Weit unter dem Durchschnitt

19.09.2007

Die neueste OECD-Studie attestiert Deutschland einen strukturellen Mangel an Hochqualifizierten und eine beispiellose soziale Auslese im Bildungsbereich

Mit der Studie "Bildung auf einen Blick" analysiert die OECD einmal im Jahr nicht nur die Qualität der nationalen Bildungssysteme, sondern auch ihr Verhältnis zueinander, mithin den jeweils aktuellen Stand der internationalen Konkurrenzfähigkeit. In den vergangenen Jahren hatte Deutschland wenig Anlass, sich auf die Veröffentlichung der Untersuchung zu freuen, denn trotz mancher Reformbemühungen und milliardenschwerer Investitionen in die Bereiche Forschung und Entwicklung waren allenfalls punktuell Fortschritte erkennbar. Auch wenn nach dem großen Pisa-Schock wieder mehr Studierende und Absolventen gezählt und bessere Schulleistungen erzielt wurden, lag der einstige Vorreiter in Sachen Wissenschaft und akademische Bildung noch immer klar unter dem Durchschnitt anderer Industrienationen. Daran hat sich auch 2007 nichts geändert.

Die gestern in Berlin vorgestellte Studie, die vor allem den Zusammenhang von Ausbildung, Arbeitsmarktsituation und Berufsperspektiven analysieren sollte, kommt für Deutschland erneut zu einem ernüchternden Ergebnis, das OECD-Generalsekretär Angel Gurría mit vergleichsweise freundlichen und aufmunternden Worten beschrieb.

Eine leistungsfähige tertiäre Ausbildung ist ein strategischer Faktor für wirtschaftliches Wachstum und sozialen Fortschritt. In diesem Bereich gibt die internationale Position Deutschlands einigen Anlass zur Sorge.

Angel Gurría

Demografischer Wandel auf dem Arbeitsmarkt

Besonders prekär ist das Verhältnis von älteren Ingenieuren oder Pädagogen und jungen Hochschulabsolventen. In Deutschland stehen 100 Ingenieuren mit Fachhochschul- oder Hochschulausbildung in der Altersgruppe von 55 bis 64 Jahren gerade einmal 90 Berufseinsteiger in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren gegenüber.

Im Vergleich zu den 19 OECD-Staaten, die für diese Untersuchung herangezogen wurden, liegt Deutschland damit weit unterhalb des Durchschnittswerts von 100 zu 190. Bei den Pädagogen sieht die Lage noch dramatischer aus. Während der durchschnittliche OECD-Staat die künftigen Rentner komplett durch junge Akademiker ersetzen kann, kommen in Deutschland nur 60 Berufseinsteiger auf 100 Akademiker im Alter von 55 bis 64 Jahren.

Wenn sämtliche Studienfächer in die Betrachtung einbezogen werden, zeigt sich noch deutlicher, in welch dramatischem Ausmaß Deutschland den Anschluss an die internationalen Standards verloren hat. Hierzulande folgen auf 100 Akademiker im Alter von 55 bis 64 Jahren 120 Graduierte im Alter von 25 bis 34 Jahren. Der Durchschnittswert der OECD-Staaten liegt bei 100 zu 230.

Diese Ergebnisse sind umso erstaunlicher als der bloße Anteil der Ingenieure an den Hoch- und Fachhochschulabsolventen noch keinen Grund zur Beunruhigung zu signalisieren scheint. Im Gegenteil, mit 15,9 Prozent liegt er sogar deutlich über dem OECD-Mittel von 12,2 Prozent. Doch die demografische Entwicklung, die in Deutschland für eine sehr viel deutlichere Reduzierung der Erwerbsbevölkerung sorgt, konterkariert diesen Trend.

Nach Ansicht der OECD-Autoren ist aber auch die "insgesamt nur schleppende Ausweitung der Hochschulbildung" für den deutschen Sonderweg verantwortlich. Derzeit sind unter 1.000 Personen eines "typischen Abschlussjahrgangs" nur 32 Ingenieure, der OECD-Mittelwert liegt bei 44.

Soziales Konfliktpotenzial: Bildungsgerechtigkeit und Einkommensverteilung

Seit Jahren weist die OECD im Verein mit zahlreichen namhaften Wissenschaftlern darauf hin, dass in kaum einem anderen modernen Industriestaat die soziale Herkunft den Bildungsweg so entscheidend beeinflusst wie gerade in Deutschland.

