprachlichen Nuancen, die Gesten und Rituale, einer Welt, die den meisten von uns verschlossen bleibt. Eine schöne Welt ist das nicht, auch wenn sie für Yella kurzfristig etwas Trost zu bieten hat. Auch hier geht es um Luftnummern, um den Handel mit Fiktionen, um den Zusammenhang zwischen Kapital und Emotion. Und darum, dass jede Blase irgendwann platzt. Am Ende also siegt die Desillusionierung, und es wird deutlich, dass die Verhältnisse, die Institutionen und das System stärker sind, als die Menschen, und das nicht nur die an ihnen zugrunde gehen, die sich ihnen widersetzen.

Was an "Yella" aber am meisten fasziniert, ist seine Präzision und Beobachtungsgabe und die Fähigkeit des Regisseurs, diese mit poetischer Phantasie zu verbinden. Diese romantische, schicksalhafte Traumwanderung über das Nebelmeer ist auch ein Alptraumtrip. Allerdings ein wunderschöner. Präzis bringt "Yella" somit das Lebensgefühl unserer Tage, die Traurigkeit und das Glück der Todgeweihten zum Ausdruck. "Bonnie and Clyde" im venture capital, Liebe in Zeiten der Heuschrecken.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26195/1.html
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