Das Erbe des "Eisernen Emirs"

17.09.2007

Warum die Bundeswehr auch im Norden Afghanistans mit Taliban rechnen muss

Das öffentliche Bild des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan ist davon geprägt, dass deutsche Truppen nur im Norden stationiert sind, wo es keine Paschtunen und damit auch keine Taliban gäbe. Tatsächlich ist das Gebiet um Kundus aber seit Ende des 19. Jahrhunderts ein ethnischer Hexenkessel mit paschtunischen Wehrdörfern innerhalb des Usbekengebiets. In den zwei Provinzen Kundus und Takhar leben derzeit 32,91 % Usbeken, 27,34 % Tadschiken, 22,45 % Paschtunen, 13,74 % meist nomadische oder halbnomadische Turkmenen und 3,47 % Hazara.

ISAF in Afghanistan. Karte: Wikimedia Commons

Seit 1839 hatten die Briten vergeblich versucht Afghanistan zu erobern. Was sie schließlich erreichten, war die Besetzung eines Teils des paschtunischen Siedlungsgebiets und die Installation von Abdur Rahman, eines Sprosses der paschtunischen Baraksai-Dynastie aus dem Durrani-Stamm, am 22. Juli 1880. Der von den Engländern auf den Thron gebrachte "Eiserne Emir" gilt als einer der grausamsten Despoten des 19. Jahrhunderts.

Nach heutigen Kriterien würde er als ausgewiesener Völkermörder gelten: 1893 eroberte er den Hazaradschat und verschleppte zahlreiche Hazara als Sklaven nach Kabul. Noch schlimmer erging es den Bewohnern "Kafiristans" ("Land der Heiden"), das nach der Eroberung in "Nuristan" ("Land der Erleuchtung") umbenannt wurde: Sie wurden bis auf den letzten Mann vor die Wahl gestellt, entweder den Islam anzunehmen oder getötet zu werden. Durch den Friedensschluss hatte der Emir westlich der Durand-Linie freie Hand. Zudem erhielt er von den Engländern, die die Völkermorde wenig kümmerten, solange seine Stammeskrieger das Zarenreich in seinem Vordringen nach Süden zurückhielten, auch Wirtschafts- und Militärhilfe.

Der "Eiserene Emir"

1881 revoltierten die Ghilzai, einer der zwei wichtigsten Paschtunenstämme. Erst 1887 war ihr Aufstand niedergeschlagen. 1888 rebellierte der Cousin des Emir, Ishak Khan, im Norden - ebenfalls erfolglos. Weil sowohl Paschtunenstämme als auch andere Volksgruppen gegen ihn rebellierten, beherzigte Abdur Rahman das Motto "divide et impera" und siedelte Paschtunen im Norden an - unter anderem in der Gegend um Kunduz. Ein Erbe, an dem Afghanistan heute noch leidet.

Aufgrund des durch die Umsiedlungen des "Eisernen Emirs" zurückgehenden Paschtunenanteils war Kundus zeitweise auch in den 1990ern eine Taliban-Insel im von der Nordallianz beherrschten Gebiet. 2500 Taliban hielten die Stadt gegen eine Übermacht der Nordallianz.

Volksgruppen in Afghanistan

Der größte Teil der Landbevölkerung der Umgebung sind dagegen Usbeken. Neben 20 Millionen in Usbekistan leben weitere 5 - 6 Millionen davon verteilt in den umliegenden Staaten, zwei Millionen davon in Afghanistan. In Tadschikistan machen Usbeken etwa ¼ der Bevölkerung aus. Dafür sind die auf usbekischem Gebiet liegenden Städte Samarkand und Buchara mehrheitlich tadschikisch besiedelt. Städte sind in diesem Teil Asiens traditionell tadschikisch geprägt, auch wenn ihr Umland von einer anderen Volksgruppe bewohnt wird.

Tadschiken sind europid und sprechen den Farsi-Dialekt Dari, der, je nach Zählweise, noch von zwei bis drei anderen Volksgruppen in Afghanistan gesprochen wird, den Aimaken, den Hazara und den Pamiris. Die Aimaken sind mongolide Sunniten, die Hazara mongolide Schiiten. Die europiden und ismailitischen "Pamiris" werden häufig zu den Tadschiken gerechnet, beharren aber gegenüber dieser sunnitischen Volksgruppe auf Eigenständigkeit. Sie leben im äußersten Nordosten Afghanistans, in der zwischen Tadschikistan und Afghanistan geteilten Provinz Badakhshan.

Die vorwiegend paschtunischen Taliban verübten während ihres Eroberungsfeldzuges in der zweiten Hälfte der 1990er ihre Grausamkeiten und Massaker vor allem an anderen Volksgruppen. Im Norden entwickelte sich der Krieg der Taliban gegen die Warlords schnell zu einem ethnischen Konflikt: Paschtunen gegen alle anderen. So kam es unter anderem auch zu Vertreibungen wie jener der Tadschiken aus dem Shommali-Tal nördlich von Kabul. In Mazar-i-Scharif stellten die Taliban die schiitischen Hazara vor die Option, zu konvertieren, auszuwandern, oder getötet zu werden.[1].

Dabei bestand nur bedingt ein Widerspruch zwischen diesen Vertreibungen und Massakern und der Tatsache, dass auch nicht-paschtunische Islamisten auf Seiten der Taliban kämpften. Schon vor 1989 erhielten Fanatiker aus der Sowjetunion, Südostasien und den arabischen Staaten eine Terrorausbildung bei den CIA-geförderten Mudschaheddin. Etwa 100.000 Kämpfer wollten sich dort von 1982 - 92 explizit deshalb ausbilden lassen, um danach den Dschihad in ihrer Heimat weiterzuführen. In der zweiten Hälfte der 1990er schlossen sich die ausländischen Auszubildenden häufig den dezidiert islamistisch auftretenden Taliban an. Der bei weitem größte in den Statistiken als Ausländer gerechnete Anteil unter den Taliban waren und sind aber Paschtunen aus Pakistan, der Rest fast ausschließlich Islamisten aus Völkern, die nicht in Afghanistan heimisch sind: Araber, Tschetschenen, Uighuren und Moros.

Nur einige Usbeken von der mit den Taliban verbündeten Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU) bildeten eine Ausnahme. Ihre Aktivitäten richteten sich hauptsächlich auf einen islamistischen Regimewechsel in Usbekistan. Auch die durch die Terrorpläne der deutschen Konvertiten bekannt gewordene "Islamic Jihad Union" (ICU), eine Abspaltung des IMU, genießt derzeit Asyl in den paschtunischen Gebieten Pakistans.

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