Zwar ist es auch in vielen anderen Ländern bisher nur ansatzweise gelungen, eine tatsächliche Bildungsgerechtigkeit umzusetzen, doch hierzulande liegt der Anteil von Akademikerkindern an den Hochschulstudenten 2,2 Mal höher als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Spanien und vor allem Irland haben dagegen gezeigt, dass es grundsätzlich möglich ist, Herkunft und Bildungsweg mit intelligenten Steuerungs- und gezielten Fördermaßnahmen zu entkoppeln.

Entsprechende Initiativen wären umso bedeutsamer als sich die Chancenungerechtigkeit mittelfristig auf die Einkommensverhältnisse auswirkt. So kamen Berufstätige mit Hochschulabschluss im Jahr 2005 auf ein Einkommen, das um 56 Prozent über dem der Arbeitnehmer mit Realschulabschluss, Abitur oder abgeschlossener Berufsausbildung lag. Vor zehn Jahren betrug diese Differenz noch 33 Prozent. Nach den Berechnungen der OECD konnten die Hochqualifizierten ihre finanziellen Vorteile nur in Italien und Ungarn noch schneller ausbauen als in Deutschland.

Folgerichtig laufen Hochschulabsolventen sehr viel seltener Gefahr, von Rezessionen betroffen und dauerhaft arbeitslos zu werden, während dieses Risiko für Geringqualifizierte ohne Berufsabschluss immer weiter steigt. 1991 betrug die Arbeitslosenquote im Bereich der Geringqualifizierten 7,4 Prozent, 2005 lag sie bei 20,2 Prozent. Noch ungünstigere Werte wurden nur für die Slowakei, Polen und Tschechien ermittelt.

Angel Gurría legte in den Zusammenhang Wert auf die Feststellung, dass sich ein Anstieg der Hochschulabsolventen in aller Regel positiv auf die Bildungsrenditen der Gesellschaft insgesamt auswirkt. Mit einer ausreichenden Zahl Hochqualifizierter lasse sich das Wirtschaftswachstum stabilisieren und ausbauen, so dass am Ende auch mehr Arbeitsplätze für Geringqualifizierte geschaffen werden könnten.

Die Bildungsexpansion war sowohl für die Individuen wie auch für die Volkswirtschaften als Ganzes positiv. Es gibt nach wie vor keine Anzeichen, dass eine Inflation universitärer Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt stattgefunden hat.

Angel Gurría

Äpfel, Birnen, Kirschen, Bananen und Melonen: Der prophylaktische Widerspruch

Wann immer das deutsche Bildungssystem derart grundlegend kritisiert wird, treten Mandatsträger auf den Plan, die entweder die ermittelten Ergebnisse bestreiten, mit einer anderen, zumeist gegenteiligen Interpretation aufwarten oder die forsche These vertreten, man sei bereits auf einem gutem Weg und der Rest allenfalls eine Frage der Zeit.

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ilse Aigner (CSU), wartete diesmal gar nicht auf die Veröffentlichung des OECD-Berichts, sondern ging schon eine Woche vorher zum Gegenangriff über.

Die OECD-Daten seien zwar rechnerisch nicht zu beanstanden, rechtfertigten aber auch keine "politischen Schlüsse", weil die Studie nicht nur Äpfel mit Birnen, sondern "auch mit Kirschen, Bananen und Melonen" vergleiche. Schlimmer noch: Das praxisnahe Ausbildungssystem der Bundesrepublik wird, so Aigner, hinsichtlich seiner Effizienz permanent unterschätzt, dabei ist es "gegenüber allen verschulten und hochverschulten Systemen eindeutig im Vorteil".

Aussagekräftiger als Akademikerquoten ist der Anteil der Bevölkerung mit einem Abschluss der Sekundarstufe II. Dieser Bevölkerungsteil verfügt über eine gute Grund- und Fachbildung und steht für qualifizierte Tätigkeiten bereit. Und in dieser Kategorie liegt Deutschland mit 84 Prozent weit über dem OECD-Durchschnitt von 67 Prozent (zuletzt 2. Platz hinter Norwegen).

Nicht die Art des Abschlusses ist entscheidend, sondern die tatsächliche Qualifikation.

Ilse Aigner

Wenn sich eine bildungspolitische Sprecherin derart voreilig äußert und positioniert, wäre es wohl angebracht, auch ein paar Worte zur sozialen Selektion des deutschen Bildungswesens oder den oben erwähnten Einkommensunterschieden zwischen berufstätigen Akademikern und Arbeitnehmern ohne Hochschulabschluss zu verlieren.

Auch der bedauerliche Umstand, dass die OECD-Länder im Durchschnitt 13,4 Prozent ihrer gesamten öffentlichen Ausgaben für Bildungseinrichtungen aufwenden, wobei die Spannbreite von 10 Prozent oder weniger (Deutschland, Griechenland, Italien, Japan, Tschechien) bis zu mehr als 20 Prozent in Mexiko oder Neuseeland reicht, hätte möglicherweise Erwähnung verdient.

