Elektroschockwaffen zur Disziplinierung

Florian Rötzer 19.09.2007

Sicherheitskräfte der Universität Florida bestraften mit der Schmerwaffe völlig unnötig einen Studenten mit Elektroschocks während einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit Senator Kerry – und keiner der Anwesenden schritt ein

Taser bietet seit kurzem Elektroschockwaffen in modischem Design für Frauen an (Schicke, kleine Waffe zum Elektroschocken). Die Waffen sollen der Selbstverteidigung dienen – nicht für Sicherheitskräfte, sondern für jeden. Ähnlich wie im Fall von anderen Waffen sind auch die nichttödlichen Waffen ein höchst zweischneidiges Schwert. Sie können nicht nur von den "Bösen" und zum Angriff verwendet werden, sondern auch zur Folter und zur Unterdrückung. Faktisch machen sie die Gesellschaft nicht sicherer, sondern führen zur Aufrüstung, zur größeren Unsicherheit und zur Verrohung – gerade weil es sich angeblich um harmlose, nichttödliche Waffen handelt.

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In today’s world, maintaining self confidence involves the need for self protection. For independent, self-reliant women, the TASER C2 is an effective protection device that fits any lifestyle.

Werbung für Taser C2

Wie Elektroschockwaffen verwendet werden, führte ein Vorfall am Montag an der University of Florida vor (Video; Video). Der ehemalige Präsidentschaftsbewerber John Kerry hatte dort eine Rede gehalten und dann dem 21-jährigen Studenten Andrew Meyer die Möglichkeit gegeben, eine Frage an ihn zu richten. Der Student wollte wissen, warum er die Wahl verloren gegeben hatte, auch wenn es Wahlbetrug gegeben haben soll. Zudem sollte Kerry etwas zur Möglichkeit sagen, ob sich gegen Bush ein Impeachment-Verfahren einleiten lassen könne, und er wollte wissen, ob Kerry und Bush Mitglieder von "Skull and Bones", einem Geheimbund der Yale-Universität, seien.

Am Ende seiner etwas langwierigen Fragen ergriffen die Sicherheitskräfte der Universität ihn und wurden schnell handgreiflich, wie mehrere Videos auf YouTube zeigen, die den Vorfall dokumentiert haben. Als Meyer sich nicht fügen wollte, packten ihn einige Sicherheitskräfte, zerrten ihn nach hinten, warfen ihn auf den Boden und hielten ihn dort fest. Der überwältigte junge Mann hatte bereits mehrmals um Hilfe geschrieen, doch niemand im Raum erhob die Stimme oder schritt ein. Kerry versuchte anscheinend die Sache zu überspielen und begann damit, die "gute" Frage zu beantworten, ohne sich aber direkt an die Sicherheitskräfte zu wenden. Eine Polizistin verlangte von dem Studenten, der von sechs Sicherheitskräften auf den Boden gedrückt wurde, dass er aufhören soll, ansonsten werde er "getasert". Der aber rief weiter um Hilfe, bat darum, nicht "getasert" zu werden, und fragte, was er denn getan habe. Als Antwort wurde er von der Polizistin mit der Elektroschockwaffe mehrmals angegriffen. Ganz klar ein Akt der Disziplinierung und Strafe, denn Meyer hätte sich gegen die Übermacht der Sicherheitskräfte nicht wehren können. Unter den Objektiven der Video- und Fernsehkameras und den Augen der weiterhin schweigenden Anwesenden wurde Meyer schließlich aus dem Raum geführt.

Kerry sucht sich nun in einem Statement zu rechtfertigen und erklärte, er habe die Situation beruhigen wollen, indem er die Sicherheitskräfte abzuhalten versuchte, ihn festzunehmen, und mit der Beantwortung der Frage begonnen hatte. Dass die Sicherheitskräfte den Studenten mit einer Elektroschockwaffe traktierten, habe er nicht bemerkt, obwohl dieser laut geschrieen hatte. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte wollte er nicht kommentieren, das sei nicht seine Angelegenheit. In seiner 37-jährigen Laufbahn als Politiker habe er aber einen solchen Vorfall noch nicht erlebt. Meyer wurde über Nacht wegen Ruhestörung und Widerstand festgehalten, der Universitätsdirektor bedauerte den Vorfall und beurlaubte vorübergehend zwei der Sicherheitskräfte.

In der Studentenzeitung erklärt man sich shocked und kritisiert den völlig unnötigen Einsatz der Elektroschockwaffe. Man müssen denjenigen trauen können, die die Universität und die Studenten schützen sollen, aber man dürfe keine Angst vor ihnen haben müssen. Um die 200 Studenten protestierten am Dienstag auf dem Campus gegen die exzessive Gewalt der Sicherheitskräfte

Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art an einer Universität, bei dem die Sicherheitskräfte überreagiert hatten. Die Hemmschwellen scheinen allmählich zu fallen, wenn die völlig unnötige Anwendung der Schmerzwaffen ungeniert in aller Öffentlichkeit erfolgt. Erschreckend ist vor allem der "erzieherische", völlig unnötige Gebrauch der Schmerzwaffe an einem Studenten, der bereits von Sicherheitskräften überwältigt worden war und offenkundig deswegen mit Schmerzen bestraft wurde, weil er es wagte nachzufragen, was er denn getan habe, als er Fragen stellte. Noch erschreckender ist allerdings, dass dies in einem voll besetzen Raum an einer Universität geschehen ist, der Student lange und laut um Hilfe schrie, aber niemand auch nur die Stimme gegen das maßlose Vorgehen der Sicherheitskräfte erhob. Zu Beginn der Aktion klatschten Anwesende sogar, als die Sicherheitskräfte den Studenten abführten, bevor Kerry die Fragen beantworten konnte. Immerhin bietet das Internet die Möglichkeit, den Vorfall nachträglich über Videos zu verbreiten und auf den Skandal aufmerksam zu machen. Auf YouTube steht gerade eines der Videos auf Platz 1.

In diesem Fall verwendeten Sicherheitskräfte die Elektroschockwaffe. Doch Taser bietet die Waffen auch Privatpersonen an, was im Großteil der USA legal ist. Die neueste Kreation ist die schicke und kleine C2, die für 350 US-Dollar vor kurzem auf den Markt gekommen ist, in jede Tasche passt und auf eine Entfernung bis zu 4,5 Meter einen Stromschlag von 50.000 Volt austeilt, der große Schmerzen zufügt, bewegungsunfähig macht und vor allem Angst und Schrecken einflösst. Und weil ja angeblich, so die Werbung der Firma, nichts passieren kann, dürften die Waffen vermehrt für alle möglichen Zwecke eingesetzt werden, um mögliche Bedrohungen schon im Vorfeld auszuschalten, Opfer handlungsunfähig und gefügig zu machen, für Disziplin zu sorgen und Aufmüpfige zu bestrafen.

http://www.heise.de/tp/artikel/26/26227/1.html
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