Diese Mühe machten sich allerdings auch die Berufs- und Interessenvertreter nicht, die kurz nach der Veröffentlichung der Studie so gemeinschaftlich protestierten, als hätten sie den Widerspruch schon seit Monaten in der Schublade liegen.

Doch der Hinweis auf die hohe Qualität der berufspraktischen Ausbildung in Deutschland und die Dauer der hiesigen Lang- und Vollzeitstudiengänge ändert wenig an den Grundtatbeständen, zumal die Länge eines Studium ja offensichtlich gerade nicht für Qualität bürgt.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) äußerte sich bei der Vorstellung der OECD-Studie denn auch deutlich vorsichtiger als ihre Unionskollegin. Sie will im Rahmen der für Herbst geplanten nationalen Qualifizierungsinitiative neue Schwerpunkte in den Bereichen frühkindliche Bildung, Integration und Reduzierung der Schulabbrecherquote legen. Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), der momentan auch den Vorsitz der Kultusministerkonferenz innehat, erteilte der Vorstellung, die Art des Bildungsabschlusses sei nicht entscheidend oder gar nebensächlich, eine klare Absage.

Eine gute und möglichst hoch qualifizierte Bildung liegt nicht nur im Interesse des gesamten Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts, sondern sie ist zugleich der Schlüssel zum persönlichen und sozialen Erfolg.

Jürgen Zöllner

Die Opposition macht sich derweil ihre eigenen Gedanken. Priska Hinz und Kai Gehring, die bildungs- beziehungsweise hochschulpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN, werteten die OECD-Studie als "schallende Ohrfeige für die Bildungspolitik der Großen Koalition und der Länder".

Dass ihre Partei vor nicht allzu langer Zeit noch in beiden Funktionen Verantwortung trug, ohne dass sich die Situation entscheidend verbesserte, müssen die beiden im Eifer der verbalen Auseinandersetzung vergessen haben.

In Deutschland herrscht organisierte Verantwortungslosigkeit. (...) Die Bildungsmisere beginnt schon mit dem frühen Aussortieren von Kindern nach der vierten Klasse. Hier werden soziale Barrieren einer Ständegesellschaft festgeschrieben und Bildungspotenziale massiv vergeudet.

Priska Hinz und Kai Gehring

Motivationsprobleme

Dass Deutschland vor allem im tertiären Bildungsbereich deutlich hinter vielen anderen OECD-Ländern zurückbleibt, hat nicht nur mit der Situation an den Fachhochschulen und Universitäten zu tun. Tatsächlich beginnt die Bildungsmisere schon vor "dem frühen Aussortieren von Kindern nach der vierten Klasse", in dem die Kinder aus den sogenannten bildungsfernen und zumeist sozial schwachen Familien von Geburt an geringere Chancen auf Kita-Plätze, frühkindliche Förderung, Nachhilfeunterricht und dergleichen Vorteile haben.

Doch das Bildungssystem gerät nicht nur durch seine soziale Schieflage ins Wanken. Während Berufsoptimisten auf die nationale Qualifizierungsinitiative warten, diskutieren die Betroffenen an den Hochschulen über die aktuelle Qualität von Forschung und Lehre, die sich infolge von Mittelkürzungen, Personalabbau und organisatorischen Defiziten vielerorts weiter im Sinkflug befindet.

Die schwer zu beantwortende Frage, was ein Hochschulabschluss in Deutschland denn noch wert ist, wenn er mit internationalen Standards verglichen wird, verunsichert potenzielle Studenten ebenso wie die uneinheitliche Regelung der Studiengebühren, die holprige Umsetzung des Bologna-Prozesses und die von Baustelle zu Baustelle pendelnde Ziellosigkeit des gesamten Reformprozesses.

Viele Diskussionen bleiben deshalb reine Kopfgeburten und tangieren die potenzielle akademische Elite von morgen und übermorgen allenfalls am Rande. Das Dilemma des deutschen Bildungssystems ist auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wer heute nicht weiß, wie er die durch ein Studium möglicherweise vergeudete Zeit aufholen und Studienkredite jemals wieder zurückzahlen kann, wird sich mit Absichtserklärungen kaum zufrieden geben.

Insgesamt sind die Ergebnisse der OECD-Studie keine Überraschung. Sie berichten uns übrigens heute schon, dass sich im OECD-Durchschnitt 57 Prozent der jetzt 15-Jährigen vorstellen können, später ein Hochschulstudium aufzunehmen. In Korea liegt ihr Anteil sogar bei 95 Prozent. In Deutschland bei 21 Prozent.

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